Nan Goldin:
“Klara and Edda belly dancing”

Der “Skandal” um ein Bild von Nan Goldin,das in England wegen des Verdachts auf Kinderpornographie beschlagnahmt wurde, lässt eine immerwährende Diskussion auflammen: Was darf Kunst? und was ist Kunst?

Image

Inzwischen hat Nan Goldins Aufnahme “Klara And Edda Belly Dancing” eine weltweite Diskussion ausgelöst darüber, was Kunst ist und was Pornographie ist.

Um diese Diskussion führen zu können, muss man das Bild kennen, weshalb wie hier eine Kopie aus einem amerikanischen Blog (danke für den Hinweis, Marcel) zeigen (Abdeckung aus rechtlichen Gründen durch uns).

Für weit wichtiger als den unlösbaren Glaubenskrieg, ob es sich um Pornographie handelt (nach puritanischem Verständnis weiter Kreise vor allem in den USA ist Nacktheit an sich pornographisch), halte ich persönlich die Frage, was diesen Schnappschuss zur Kunst erhebt. Da er Teil einer künstlerischen Serie ist, liegt die Antwort möglicherweise in der gesamten Abfolge – dann würde diese Diskussion wiederum an fehlender Kenntnis der Sachlage scheitern.

Man könnte aber auch die Definition anwenden, wonach der Zweck von Kunst in einer zwingenden Auseinandersetzung mit dem Gegenstand liegt – also in der Provokation. Dann hätte diese Aufnahme ihren künstlerischen Anspruch überhaupt erst durch den aktuellen Skandal erfüllt.

Ich kann in dem Bild auch mit einer sehr konservativen Einstellung nichts Pornographisches erkennen, sondern nur kindlich verspielte Nacktheit*. Aber darauf will ich hier nicht hinaus.

Vielmehr kann ich in dem einzelnen, isolierten Bild auch kein aussergewöhnliches fotografisches Werk erkennen – dazu würde nach meinem laienhaften Verständnis ein Ausdruck der Künstlerin gehören, sei es durch Komposition, Einsatz der Technik oder Arrangement.

Wenn alle oder einige dieser Kriterien erfüllt sein sollten, würde das heissen, dass der Ausdruck der Künstlerin in der sorgsam geplanten Simulation eines zufälligen, dilettantisch angefertigten, wenn auch ausdrucksstarken Familienschnappschuss’ bestünde.

Um diesen Ansatz auf die Spitze zu treiben: Erfüllt folgendes Bild einen künstlerischen Anspruch, und wenn ja, warum?

ocean beach
Ocean Beach, San Francisco. ISO 100, 18mm (27mm KB), f11, 1/40s (© PS)

Es ist gestern Abend an Ocean Beach in San Francisco entstanden – im Rahmen eines Shootings mit ganz anderen Zielsetzungen. Beim Spazieren hinter dem jungen Mann ist mir plötzlich eine einzigartige Stimmung aufgefallen, und ich habe ohne Vorbereitung, Einstellung der Kamera oder Komposition aus der Hüfte eine Serie von Aufnahmen gemacht.

Aufgrund einer Kombination aus “lenscreep” (das Zoom rutschte während der Aufnahme), langer Belichtungszeit (1/40s) und meiner offenbar beinahe synchronen Bewegung mit dem jungen Mann ist dieser als einziges im Bild einigermassen im Fokus. Die störende Neigung des Horizonts steht in eigenartigem Kontrast zur “korrekten” Vertikalen des Fussgängers.

Ich finde die Aufnahme aussergewöhnlich und ausdruckstark – aber sie ist fast zufällig entstanden und hat als einzige einer Serie von fünf diese (wie ich meine) Qualität. Erfüllt dies irgendwelche künstlerischen Anforderungen?

Und wie ist das mit Klara und Edda?

