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Kalkuttas unbekannte Prachtbauten:
Dokumente des Verfalls

Von Juri Gottschall am 3. Februar 2008 um 10:37 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Hingehen, Literatur

Peter Bialobrzeski fotografiert zusammen mit Fotografiestudenten die bröckelnden Fassaden einstiger indischer Paläste

kalkutta.jpg

Indien war schon immer eine fremde Welt, die eine große Faszination auf westliche Besucher ausübt. Auf einer Seite beeindruckende, prachtvolle Paläste, auf der anderen Megacitys und Überbevölkerung. Grade die Großstädte, in denen Millionen von Menschen leben, verbinden wir mit letzterem.

Dabei haben grade die neu entstehenden Städte eine Vergangenheit, die schon völlig in Vergessenheit geraten ist. Denn zwischen all den neu entstandenen Stadtvierteln und Wolkenkratzern befindet sich ein architektonisches Erbe aus längst vergangener Zeit.

Jahrelang fristete Kalkutta ein Dasein im Schatten der anderen indischen Megacitys. Während sich in Bombay und Deli die Film- und Computerindustrie an westlichen Maßstäben messen kann, stand Kalkutta hinten an. Erst in den letzten Jahren beginnt die Stadt aus ihrem jahrelangen Schlaf zu erwachen und zieht Besucher wie Industrie aus aller Welt an. Kalkutta boomt.

Im Jahre 2005 kam Peter Bialobrzeski zum ersten Mal in die neuentdeckte Metropole. Als er dort den Architekten Manish Chakraborti traf, führte dieser ihn in Stadtviertel, in denen der Neubeginn noch nicht stattgefunden hatte. Was der Fotograf dort zu sehen bekam, war überwältigend: Im 18. und 19. Jahrhundert bauten indische Kaufleute in unermesslichem Reichtum und mit großer Liebe zum Detail ganze Straßenzüge prunkvoller Paläste und Villen. Aus allen Teilen der Welt bezogen die wohlbetuchten Bewohner die Werkstoffe für ihre Häuser und planten architektonisch anspruchsvolle und herausragende Gebäude. Die großen Gärten und ruhigen Hinterhöfe bilden einen harten Kontrast zum schnellen, dreckigen und lauten Treiben der restlichen Stadt. Begeistert nahm der Fotograf die Eindrücke auf, konnte sich der Faszination der Architektur nicht entziehen.

Peter Biablobrzeski kam wieder – und er war nicht mehr alleine. Zusammen mit 21 Fotografiestudenten der Hochschule für Künste in Bremen nahm er sich einer dieser märchenhaften Straßen an. In ihrem “Kolkata Heritage Photo Project” dokumentieren sie fotografisch jedes einzelne dieser eindrucksvollen Bauwerke. Das Ergebnis ist eine Bestandsaufnahme kurz vor dem Verfall. Die Arbeit der Studenten konserviert in eindrucksvollen Bildern die Überreste einer Zeit, die bald der Verwesung und Moderne zum Opfer fallen wird. Die trüben Fensterscheiben, bröckelnden Fassaden und morschen Säulen wirken wie ein Märchen aus 1001 Nacht, dessen Blütezeit schon lange vorbei ist. So sind die Fotos Zeugnisse einer Vergangenheit, von deren Existenz selbst in Indien kaum jemand etwas weiß.

Ab dem 8. Februar sind die Ergebnisse dieser Reise im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt/Main zu sehen, zeitgleich ist ein umfangreicher Bildband erschienen.

Calcutta
Chitpur Road Neighborhoods
144 Seiten
Verlag Hantje Canz

Kolkata Heritage Photo Project
02.08.08 - 24.03.08
Deutsches Archtitekturmuseum
Frankfurt/Main


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