Todd Deutsch:
“Gamers” Die LAN-Party-Kultur

Eine düstere, einsame Athmosphäre in der Videospiel-Szene prägt die Bildserie “Gamers” des Amerikaners Todd Deutsch. Dabei geht es dem Fotografen keineswegs um eine Verteufelung. “Gamers” ist bis März in Brescia, Italien zu sehen.

Videospieler in der Einsamkeit einer LAN-Party
Wie Mönche, ins Gebet versunken: “Gamers” – Ein Fotoprojekt über Jugend, Spiele und die Kultur Heranwachsender.
(Copyright
Todd Deutsch)

Der Fotograf Todd Deutsch hat sich auf ein Thema spezialisiert, welches Millionen anderer Fotografen auch verfolgen: Die eigene Familie, das Heranwachsen seiner Söhne, das Leben im eigenen Haus. Aber Todd knippst keine Souvenirbildchen, sondern fotografiert kunstvolle Studien des gemeinsamen Lebens.

Und er lichtet nicht nur die Gegenwart ab, sondern sucht auch die Zukunft seiner Kinder – daraus wurde diese eindrückliche Serie namens “Gamers”:

Ein Videospieler an einer LAN-Party. Aus der Serie Gamers von Todd DeutschVideospieler an einer LAN-Party.Videogame-Spieler an einer LAN-Party
“Gamers” von Todd Deutsch: LAN-Partyspieler ins Geschehen vertieft. (Bilder: Todd Deutsch)

Ein Videospieler oder Gamer an einer LAN-Party schläft sich aus
Die Ruhe vor- oder nach dem Videospiel-Sturm? (Bild: Todd Deutsch)

Angeregt von seiner eigenen “Faszination” für Spielzeug, machte sich Todd auf die Suche nach dem Abbild seiner Söhne in 10, 15 Jahren – und stiess dabei auf die Videospieler und ihre LAN-Parties.

Ich habe in den Bildern meiner Familie Themen entdeckt, welche Interessen und Spiele reflektierten, für die ich mich selber begeisterte, als ich jünger war: Action figures, Schwertkampf, Videospiele… Und ich habe erkannt, dass viele dieser Dinge auch für mich nichts von ihrem Reiz verloren haben. Sie hatten eine “erwachsene” Dimension, so wie sie eine “Kindheits-” Dimension haben. Die Tatsache, dass viele dieser Spielsachen einem erwachsenen Publikum zugedacht sind machte mir plötzlich bewusst, was auf meine Kinder zukommt. es ist nicht etwas, aus dem sie herauswachsen werden, eine Phase vielleicht, sondern ein Interesse, das sie den Rest ihres Lebens begleiten würde. Meine eigene Neugier ist dafür ausreichend Beweis.

Das gab die Initialzündung für das Projekt, aus dem “Gamers” hervorging:

Also fing ich an mich zu fragen, welchen Einfluss das in 10, 15, 20 Jahren auf meine Söhne haben würde, wenn sie sich weiter mit den gleichen Dingen beschäftigen. Ich beschloss, mich mit meiner Kamera auf die Suche nach ihren jugendlichen “Doppelgängern” zu machen. Unter anderem wollte ich hardcore-Videospieler porträtieren und stiess dabei auf LAN-Parties. Ich hatte noch nie davon gehört. Ich war fasziniert. Etwas daran erinnerte mich an die Skateboard-Kultur, in welcher ich in den 80er Jahren aufgewachsen bin. Wenn es vor 20 jahren bereits LAN-Parties gegeben hätte, könnte ich das sein, der da in diesem Stuhl sitzt.

LAN-Party Videospieler VorbereitungVidespiel-Party: Vorbereitung mit vielen Windows-Maschinen

Vorbereitung für die LAN-Party: Zigaretten, O-Saft, Server und Netzwerk-Infrastruktur (Bilder Todd Deutsch)

Die Einsamkeit vor dem Deathmatch der LAN-Party

Das eigenartige an dieser Darstellung liegt meiner Meinung nach im Widerspruch zwischen Todds Begeisterung für die LAN-Party-Szene und der eher abschreckenden Stimmung in seinen Fotos: Übermüdete, stumpf blickende Gamer, Pizzaschachteln und Müll, einsam im Halbkreis sitzende, wie von der Matrix gefangene Spieler, Kabel und Bildschirme…

So viel Kommunikationstechnik, so wenig Kommunikation, scheinen sie zu sagen. Vielleicht ist das meine Interpretation, aber nirgends ist auch nur ein Anzeichen fröhlichen Treibens zu sehen – und das gilt auch für die übrigen Bilder der Serie, die Todd auf seiner Webseite zeigt.