* Ich finde auch, dass Pornographie grade dann, wenns um Kinder geht, sehr sorgfältig definiert werden muss – das ist nicht nur eine Frage der Moral, denn Ausbeutung ist dabei immanent. Aber bei der Überprüfung auf diese Definition müsste das Umfeld der angeblichen pornographischen Darstellungen einbezogen werden – zwischen einem isolierten Bild in einem künstlerischen Umfeld und unter eindeutigen Gesichtspunkten massenhaft produzierter, nur einen Zweck verfolgender Machwerke besteht wohl ein klarer Unterschied. Voraussetzung für diese Unterscheidung ist allerdings ein Rechtssystem, das den gesunden Menschenverstand einbezieht.

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11 Kommentare

  1. Mick
    schrieb am 28. September 2007 um 09:49 Uhr (#)

    Als Kunst gelten Goldins Fotos, weil sie gezielt ungekünstelt sind. Alltagsschnappschüsse werden in der Regel bewusster kadriert und gestellt (Say Cheese!), Goldin hat von Anfang an vor allem auf diese Qualität gesetzt, dass die Fotografierten die Kamera offensichtlich nicht beachtet haben, obwohl sie ganz klar nicht versteckt war. Das ist auch bei den zwei spielenden Mädchen so. Die Inszenierung besteht also wohl im Schaffen der Atmosphäre, im Abwarten. Und pornografisch ist das Bild gerade darum nicht, weil die Mädchen völlig mit sich selbst beschäftigt sind. Dass es, gerade so in eine Webseite gestellt, pornografisch wirkt, hat dafür wieder viel mehr mit der Situierung zu tun. Eines der am heftigsten diskutierten Gemälde der Kunstgeschichte arbeitete genau mit dem Effekt: L’origine du monde von Gustave Courbet (kommerzielle Reproduktion hier) Pornografie entsteht durch eine Übereinkunft zwischen Pornograf und Betrachter. Courbet hat es mit diesem Gemälde darauf angelegt, diese Übereinkunft zweideutig zu lassen. Nan Goldin spielt bei ihrem Foto offensichtlich auch mit dem Effekt, jeder Betrachter des Fotos muss sich unwillkürlich fragen, wie die Übereinkunft zwischen ihm und der Künstlerin aussähe …

  2. IchbremseauchfürArschlöcher
    schrieb am 27. Oktober 2007 um 12:06 Uhr (#)

    An dem Foto werden sich sicherlich einige Pädophile Schweine einen runterholen. Das man dies fördert, wird wieder einige Kinder mehr als Opfer für diese Dreckschweine bringen! Sauerei, Kinder haben eben keine Lobby! Das müsste endlich mal geändert werden!

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 28. Oktober 2007 um 03:12 Uhr (#)

    Danke für deinen überaus wohlüberlegten Diskussionsbeitrag.
    Dein Standpunkt führt in letzter Konsequenz dazu, dass man Kinder zu ihrem eigenen Schutz in Burkas herumlaufen lassen sollte.
    Wir fördern hier nichts von dem, was Du beschreibst, uns gehts um die Diskussion über die Kunst. Und das bisweilen sogar auf deinem Niveau.

  4. Andreas Krufczik
    schrieb am 22. November 2007 um 13:12 Uhr (#)

    nun ich denke das Nan Goldin eine Grenze ausloten wollte. Wie viel Intimität erträgt die Gesellschaft? Das Foto ist nicht besonders Ausdrucksstark wenn da nicht das entblößte Kind wäre. Aber genau das ist es ja was Nan Goldin in ihren Bildern ziegt. Naktes (über)Leben. Immer am Rande des Abgrundes, so scheint es. Man hat immer das Gefühl, dass das Leben eher was mit überleben zu tun hat und es unglaublicher Anstrengungen bedarf bis man ein wenig Lachen darf oder kann.
    Es liegt eine gewisse “Grund”histery in der Luft. Sobald man irgenwo ein Naktes Kind sieht geht es gleich um Pädophelie. Was ja zum Teil auch verständlich ist. ich denke das Frau Goldin mit diesem Bild provozieren wollte. Was ihr ja gelungen ist. Ich denke das Sie diesen Mechanismus genau vorhergesehen hat und deswegen dieses Bild der öffentlichkeit präsentierte.
    Ich bin aber der Meinung das man so ein Bild nicht zeigen muss. Und auch wenn man Goldin heißt sollte man auf sowas Verzichten. Oder vielleicht gerade weil man Goldin heißt. Schließlich weis jeder wie ein naktes Kind aussieht. Auf einzelne Skandale könnte man durchaus verzichten.

