Leserbilder in der Profi-Kritik:
Der Stadtmensch im Grauen

Aussagekräftige Stadtszene, aber leider genügt die Bildkomposition und die technische Umsetzung nicht.Die Blickführung will einfach nicht klappen.

Martin Hiegl Dachterrasse
Leserfoto – Klick für Vollansicht (© Martin Hiegl). – Keine Exif-Daten

Kommentar des Fotografen:

Das Bild wurde mit einer Minolta Dynax 5 und Tokina EMZ282AF AF28-210 F3.5-5.6 Objektiv im Jahr 2002 aus einer Kanzel des London Eye geschossen. Genauere Daten zu dem Shot habe ich leider nicht mehr.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Martin Hiegl:

Den Fotografen dieses Fotos würde ich fragen: Aus welchem Grund sticht es für Dich aus der Masse heraus? Denn jeder Fotograf muss lernen, der größte Kritiker seiner eigenen Bilder zu sein.

Wir alle machen Fotos mit starken und schwachen Aussagen, aber bei der Endauswahl der Bilder müssen wir sehr diszipliniert vorgehen und nur die stärksten nehmen. Dieses Foto hat zwar ein gewisses Etwas, eine Stimmung, aber trotzdem ist für mich der Gesamteindruck nicht ausreichend.

Was ich an diesem Bild interessant finde, sind wie die kalten, harten Formen, die die offene Tür, die weißen Vorhänge und die Person umrahmen. Dies bildet einen guten symbolischen Kontrast und vermittelt das Gefühl eines echten Stadtbewohners, der von der dunklen Isolation umgeben ist.

Was mich stört, ist erst die Blickführung: Der Blick des Betrachters wird entweder entlang der Dachziegel von oben nach unten und damit aus dem Bild heraus geführt, oder direkt von dem Vorhang, dem hellsten Punkt im Bild, angezogen und von dort nicht weitergeleitet. Idealerweise sollte das Auge eingeladen werden, sich durch das Bild zu bewegen.

Zudem verschwindet die Person auf dem Balkon wegen des Grauwertes vollends im Hintergrund und wird von der Brüstung „zerschnitten“. Indem man das Foto als Ganzes verdunkelt und den Kontrast erhöht, wird der visuelle Eindruck gestärkt.

Wird ein anderer Bildausschnitt gewählt, ergibt sich eine bessere Fokussierung auf das Wesentliche. Jedoch denke ich, das Bild als solches gibt nicht genug her, um ein ausgewogenes Foto aus ihm zu machen.

Was das Bild eventuell gestärkt hätte, wäre die Wahl eines weiteren Winkels gewesen, der die Person mehr in einen Kontext gebettet hätte. Das hätte dem Betrachter eine konkretere Blickführung geboten.

Indem man sich vor dem Drücken des Auslösers ein wenig mehr Zeit nimmt, kann man häufig eine spätere Unzufriedenheit vermeiden, wenn man das Resultat sieht, und sich Zeit und Mühe ersparen, egal, ob man das Bild am Computer oder in der Dunkelkammer bearbeitet.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Martin Hiegl says:

    Danke. Das Bild ist (leider) gar nicht durch die digitale Dunkelkammer gegangen – da könnte man sicherlich noch einiges am Kontrast drehen. In Farbe hatte der Mann einen roten Pullover an – damit trat er zwar besser hervor, allerdings kam die Tristesse der Stadt nicht mehr so gut zum Ausdruck. Hellere Hautfarbe hätte vielleicht auch geholfen – aber das konnte ich mir nicht aussuchen ;-)

    Ein anderer Blickwinkel ließ sich leider nicht einnehmen – das Bild wurde während der Fahrt aus einer Kanzel geschossen.

    Auf dem großen Bild kann man z.B. sehen, dass noch ein zweites Weinglas auf dem Tisch steht – diese Details haben es für mich ungewöhnlich gemacht – ich denke mir automatisch eine Geschichte dazu.

    Antworten

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