Der Spieler an der LAN-Party - die Chips liegen bereit
Versunken ins Spiel? (Bild Todd Deutsch)

Das Projekt hat den in Minneapolis lebenden Todd Deutsch, der einen Masters Degree of Fine Arts der Cranbrook Academy of Art in Bloomfield Hills, Michigan, innehat, viel Aufmerksamkeit und eine Fellowship der Universität Minnesota/McKnight Foundation eingebracht; “Gamers” ist in Auszügen auf einer DVD über zeitgenössische Fotografie der Wright State Universität und in “Gamescenes: Art in the Age of Videogames” des Mailänder Verlags Johan & Levi zu finden.

Noch bis 8. März ist “Gamers” in Brescia, Italien zu sehen, in der fabioparis artgallery, die auch den Katalog unter dem gleichen Titel herausgibt.

Ausstellung in der fabioparis artgallery
Via A. Monti 13, 22121 Brescia (täglich 15-19 Uhr ausser Feiertage)

“Gamers”-Bildauswahl auf der Webseite von Todd Deutsch

The Book Trade: Nachahmenswerte Idee für einen “Handel” mit eigenen Kunstwerken: Todd “verkauft” Abzüge seiner Fotos (von denen viele in seinem Blog zu sehen sind) gegen gebrauchte oder neue Ausgaben der Bücher auf seiner Wunschliste.

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3 Kommentare

  1. Hans
    schrieb am 21. Februar 2008 um 16:26 Uhr (#)

    Zitat: “So viel Kommunikationstechnik, so wenig Kommunikation, scheinen [die Bilder] zu sagen”

    Ja, d as wollte der Fotograf mit seinen Bildern ausdrücken und es ist ihm gelungen. Aber es bedeutet längst nicht, dass die Welt der Gamer so ist. Genau so wenig, wie die Welt tatsächlich Schwarzweiß und voller nackter Frauen ist. Wie man bei Fotos von Helmut Newton denken könnte.
    Man muss sich immer vor Augen halten, dass Fotografie eine Kunstform ist, zumindest wenn sie so betrieben wird wie hier. Der Künstler überhöht (un)bewusst einen Aspekt seiner Sicht der Dinge im Bild. Das ist gut so, denn es schafft Diskussionsgrundlagen.

    Besonders beim gezeigten Thema geht es eben auch ganz anders. Ich könnte im Freundes- und Bekanntenkreis Bilder aufnehmen, welche eine völlig andere Gamerwelt zeigen: Lachende, johlende, vor Begeisterung herumtanzende Leute zwischen 8 und 65, die vor einer Wii oder PlayStation gemeinsamen Spaß haben. Bunt und positiv.
    Ich fände es spannender und notwendiger, beide Varianten im Bild fest zu halten und gegenüber zu stellen. Die Reduktion auf diese eher düstere und beklemmende Darstellungsweise lässt bei undifferenzierter Betrachtung leicht den Schluss zu, die Welt der Gamer sei eben so. Und das ist sie nicht, zumindest nicht nur.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 26. Februar 2008 um 11:55 Uhr (#)

    @Hans:
    Tatsächlich behauptet Todd ja, von der Gamersezene gar nicht abgeschreckt, sondern fasziniert zu sein. Ich frage mich (und in einer Mail heute mal ihn) wessen Auswahl die Bilder den entsprungen sind.

  3. Martin
    schrieb am 16. August 2008 um 20:19 Uhr (#)

    Stimmt, die fotos zeigen nicht gerade die kommunikative Seite von Lan partys und der szene, aber jeder der davon ein bisschen eine ahnung hat weiß das.
    Ich organisiere selber 2 mal im Jahr eine LAN party mit ca. 40 Personen, und da wird zwar schon viel gespielt, aber es ist immer eine super atmosphäre und sehr viel kommunikation abseits und wärend den spielen….

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