Leserbilder in der Profi-Kritik:
Einen Moment innehalten

Neben aller technischen Perfektion braucht ein gutes Bild auch eine klare Aussage. Selbst der Spielraum für Interpretation muss gewollt sein – er darf nicht aus Unentschlossenheit des Fotografen entstehen.

Michel Rossier

Michel Rossier


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michel Rossier). – Leider keine Exif-Daten vorhanden

Kommentar des Fotografen:

Das Bild stammt aus einer Serie von Streetphotos aus dem Jahre 2004, welche ich in Fribourg aufgenommen habe. Im Bild die typische Harmonie der alten und neuen Architektur in Fribourg. Kamera: D100, Objektiv: Sigma 12-24 mm.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Michel Rossier:

Wenn ich mir dieses Foto ansehe, möchte ich den Fotografen fragen: «Was versuchst Du zu vermitteln?« Wolltest Du das neue Gebäude dem alten gegenüberstellen? Wolltest Du eine sozialen Aussage machen, in Bezug auf die alten Frauen und das dunkle, einsame Schicksal des Lebens? Oder wolltest Du einfach mit Licht und Schatten spielen? Ich stelle diese Fragen, weil das Foto an sich dies leider nicht ausdrückt.

Jedes dieser Dinge könnte das sein, was Du beabsichtigt hast. Leider wird keins von ihnen mit ausreichend Klarheit präsentiert, damit man das Bild mehr als einmal ansieht.

Jedes Foto sollte in gewisser Weise klar sein, und zwar nicht was die Bildschärfe angeht, sondern das Vermitteln einer eindeutigen Aussage. In einem Foto geht es im Grunde um Licht, mit dem visuell kommuniziert wird.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein Bild nicht Fragen aufwerfen und für Interpretationen offen sein könnte. Selbstverständlich nicht. Viele der besten Fotos tun dies. Durch das Bild sollte eine Aussage, die der Fotograf machen will, deutlich werden, die unser Interesse weckt.

Außerdem sollte es uns auch etwas über den Fotografen verraten. Und dies führt uns zur individuellen Stimme und zum einzigartigen Stil eines Fotografen. Die Ausdrucksweise eines Fotografen sowie seine Fähigkeit, seine Aussagen mit Nachdruck im Bild zu treffen, entwickeln sich im Laufe der Zeit mithilfe von Übung, Geduld und der Beachtung kleiner Details.

Dies wird im digitalen Zeitalter oft übersehen, denn viele tendieren dazu, ohne nachzudenken hunderte von Fotos zu schießen, in der Hoffnung, dass wenigstens eins von ihnen gut genug ist. In solchen Fällen wird wenig darüber nachgedacht und reflektiert, welche Kernaussage das Bild enthält, oder welche Geschichte es erzählt.

Bevor Du Dein Objekt durch den Sucher ansiehst, versuch, ein wenig Zeit damit zu verbringen, es von verschiedenen Seiten und Winkeln anzuschauen. Denke darüber nach, was Du ausdrücken möchtest, und wie Du dies am besten auf eine zweidimensionale Fläche übertragen kannst.

Der berühmte amerikanische Fotograf Minor White sagte es so:

« Wenn Du Dich einem Objekt annährst, um es zu fotografieren, halte inne, bis das Objekt Deines Interesses Deine Anwesenheit bejaht. Dann lasse nicht von ihm, bis Du seine Essenz erfasst hast.« – «When you approach something to photograph it, first be still with yourself until the object of your attention affirms your presence. Then don’t leave until you have captured its essence.»

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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