  5. Robin
    schrieb am 7. Januar 2008 um 18:25 Uhr (#)

    Ich denke, ein grosser Grund der Veröffentlichung dieses Bildes ist die Provokation, welche ja auch ein zentraler Aspekt der Kunst darstellt. Kunst soll unter Anderem ja auch provozieren, einen vor den Kopf stossen und zur Reflexion über Gesellschaftverhältnisse anregen. Weshalb gibt es bei einem solchen Bild (welches ja gerade so gut einem Familienalbum entstammen könnte) eine solche Diskussion? Gerade dort liegt meiner Meinung nach der Punkt: Die Grenze Öffentlichkeit-Privatheit wird eindeutig überschritten; es werden zwei Minderjährige Mädchen beim kindlichen Spielen gezeigt (wem? der Öffentlichkeit!), eines davon nackt. Nun, weshalb? Ich denke, das hat mit der ständigen Präsenz und Vermarktung des Sexuellen in unseren heutigen Gesellschaft zu tun. Werbung, Nachrichten und Infotainment kommen heute kaum noch ohne zunmindest sexuell angehauchte Themen aus; Tabus werden ständig gebrochen, die Hemmschwelle sinkt.
    Nan Goldin wollte mit diesem Bild – so vermute ich – genau dies vor Augen führen: die alltägliche Präsenz von Sexualität, indem sie ihr (der Gesellschaft, den Menschen) ein Bild präsentiert, welches nur dann eine Kontroverse auslösen kann, wenn die Menschen sozusagen auf den Aspekt der Sexualität “getrimmt” sind, d.h. sie vergleichen z.B. ein solches Foto sofort mit dem allgemeinen Angebot an Nacktbildern/-videos, sehen dabei, dass es sich hier um Minderjährige handelt und reagierten dementsprechend furios.
    Nan Goldin hat ihr Ziel wohl erreicht, denn was kann einem Bild besseres geschehn, als wenn es eine Debatte auslöst?
    Trotzdem finde ich es ebenfalls nicht unbedingt notwendig, solche Bilder zu zeigen, denn sie verstossen meiner Meinung nach gegen die Privatrechte der beiden Mädchen. Ich denke kaum, dass sie genug alt sind, über eine solche Sache entscheiden zu können…

  6. Tom
    schrieb am 5. April 2008 um 11:42 Uhr (#)

    Kunst ist wen jemand sagt es sei Kunst und andere dies auch glauben…

    Ich persönlich kann diesem Bild absolut nichts künstlerisches abgewinnen.
    Es ist ein Schnappschuss fürs Familien Album und nichts weiter…

    Mir gefallen die zwei Kinder in ihrer natürlichen Art und Weise total gut und ich glaube dies ist auch der zentrale und elementare Bestandteil dieses Bildes… Zwei Kinder am spielen… Punkt…
    Dass die kleine dabei nackt ist, ist mehr oder weniger ein Zufall und ergibt sich aus den vorangegangenen Umständen…

    Jeder von uns wird nackt geboren oder etwa nicht? Jedes Kind hat ein vollkommen ungezwungenes Verhältnis zu seinem Körper… Als Kind ist es einfach normal nackt zu sein… erst später wird einem eine Scham anerzogen… (Der ich ebenfalls unterliege und die ich meinen Kindern ebenfalls anerzogen habe)

    Wohl auch mit aus dem Grund dass es leider Menschen gibt die sich aus den falschen Gründen daran ergötzen…

    Meine Meinung zum Bild ist.. sie ist nackt.. so what?

  7. ZAR
    schrieb am 7. April 2008 um 15:54 Uhr (#)

    Ich glaube auch, dass mit dem Bild versucht wurde genau diese Diskussion herauf zu beschwören und Grenzen auszuloten.

    Als Familienfoto finde ich es völlig unkritisch.

