Das RAW-Format:
Wozu roh fotografieren?

Peter Sennhauser, 31. Juli 2007 13:52 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Digitale Spiegelreflex und immer mehr kompakte Kameras können Bilder im sogenannten RAW-Format speichern. Es bietet wesentlich mehr Spielraum für Korrekturen und Kreativität – und ein paar deftige Nachteile, wenns um Speicherung und das Archiv geht.

Raw ist englisch und heisst soviel wie “roh, unbearbeitet”. Genau dafür – unbearbeitet – steht das “RAW”-Format bei digitalen Kameras.

RAW Bilder

Wie denn – die Fotos aus meiner Knipsbox sind “bearbeitet”? Oh ja – und wie. Wer sich mal in die Tiefen der Menüsteuerung seiner Kamera vorwagt, stösst auf einen Haufen Einstellungen von “Weissabgleich” über “Schärfe” bis zu “Brillianz” und dergleichen.

Während die Charakteristik einer Fotografie früher von der Wahl des Films und der Nachbearbeitung in der Dunkelkammer abhing, übernimmt in den Digitalen der eingebaute Prozessor einen Grossteil der Anpassung an äussere Umstände. Und wie jeder Computer ist er ziemlich beschränkt in seiner Wahrnehmung.

Davon kann ein Lied singen, wer schon mal im Schnee oder an einem Sandstrand fotografiert und dazu nicht das entsprechende Motivprogramm gewählt hat: Die Aufnahmen wurden flau und unansehlich. Und sie sind auch am PC kaum noch zu retten. Ausser, sie wurden als RAW fotografiert.

Der Grund dafür liegt in der Verschlimmbesserung der Kamera – oder vielmehr ihres Prozessors, der ständig versucht, die Bilder zu verbessern, dabei aber immer auf Durchschnittswerte abstellt.

Zum Beispiel darauf, dass ein normales Foto einen immer ungefähr gleichen Anteil an weissen oder sehr hellen Flächen hat. Wenn das nicht der Fall ist, geht der Prozessor entweder von einem überbelichteten Bild oder von einem falschen Weisswert aus – weil er eben nicht “weiss”, dass ein Sandstrand viel mehr helle, gelbliche Fläche aufweist als eine grüne Wiese. Und wenn er das “korrigiert”, ist das Bild zu dunkel und/oder es hat einen Farbstich.

Wir werden auf fokussiert.com auf die Vielfalt von Korrekturen in der Kamera und in der Digitalen Dunkelkammer (sprich Programmen wie Photoshop, PaintShop Pro, Lightroom und Aperture) zurückkommen. Vorerst wollen wir nur darauf hinweisen, dass das, was die Kamera an JPG-Bildern auf den Chip speichert, keineswegs das ist, was an Licht auf den Sensor gelangte.

Es sei denn, die Kamera ist so eingestellt, dass sie RAW fotografiert. Dann wird das eingefangene Bild Pixel für Pixel so gespeichert, wie es abgelichtet wurde – ohne Schärfe-, Weiss- oder sonstige Korrektur. Das lässt dem Fotografen die Freiheit, am PC selbst und unter voller Kontrolle alle Werte (und es sind ziemlich viele) optimal einzustellen und sogar aus einer vermeintlich missglückten Aufnahme noch eine preisverdächtige Aufnahme zu generieren.

Die Rede ist hier nicht von Details, die ein Laie nicht sehen würde: Das Bildformat JPG erlaubt nur 256 Helligkeitsstufen pro Farbe. Der digitale Bildsensor ist zwar auch nicht so empfindlich wie ein Film, aber er erfasst – je nach Bauart – das Fünf- bis Achtfache der Abstufungen, die in einem JPG-Bild dargestellt werden können. Einfacher gesagt: Hat der Kamera-Prozessor die feinen Details in diesen Stufen einmal “weggeputzt”, dann sind sie weg – und auch mit der Software am PC nicht mehr hervor zu holen.

In den Rohdaten hingegen steckt ein Vielfaches an beinahe unsichtbaren Informationen, die mit der richtigen Manipulation in der digitalen Dunkelkammer kinderleicht verstärkt werden können.

RAW ist das digitale “Negativ”

Damit gehen aber ein paar Nachteile einher.

Der gewichtigste ist der Speicherverbrauch: Rohbilder weisen grundsätzlich keinerlei Komprimierung auf. Ein 10-Megapixel-Bild belegt dann eben auch 10 Megabyte Speicherplatz – oder das dreifache, wenn die Kamera die Fotos in drei “Farbkanälen” speichert.

Ausserdem wirken die Bilder auf dem Kameramonitor möglicherweise “falsch”, “flau” oder farbstichig. Abhilfe schafft der Aufnahmemodus “RAW & JPG”, bei dem sowohl das “Negativ” als auch ein vom Prozessor korrigiertes JPG gespeichert und letzteres am Monitor angezeigt wird. Entsprechend steigt aber der Speicherverbrauch noch weiter: Auf meiner Nikon D200 belegt eine Aufnahme so 10 Megabyte fürs RAW und 2-3 weitere für die hochaufgelöste JPG-Version.

