Leserbilder in der Profi-Kritik:
Das ist ein Schnappschuss

Auch im kurzen Moment noch eine geplante Komposition hinzukriegen – darin liegt die wahre Kunst der Fotografie. Aufnahmen von Gruppen erschweren dies, weil ähnliche Posen oder Aktionen erst Spannung schaffen würden.

Copyright Karina Pohl
Leserfoto (Klick für Vollansicht) (© Karina Pohl). Pentax K100D – 1/125s – f/8 – ISO 400 – 200mm (306mm)

Kommentar der Fotografin:

Dieses Bild habe ich bei Sonnenaufgang am Ganges aus einem Boot aufgenommen. Es war also ein Schnappschuss. Mir gefiel der kräftige Farbkontrast und die verschiedenen Aktionen der Leute auf dem Bild. Bei dem Bildausschnitt bin ich mir nicht so sicher. Ich bin gespannt, was ein Profi dazu sagen würde. Danke im Voraus! Ich wünsche weiterhin viel Erfolg mit dieser Bildkritik-Aktion, die ich immer sehr gern verfolge.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Karina Pohl:

Dies ist ein nettes Foto, von dem ich mir vorstellen könnte, dass es in einem Nachrichtenmagazin erscheinen, aber wahrscheinlich keinen Preis gewinnen würde.

Aber gerade dies sagt viel darüber aus, was man für Erwartungen an seine Bilder hat. Karina Pohl, Fotografin dieses Bildes, schreibt: «Es war also ein Schnappschuss«, was meiner Meinung nach nicht schwer zu erkennen ist. Wie ich schon mal erwähnte, ist es nicht ausgeschlossen, ein herausragendes Foto zu machen, indem man einen Augenblick erkennt, im Sucher fixiert und auf den Auslöser drückt. Aber meistens machen die Planung und Komposition ein Bild erst großartig.

Wer mit den Ergebnissen seiner Schnappschüsse zufrieden ist, sollte ruhig dabei bleiben. Wer damit nicht zufrieden ist, sollte der Komposition mehr Aufmerksamkeit schenken.

Was dieses Foto im Besonderen ausmacht, ist das weiche Morgenlicht und das beinahe braun-gelbe Monochrome, das durch die strahlenden Farbtöne der Kleidung und den glänzend goldenen Topf auf den Stufen gebrochen wird.

Die Komposition ist nicht schlecht: Der Blick bewegt sich zunächst entlang der Stufen von links nach rechts und dann über den Mann im Wasser zu den Männern, die hinter ihm stehen. Der persönliche Moment des im Gebet versunkenen Mannes im Wasser ist auch interessant. Die Männer im Hintergrund, die sich und ihre Kleidung waschen, können entweder als eine Störung des intimen Augenblicks, oder möglicherweise auch als ein Kontrast zu der Ernsthaftigkeit des Betenden gesehen werden.

Ich persönlich empfinde es eher als eine Ablenkung. Für mich gibt es einfach keinen Zusammenhang und keine Verbindung zwischen dem Mann im Wasser und den anderen beiden, weder in ihren Handlungen, noch in ihren Posen. Außerdem befinden sich die beiden in Positionen oder Posen von keiner starken Aussage. Es gibt keine Spannung in ihren Handlungen. Vielleicht wäre es spannender gewesen, wenn der Moment festgehalten worden wäre, in dem der linke Mann sein Haar nach dem Abtrocknen zurückwirft.

Das Fotografieren von Gruppen ist oft problematisch, denn es ist schwierig, einen Moment zu treffen, in dem alle Personen ähnliche Gefühle vermitteln oder Posen einnehmen, die sich ergänzen. Hier ist es beides nicht der Fall. Was mich noch an diesem Bild stört, und dies ist eines meiner persönlichen Ärgernisse, ist, dass der Topf aussieht, als wäre er die Verlängerung der Nase des Mannes.

Versuch, den Hintergrund genauer zu betrachten und lass einen Zwischenraum zwischen dem Kopf und anderen Objekten. Insgesamt scheinst Du ein gutes Auge für Komposition zu haben, aber ich glaube, Du kannst noch viel mehr aus Deinen Bildern machen, wenn Du mehr Aufmerksamkeit und Voraussicht investierst. Ich freue mich auf Deinen nächsten Beitrag.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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