    Wenn ein Profifotograf so ein Bild macht, muss er/sie sich schon die Frage nach dem künstlerischen Wert gefallen lassen und ob das Foto nicht eher dazu dient mal wieder in die Schlagzeilen zu kommen.

  8. René
    schrieb am 11. September 2008 um 19:02 Uhr (#)

    Ich würde sowas sofort löschen, auch hier das ist echt der hammer !! Das ist grauenhaft, für die Kinder. Weg damit.

  9. Meike
    schrieb am 18. Oktober 2009 um 11:00 Uhr (#)

    Am Wochenende habe ich mir die Ausstellung “Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit” angesehen und bin nach wie begeistert von Nan Goldin.

    Neben der Dia-Show werden noch weitere Fotos gezeigt u.a. auch von Kindern. Ich kann diesen Bildern zwar nichts Pornographisches abgewinnen, frage mich aber, ob sie denn unbedingt notwendig sind für eine gute Ausstellung. Warum Kinder ablichten und ausstellen? Das bezieht sich auch auf das hier diskutierte Bild der beiden spielenden Kindern. Ich schließe mich der Meinung von Andreas Krufczik an und denke, dass Nan Goldin auf dieses Foto hätte verzichten können.

  10. Antje
    schrieb am 3. Januar 2011 um 00:52 Uhr (#)

    Hat irgendein “Redakteur” hier Kinder? Würde er oder sie ein solches Bild veröffentlichen? Eure “Diskussionsgrundlage” ist im besten Sinne eine Vorlage für die Phantasien all derer, die Fotografie und das Recht am Bild missbrauchen. Mit Kunst hat all das nichts zu tun. Ich habe Kunst studiert UND arbeite mit Kindern. Ich weiß wohl wovon ich rede. Hier werden niedere Instinkte bedient: sex sells. Und hätten diese beiden Kinder hier ein Mitspracherecht: Sie würden dieses Bild sicher nicht ausstellen. Interessant wäre sowieso die Frage wer hieran mitverdient! Durch eure Veröffentlichung- egal wie- tragt ihr zur Verbreitung dieser Pseudokunst bei. Ekelhaft. Raus mit dem Bild aus dem Netz! Das wäre Verantwortung! Keine pseudowissenschaftliche Diskussion!

  11. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 3. Januar 2011 um 01:52 Uhr (#)

    sex sells.

    Wo ist hier von Sex die Rede? Nicht mal meine niedersten Instinkte würden beim Anblick zweier halbnackter Kinder einen Gedanken an Sex aufkommen lassen.
    Den Anspruch an “Wissenschaftlichkeit” erhebt in dieser Diskussion ebenfalls niemand, sie ist somit auch nicht pseudowissenschaftlich.

    Nan Goldins Provokation besteht nicht in einem Versuch von Pornografie, sondern genau darin, eine Moral in Frage zu stellen, die bereit ist, aus allem Pornografie zu machen – selbst aus der kindlichen Unbeschwertheit oder eben ihrer Abbildung. Das stellt wohl weniger das Bild als die Moral in Frage, die aufgrund ihrer “erwachsenen” kaputten Klischierung die Unberührtheit dieser Kinder von eben dieser Moral zum Diskussionsobjekt macht statt der kranken Menschen.

    Mit Ihrer Argumentation müssten alle Kinder am Badestrand und im Freibad angezogen, Kindergärtner auf dem Schulweg komplett verhüllt und Fotos von kleinen Mädchen mit nacktem Oberkörper zensiert werden.

    Mick hat es hier gesagt: Pornografie entsteht durch eine Übereinkunft zwischen Pornograf und Betrachter. Weder die Kinder noch Nan Goldin stellen sich hier auf die Seite des Pornografen. Wenn die Übereinkunft einseitig wird – weil der Betrachter ein kranker Mensch ist, oder weil er oder sie nur noch an kranke Menschen denkt und bereit ist, jede Freiheit aufzugeben, um diese nicht “zu bedienen” – dann sind wir in der Burka-Gesellschaft oder in jener, in der ein Vater verhaftet wird, nachdem seine Frau Familienfotos entwickeln liess, auf denen der der Mann sein nacktes Baby nach dem Bade zärtlich küsst.

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