Ein weiteres Problem ist das Dateiformat. “RAW” ist nämlich keins. Das Kürzel steht nicht für einen Standard wie JPG oder TIFF, sondern ist ein Sammelbegriff für die unterschiedlichen Dateiformate der Kamerahersteller – und die sind in der Regel “proprietär”, will heissen, weder austauschbar noch können sie in Windows oder auf einem Mac standardmässig geöffnet werden. Deswegen legen die meisten Hersteller ihren Kameras eine mehr oder weniger brauchbare Software für den Umgang mit ihren (und nur ihren) Rohdaten bei.

Inzwischen ist dieses Problem allerdings entschärft. Die aktuelle Bildbearbeitungsprogramme können die gängigen RAW-Formate aller wichtigen Kamerahersteller lesen, MAC OS X kann seit dem letzten Update für 10.4 mit RAW umgehen, und für Windows gibt es ein kostenloses Zusatzprogramm, das auch in der Dateivorschau des Explorers RAW-Bilder anzeigt.

Für Amateure mit hohem Anspruch und jedenfalls für Profis ist damit aber klar: Wer seinem Kameraprozessor nicht blind vertraut oder sich später “im Labor” an seinen Bildern versuchen will, kann eigentlich nur RAW-Fotos aufnehmen.

Die Mär von der Digitalfotografie, die keine Nachbearbeitung des Negativs mehr nötig macht, ist Blödsinn.

Kommt eine weitere Schlussfolgerung hinzu: Für die Speicherung im Archiv bieten sich die “Negative” an, die – eiserne Grundregel! – niemals nach einer Bearbeitung überschrieben, sondern durch Kopien ergänzt werden.

Wie und warum und in welchem Format man die Bilder speichern sollte, behandeln wir hier. Auf die Gefahr hin, Verwirrung zu stiften: Das RAW-Format des Herstellers ist nicht die optimale Lösung. Denn möglicherweise kann es in ein paar Jahren schon nicht mehr geöffnet werden.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

HDR-Tricks vom Experten: Kontrastreiche Welt

6.10.2009, 11 KommentareHDR-Tricks vom Experten:
Kontrastreiche Welt

Der Einsatz von HDR oder Exposure Blendung kann mit einem einzigen RAW-Bild schon grossartige Dynamik-Erweiterungen bringen, erklärt David Kaplan.

Rauschunterdrückung durch Referenzbild: Die Kamera kann\'s besser

20.7.2009, 3 KommentareRauschunterdrückung durch Referenzbild:
Die Kamera kann's besser

Rauschunterdrückung bei Langzeitaufnahmen direkt in der Kamera: Ein realer Test mit Nikons D300 zeigt klare Resultate.

22.5.2009, 3 KommentareNürnberger Kaiserburg:
Harry Potter lässt grüssen

TuneUp Utilities 2010: Bildbearbeitung beschleunigen

25.10.2009, 2 KommentareTuneUp Utilities 2010:
Bildbearbeitung beschleunigen

Das Werkzeug TuneUp ist ein ideales Programm für Windows-Benutzer, die ihren PC für die Bildbearbeitung beschleunigen wollen.

Adobe Lightroom: Beta zu Version 3 verfügbar

23.10.2009, 2 KommentareAdobe Lightroom:
Beta zu Version 3 verfügbar

Adobe lädt zum Test der Betaversion von Lightroom 3 ein.

Gigabank im Test: Das Online-Bildarchiv

18.3.2009, 2 KommentareGigabank im Test:
Das Online-Bildarchiv

Die Schweizer "Gigabank" verspricht Langzeitarchivierung auch für Digitalbilder. Wir haben das System getestet.

Nikon D3s: Schnell, leise und empfindlich

14.10.2009, 11 KommentareNikon D3s:
Schnell, leise und empfindlich

Nikon setzt mit der Überarbeiteten D3s-Vollformat-Kamera auf die Newsfotografie.

Zurück in die Zukunft: Der Vietnam-Look

22.4.2009, 1 KommentareZurück in die Zukunft:
Der Vietnam-Look

Was hat sich am fotografischen Prozess durch die neue Technik geändert?

R-Strap: Die Schnellschuß-Halterung

30.3.2009, 5 KommentareR-Strap:
Die Schnellschuß-Halterung

Wie hat man die Spiegelreflexkamera schnell zur Hand, ohne daß sie verloren gehen kann? Der "R-Strap" ist eine Art "Schnellschuß-Halterung" für SLRs.

1 Kommentar

  1. Marc
    schrieb am 7. April 2008 um 15:37 Uhr (#)

    Ich fotografiere schon immer im RAW.
    Das gibt mir die Sicherheit, immer ein “Negativ im Schrank” liegen zu haben.
    Wenn etwas mit dem entwickelten tiff oder jpg passieren sollte kann ich sehr einfach auf das unverfälschte RAW zurück greifen. Davon abgesehen hat man noch die Möglichkeit der Blendenkorrektur, die manchmal recht hilfreich ist.
    LG
    Marc

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.