Die unerträglich schönen Bilder von Chris Jordan

Hässliche Bilder will niemand sehen, meint der amerikanische Fotograf Chris Jordan. Deshalb will er schöne Bilder schaffen. Unerträglich schöne Bilder – von den Hinterlassenschaften der amerikanischen Konsumgesellschaft.


Chris Jordan: E-waste, New Orleans 2005, 44 x 57 inches

“Intolerable Beauty” – unerträgliche Schönheit – nennt Chris Jordan seine fotografische Serie aus den Jahren 2003 bis 2005. Es sind Fotos von den Endstationen verbrauchter Konsumgüter, wo alte Handys, Zigarettenkippen oder Autos sauber sortiert und schön fotografiert beeindruckende Muster ergeben. “Schönheit ist ein kraftvolles und effektives Werkzeug dafür, die Betrachter auf ein ungemütliches Terrain zu führen”, sagt Chris Jordan. Mit dieser List hofft er, Aufmerksamkeit für die tiefere, seine Botschaft zu bekommen. Er hat ein schönes Bild dafür: Es sei, wie wenn einer einen Zettel unter der Tür hindurchschiebt. Darauf würde stehen – wir haben es längst erraten: Die Auswirkungen des massenhaften Konsums zerstören unsere Umwelt.

Er arbeitet noch mit einem anderen Effekt: Auf den ersten Blick zeigen seine Bilder nur Muster. Erst wer näher herantritt, kann die Einzelheiten erkennen – die alten Leiterplatten, die Kippen, die Handys, die ganzen Überreste eben. In seinen Ausstellungen zeigt Jordan die Bilder in Riesenformaten: ein Meter zwölf mal 2 Meter 29 zum Beispiel. Wer den der Größe gebührenden Abstand einhält, sieht die schönen Muster. Wer näher herantritt, sieht die schnöde Wirklichkeit.

In seiner neuen Serie seit 2006 “Running the Numbers” treibt Chris Jordan dieses Spiel mit den Wahrnehmungen noch viel weiter. Für die Bilder der “unerträglichen Schönheit” trieb sich Jordan jahrelang auf den Recyclinghöfen herum – es sind dokumentarische Bilder. Wer sich “Intolerable Beauty” von seiner Chronologie genau anschaut, kann den Weg beginnend von der Dokumentation mehr und mehr hin zur Abstraktion gut verfolgen.

“Running the Numbers” ist nun ganz in der Abstraktion und der Konstruktion angelangt. Chris Jordan baut die Bilder nun am Computer zusammen. Die neuen Bilder wollen Statistiken zum Massenkonsum verdeutlichen – daher der Titel mit den Zahlen, die be- und getrieben werden. das neue Projekt möchte von der dokumentarischen, objektiven Abbildung wegkommen und mit den Werkzeugen der Poesie und der Literatur arbeiten – mit Symbolen, Metaphern und mit dem Unbewussten.

Zum Beispiel: In Amerika werden alle fünf Minuten zwei Millionen Getränkeflaschen aus Plastik verbraucht.
Das ist Jordans Bild dazu: Plastic Bottles (Originalgröße 1,52 mal 3,05 Meter) – zwei Millionen Stück:

Wer näher an dieses Bild rangeht, sieht dieses:

Und hier die Betrachtung ungefähr in Originalgröße:

“Ich weiß nicht, wie ich diese Bilder nennen soll, aber es sind definitiv keine Fotografien im traditionellen Sinn mehr”, sagte Chris Jordan in einem Interview. Andreas Gursky baut seine Bilder auf ganz ähnliche Weise zusammen. Auch Gursky befasst sich mit Massenphänomenen – da gibt es eine klare Parallelität zwischen den beiden. Auch in der Größe der Prints. Vielleicht lassen sich Massenphänomene ja auf diese Weise am besten zeigen.

Chris Jordan ist übrigens kein ausgebildeter Fotograf. Er hat Jura studiert und die Fotografie nebenher als Hobby betrieben. Nach zehn Jahren in der Juristerei entschied er, sich ganz der Fotografie zuzuwenden. Den Blick des Idealisten hat er sich bislang bewahrt: “Wenn mein Werk auch nur eine Person dazu inspirieren würde, die Kurve zu kriegen, wäre das für mich mehr wert als alle Ausstellungen und Anerkennungen aus der Kunstwelt.”

Und schaut euch auch seine Bilder aus dem New Orleans nach der Katrina-Katastrophe an. Auch die sind von “unerträglicher Schönheit”.

Chris Jordans Website
Das Interview, aus dem die Zitate Jordans stammen: Orion Magazine

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