Wenn die Tiefe fehlt:
Der Nachteil der Kompakten

Peter Sennhauser, 21. August 2007 07:25 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Kompakte Digitalkameras haben einen unüberwindbaren Nachteil gegenüber Spiegelreflex und andern Digitalkameras mit grossem Sensor: Sie bringen zu viel Schärfe in die Tiefe.

(“Separatdruck” eines Abschnitts aus einem bereits veröffentlichten Testbericht)

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Gestaltete Raumtiefe: Wenn die zuckerbestreuten Erdbeeren…

Immer mal wieder werde ich gefragt, warum ich mich mit einer vier Kilo schweren Spiegelreflexkamera von der Grösse einer kleinen Katze abschleppe, wo doch inzwischen selbst die kleinsten Digitalen 10 Megapixel auf den PC bringen und “hervorragende Bilder machen”.

Die Antwort ist: Weil ich das Bild gerne selber mache, und das kann ich mit einer Kompakten nur beschränkt. Denn das Bild “macht” in erster Linie die Komposition, und eines der Gestaltungselemente ist die Schärfentiefe. Und das fällt bei den Kompaktkameras fast vollständig weg.

Denn diese eine Bildebene, die vor allem bei Tele-Aufnahmen als einzige scharf ist, während Vorder- und Hintergrund verschwimmen; die sich mit Fachkameras und Anti-Scheimpflug gar schräg stellen lässt oder durch nachträgliche Verstärkung verblüffende Effekte erzeugt, hängt direkt mit der physikalischen Brennweite einer Kamera zusammen.

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…sich als etwas ganz anderes erweisen.

Die Kompakten aber verfügen über einen dermassen winzigen Bildsensor, dass der Abstand zwischen diesem und der Linse ebenfalls massiv schrumpft, weil der gleiche Bildausschnitt wie beim Kleinbildfilm (36mm) abgebildet werden soll. Diese kurzen physikalischen Brennweiten werden zu Vergleichszwecken in “Kleinbildäquivalent” angegeben – was den Vergrösserungsfaktor beschreibt. Viele Kompakte mit einem KB-äquivalenten Normal-Objektiv von 50mm weisen tatsächlich eine reale Brennweite von grade mal 6mm auf.

Aber was für die Vergrösserung, das gilt nicht für die Schärfentiefe: Sie ist direkt von der physikalischen Brennweite abhängig und lässt sich nicht “umrechnen”. Will heissen: Eine offene Blende – die dazu dient, den Schärfenbereich im Bild auf die Fokus-Ebene zu beschränken und davor- und dahinter liegende Bildteile in Unschärfe zu maskieren – bringt bei den extrem kurzen Brennweiten der Kleinsensoren kaum mehr sichtbare Unterschiede der Schärfentiefe. Ein zweiter Faktor in der Schärfentiefen-Berechnung ist der Zerstreuungskreis-Durchmesser, etwa übersetzbar mit der Pixelgrösse auf dem Sensor. Ein Winzsensor mit sehr hoher Auflösung hat winzige Pixel und beeinflusst die “Miniaturisierung” der Schärfentiefe weiter. Dabei bleibt das Verhältnis von Schärfentiefe und Brennweite zu Zerstreuungskreis das gleiche, aber weil sich zwei Grössen ind er Gleichung absolut reduzieren, reduziert sich auch die Schärfentiefe absolut.

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Zweimal Blende 4,9 (respektive 5): Einmal bei der kompakten Leica D-Lux3…

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..und zum Vergleich diejenige der Nikon D200. Beide bei ISO 200.

Das schränkt den Gestaltungsspielraum des Fotografen arg ein. Während der Schärfentiefe-Effekt bei Digitalen Spiegelreflex mit der Brennweite zunimmt, ist davon bei den Kompakten deutlich weniger zu spüren: Wo mit einer Spiegelreflex dank Tele-Aufnahme eine Bildebene deutlich in der Schärfe heraussticht, ist bei einer Kompakten bei äquivalenter Brennweite (dem gleichen Vergrösserungsfaktor) sehr viel mehr des Bildes im Schärfebereich.

Das verdeutlicht das Bild von Kathy, das mit der D-Lux 3 und einer Nikon D200 bei vergleichbarer Vergrösserung geschossen wurde.

An diesem Nachteil der Kleinsensoren lässt sich nicht viel ändern. Man könnte es auch als Vorteil sehen, denn weil ihre Lichtempfindlichkeit ohnehin deutlich geringer ist als die der grösseren Sensoren, wie sie in den Spiegelreflex-Kameras verbaut werden, muss ohnehin meist mit weit offener Blende fotografiert werden. Da kommt es nicht ganz ungelegen, dass die Schärfentiefe in jedem Fall bestehen bleibt.

Der Gestaltungsfreiheit raubt dieser Umstand aber doch viel von den Möglichkeiten. Und auch wenn inzwischen Photoshop-Filter und Programme wie das (meiner Ansicht nach völlig vermurkste) PaintShop Pro 11 eine nachträgliche Anpassung der Schärfentiefe per Mausklick erlauben: Das ist kein Ersatz für das Sehen im Feld, und nur zu oft entstehen damit Fotos mit völlig unnatürlicher DOF-Wirkung (Depth of Field, Tiefenschärfe).

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3 Kommentare

  1. daniel k. gebhart, fotograf wien
    schrieb am 21. August 2007 um 17:53 Uhr (#)

    wobei kompakte kameras auch hier immer besser werden. wie z.b. die lumix hier: http://danielkgebhart.net/stories/4182608/

    lg,
    daniel

  2. Strohsilo
    schrieb am 24. August 2007 um 03:17 Uhr (#)

    Mit der P5000 von Nikon klappt das bestens mit den Schärfeebenen. Die G7 von Canon kann das auch und ich würde behaupten, da gibts mittlerweile noch einige mehr, die einer SLR auf dem Gebiet näher kommen.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 6. April 2009 um 05:53 Uhr (#)

    (Späte, sehr späte Antwort…) Es gibt Ausnahmen unter den Kompakten, die sich dem Trend zu kleineren (und billigeren) Sensoren mit noch mehr Auflösung widersetzen – und weil der Zerstreuungskreisdurchmesser für die Schärfentiefe von maßgeblicher Bedeutung ist, schneiden diese Kameras mit beispielsweise 1/1.8-Zoll-Sensor besser ab als die 1/2.7-Zoll-Winzsensoren. “Bestens” klappt es dabei allerdings nicht, nur “besser” ;-), und den SLR näher kommt die Masse der Kompakten auch kaum – der Markt für Kleinkameras mit Grosssensoren dürfte extrem beschränkt sein.
    Auskunft über die Kennzahlen gibt diese Zerstreuungskreis-Tabelle.

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