Leserbilder in der Profi-Kritik Eine halbe Sekunde

Robert B. Fishman, 7. Februar 2008 11:48 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Ein Situationsporträt: Der Moment ist gut erfasst – vielleicht eine halbe Sekunde zu spät. Weniger Weitwinkel wäre manchmal mehr.

Lea Rieck
Leserfoto (Klick für Vollansicht) (© Lea Rieck).
Nikon D70 – 1/60s – f/3.8 – 22mm

Profi Robert B. Fishman meint zum Bild von Lea Rieck:

Die Bewegung ist schön erfasst auf dem Foto, vor allem die Unschärfe der Hände, des rechten Fußes und der Spitze des Schals im Gegensatz zur Person, die ganz scharf abgebildet ist.

Noch deutlicher wäre der Effekt zur Geltung gekommen, wenn Du mit 1/30 statt 1/60 belichtet und / oder ein weniger starkes Weitwinkelobjektiv verwendet hättest.

Gerade Porträts wirken mit längeren Brennweiten harmonischer, weil sie die Person deutlicher vom dann etwas weniger scharfen Hintergrund abheben. Hier stört mich eher, dass die Mauer und die Treppe so gestochen scharf sind. Das lenkt den Blick von der Person ab.

Schade finde ich auch, dass die Bewegung der Frau in einer so verkrampft wirkenden Position «eingefroren« ist. Sie sieht dadurch für mich unnatürlich angestrengt aus. Obwohl sie ins Bild reinschaut, wirkt sie arg in die Ecke gequetscht. Schöner wäre es, denke ich, gewesen, wenn der Bildausschnitt ein Stück weiter nach rechts versetzt wäre. Dann wäre der hässliche, angeschnittene Trafokasten auch nicht mehr auf dem Foto zu sehen und die hier für mich zu dominante Wand neben der Säule kleiner ausgefallen. Hättest Du die Frau einen Schritt früher aufgenommen, hätte sie sich vor dem dunklen Hintergrund noch schöner abgehoben und wäre nicht so nah an die Säule geraten (was den Eindruck des «eingequetscht seins« für mich noch verstärkt).

Schön finde ich, dass von der Säule das verzierte, obere Ende noch zu sehen ist und das Bild so nach oben einen gelungenen Abschluss findet. Mit einer längeren Brennweite (so etwa 45mm) wäre die Säule auf dem Bild kürzer und vor allem gerader geworden. Das Weitwinkel lässt die Linien doch sehr «stürzen«. Es sieht aus, als würde die Säule nach hinten kippen. Um alles aufs Bild zu bekommen, hättest Du dafür ein paar Schritte zurück gehen müssen. Ob das an der Stelle möglich war, weiß ich natürlich nicht. Gut gefällt mir der konzentrierte Blick der Frau auf ihren Weg, so als bemerke sie die Fotografin gar nicht. Das gibt dem Bild eine größere Dichte und stärkere Nähe, als wenn sie in die Kamera geschaut hätte.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Swiss Press Photo 2009: Ist das die neue Bildsprache  im Zeitalter des Bürgerjournalismus?

26.11.2009, 2 KommentareSwiss Press Photo 2009:
Ist das die neue Bildsprache im Zeitalter des Bürgerjournalismus?

Der Schweizer Pressefoto-Preis soll zeigen, dass sich die Bildsprache im Internet-Zeitalter weiter entwickelt. Das gelingt 2009 nur teilweise.

Fotografisches Können (2/2): Wie gut ist mein ästhetischer Blick?

31.7.2009, 5 KommentareFotografisches Können (2/2):
Wie gut ist mein ästhetischer Blick?

Fotografie braucht neben Kamera-Beherrschung auch ein fotografisches Auge. George Barrs Level-System erlaubt eine künstlerische Selbsteinschätzung.

Der rote Punkt: Film-Standbild

7.5.2009, 0 KommentareDer rote Punkt:
Film-Standbild

Ein schönes Beispiel für ein fast-Filmstandbild: Menschen in einer spannenden Kulisse, zwischen denen sich etwas abzuspielen scheint. Technisch interessant, fehlt es ein wenig an Modell-Einsatz.

Kinderporträt in Schwarzweiß: Ungestellt und natürlich

16.3.2010, 2 KommentareKinderporträt in Schwarzweiß:
Ungestellt und natürlich

Die besten Porträts legen etwas Persönliches offen. Dazu braucht man weder eine teure Beleuchtungsausrüstung, noch ein Studio.

Kino-Portrait: Experimente wagen

11.3.2010, 2 KommentareKino-Portrait:
Experimente wagen

Für Porträtfotografie sind originelle Ideen wichtig. Technik und das Verständnis dafür helfen bei der Umsetzung.

Todd Hido: Trauriges Amerika

6.3.2010, 0 KommentareTodd Hido:
Trauriges Amerika

Wenn es Nacht wird in Amerika, drückt Todd Hido auf den Auslöser. Er zeigt traurige Vororte, menschenleere Straßen und einsame Porträts.

1 Kommentar

  1. Jim Cramer
    schrieb am 8. Februar 2008 um 14:32 Uhr (#)

    ich hätte es glaube noch interessanter gefunden wenn die säule von oben bis unten durchgängig gewesen wäre und das bild geteilt hätte. links die alte aber warme mauer die schon genug witterung gesehen hat und rechts die junge frau, mit ihrem kalt wirkendem Gewand, die von der zeit und ihren wirkungen unberührt erscheint

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.