Leserbilder in der Profi-Kritik:
Nächtliche Begegnung

Joachim Graf von Arnim, 12. März 2008 13:38 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Ist dieses nächtliche Gesicht nun ein Porträt oder ein Reportage-Bild? Was unterscheidet eigentlich das eine vom andern? Und worin liegen die Qualitäten?

Romano Zoppi: Nachporträt an der Zürcher Langstrasse
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Romano Zoppi). Canon EOS 350D – 1/60s – f/4 – 1600 ISO – 100mm

Kommentar des Fotografen:

Ich bin diesem Jungen an der Züricher Langstrasse begegnet und hatte ihn um ein Photo gebeten. Er erhoffte sich, auf einem Nightlife Online Portal oder in einer Zeitschrift zu erscheinen. Leider bin ich kein Partyfotograf. Die Austrahlung und der Blick sprechen für sich.

Profi Joachim Graf von Arnim meint zum Bild von Romano Zoppi:

Allerdings würde ich dieses Bild eher als Dokumentation einer nächtlichen Szene sehen, da ich die Zuordnung zum Portrait eher Gewalt verherrlichend finde. Was macht ein gutes Portrait eigentlich aus?

Nun, bestenfalls stellt es eine Person begünstigend dar, bringt die schönen und vorteilhaften Seiten hervor und vermittelt dem Betrachter Ausstrahlung, Emotion und zeigt Charaktereigenschaften auf.

Die drei letztgenannten Attribute sehe ich in diesem Bild wirklich sehr gut umgesetzt. Nur bezweifle ich, dass dieses Bild die beste Seite dieses jungen Mannes zeigt. Dennoch gibt es natürlich auch Menschen, die sich bewusst von ihrer Aggressiven Seite zeigen wollen, um für Ihre Umgebung gefährlich zu wirken.

Das geschwollene blaue Auge und die blutige Lippe erzählen von einer gewalttätigen Auseinandersetzung in der höchstwahrscheinlich die Fäuste geflogen sind. Der tief schwarze Hinterrund unterstreicht die aggressive Ausstrahlung des Bildes. Die hochgezogene Augenbraue wirkt provozierend und auffordernd.

Gut gesehen und mutig fotografiert. Eine wirklich gute Arbeit mit fotojournalistischem Hintergrund. Die Wahl einer Telebrennweite war in diesem Fall die optimale, da es im Telebereich keine Gesichtsverzerrungen gibt.

Bei der Nutzung von hohen Empfindlichkeiten wie 1600 ISO wäre ich vorsichtig, da die Bilder in der Regel sehr körnig werden und die Ergebnisse somit nicht endlos vergrößerbar sind.

Und ein letzter wirklich gut gemeinter Rat: Auf jeden Fall weiter machen, denn hier sehe ich wirklich Potenzial.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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