Scharfstellen oder Live-Bild?

Wolf-Dieter Roth, 9. Oktober 2007 12:03 Uhr, 8 Kommentare Kommentare

“Live-View” haben mittlerweile einige digitale Spiegelreflexkameras. Doch während das Monitorbild bei manchen durchaus brauchbar ist, verursacht es bei anderen nur Verdruss. Wo liegen die Unterschiede?

E-330-LiveView-modeA

“Mode A” der Olympus E-330 benutzt einen zweiten Sensor im Sucher, um ein Monitorbild zu gewinnen. Infolge des trickreichen, doch aufwendigen Strahlengangs sind Sucher und Sensor nicht besonders hell (Bild: Olympus)

Es ist schon eine komische Angelegenheit mit so manchen Herstellern: wenn man sie fragt, warum ihre Geräte eine bestimmte Funktion nicht bieten, heißt es nicht etwa ehrlich “weil wir das bislang technisch nicht können”, sondern “so etwas braucht kein Mensch” oder “ein anständiger Fotograf will so etwas nicht”.

Ein derartiges Feature ist die bei DSLRs mittlerweile “Live-View” getaufte Funktion, die jede Billig-Digitalknipse bietet: Ein Vorschaubild auf dem Monitor, so dass man nicht gezwungen ist, durch den Sucher zu schauen. Manche dieser Einfach-Kameras haben den Sucher deshalb auch ganz abgeschafft: Der Monitor kann zwar nicht dieselbe Bildqualität liefern, ist aber technisch viel einfacher zu handhaben und wird von vielen insbesondere Gelegenheitsfotografen schlichtweg als bequemer empfunden.

Bei Tele-Aufnahmen und bei Aufnahmen in starker Sonne ist ein Sucher nach wie vor unentbehrlich, die “elektronischen Sucher” mancher Kompakt-Digitalkameras können mit einem Spielreflex-Sucher oder auch nur einen gewöhnlichen Messsucher keinesfalls mithalten. Bei Weitwinkel-Aufnahmen, bei Makro-Aufnahmen und generell bei Schnappschüssen, die nicht so aufdringlich wirken sollen, hat das Fotografieren über den Monitor jedoch seine Vorzüge.

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Im “Mode B” der Olympus E-330 wird der eigentliche Bildsensor für die Erzeugung des Monitorbilds verwendet (Bild: Olympus)

Merkwürdigerweise gab es nie Kompakt-Digitalkameras mit Wechselobjektiven, was mit einem Monitor ja ohne Probleme realisierbar gewesen wäre, während bei einer Kamera mit Film das Anpassen des Suchers bei einem Nicht-Spiegelreflex-System stets ein Problem darstellt. Dass eine digitale Spiegelreflexkamera dagegen kein Monitorbild liefert, hat zunächst einmal einen trivialen Grund: der Spiegel sitzt ja vor dem Sensor, der folglich im Dunkeln liegt, solange der Spiegel das Licht in den Prismensucher lenkt. Nur die Olympus E-10 hatte mit einem halbdurchlässigen Spiegel ein Live-Monitorbild allerdings mäßiger Qualität und für maximal 30 Sekunden zu bieten.

Eigentlich müsste es ja dann ausreichen, den Spiegel hoch zu klappen, und schon hätte man das gewünschte. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht: Während in den einfachen Kompakt-Digitalkameras typischerweise für Video bestimmte Sensoren eingebaut sind, die deshalb auch ein Monitor-Vorschaubild liefern können, war dies bei den bislang verwendeten rauschärmeren und höherwertigeren Bildsensoren in den Spiegelreflexkameras nicht der Fall: diese können nur wenige Male in der Sekunde ausgelesen werden, weshalb digitale Spiegelreflexkameras üblicherweise auch keinen Videomodus haben.

Das Unmögliche, das auch niemand will, hat dann Olympus erstmals mit der E-330 wahrgemacht : ein neuer “Live-MOS”-Sensor war rauscharm und dennoch wie ein Videosensor auslesbar. Allerdings hatte Olympus der E-330 noch einen zweiten derartigen Sensor im Sucher verpasst: Dieser erhält zwar deutlich weniger Licht als der eigentliche Bildsensor und liefert deshalb bei geringen Helligkeiten nur ein Schwarzweißbild, doch die Funktionalität der Spiegelreflexkameras blieb in der “Mode A” genannten Betriebsart mit dem zusätzlichen zweiten Sensor erhalten wie gewohnt: Objekt anvisieren, und auslösen.

Panasonic-L1

Teure Leica-Linse mit Bildstabilisator, doch kein zweiter Bildsensor im Sucher mehr: Panasonic Lumix DMC-L1 (Bild: Panasonic)

Benutzt man dagegen den richtigen Bildsensor, “Mode B” bei der Olympus E-330, besteht nicht nur die Gefahr, dass dieser in Folge von Erwärmung etwas mehr rauscht, es fällt außerdem der Autofokus aus, der üblicherweise vom Spiegel zusammen mit dem Prismensucher bedient wird: Es muss manuell fokussiert werden.

Bei statischen Makroaufnahmen kann man dieses akzeptieren, bei Standard-Situationen weniger. Dennoch scheute sich Panasonic mit der Lumix DMC-L1 nicht, auf den zweiten Sensor im Sucher zu verzichten, und mittlerweile auch Olympus bei E-410 und E-510. Die Folgen: die Live-View ist unscharf, die Kamera fokussiert erst nach dem Auslösen. Dies bringt zudem großes Geklapper und eine deutliche Auslöseverzögerung mit sich.

Auch wenn derartige Kameras wunderbare Bilder machen, sind die Fotografen mit ihnen nicht besonders zufrieden, sofern sie das neue Feature tatsächlich aktiv nutzen und sich nicht mit dem Sucher zufrieden geben wollen.

LiveView all

Strahlengang mit (links) und ohne (rechts) Live-View bei der Olympus E-510 (Bild: Olympus)

Um diese Verzögerung zu vermeiden, kann man bereits vor dem Auslösen den Autofokus manuel triggern, muss dann allerdings sicher sein, das sich das zu fotografierende Objekt nicht mehr bewegt. Alternativ hat beispielsweise Nikon bei seinem neuen Modellen D3 und D300 auch einen Modus, in denen die Kamera auf den besseren Autofokus des Spiegelreflexsystems verzichtet und nur einen kontrastorientierten Autofokus benutzt, wie er bei den einfachen Kompaktkameras üblich ist. Die Folge sind nun längere Fokussierungszeiten - bei Makroaufnahmen mit Stativ auch kein Problem, doch für den spiegelreflexgewohnten Fotografen zwar etwas weniger irritierend als der “Klapper-Modus”, doch auch nicht optimal.

Die Folge: die Live-View, die das Fotografieren sehr flüssig und natürlich machen kann, kommt in Verruf, für ernsthafte Fotografen doch nicht geeignet zu sein. Zugegeben, der zweite Sensor der Olympus E-330 wirkt vom Gefühl her nicht besonders professionell, eher wie nachträglich dran gebastelt. Allerdings war dies ja auch die allererste Kamera mit Live-View. Unverständlich, dass alle später entstandenen Live-View-Kameras nicht versuchen, etwas Besseres zu bieten, sondern sich sogar mit weniger zufrieden geben. Aber immerhin: Die Firma, die seinerzeit noch tönte, sowas brauche niemand, Profis am Allerwenigsten, sagt sich inzwischen “was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, inzwischen können wir es ja auch!”

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