Fingerübungen – Wasser und Bewegung:
Ein Sonntag am Golden Gate

Die Digitalfotografie ermöglicht es, mit “Fingerübungen” als Autodidakt ganz ohne Anleitung viel zu lernen, wozu früher eine Materialschlacht nötig gewesen wäre. Sechs Erkenntnisse aus einem Freizeit-Shooting.

Nikon D200, Nikkor AF 80-400 ED VR, ISO 100, 270mm (305mm), f/5.3, 1/2500s
Drei der 300 Bilder werde ich behalten, das ist eins davon. Nikon D200, Nikkor AF 80-400 ED VR, ISO 100, 270mm (305mm), f/5.3, 1/2500s (Alle Bilder © Peter Sennhauser/fokussiert.com)

Ein ganz normaler Sonntag in San Francisco: Die Touristen stauen sich auf der Golden Gate Brücke, die Surfer in den Wellen darunter. Sie sind ein exzellentes Übungsmotiv für einen Amateur, weil sie dynamische Motive abgeben, aber viele Anforderungen stellen: Tempo, Distanz, Wasser – auf alles muss man sich technisch und kreativ einstellen. Und was kann man in zwei Stunden wilder Knipserei bewusster Übungsfotografie lernen? Ich habe sechs konkrete Erfahrungen gemacht:

Fort Point und Golden gate BrückeSurfer bei Fort Point
Fort Point unter der Golden Gate Brücke – einmal mit 27mm KB, einmal mit 300mm KB aus der Distanz aufgenommen: Tummelplatz der wilden Surfer.

Standortwahl

Es beginnt mit der “Planung” des Shootings, der Wahl eines idealen Standorts für das gewünschte Motiv. Ich wollte keinen Sportfotografie-Wettbewerb gewinnen, sondern mit Surfern, Wellen und Wasser experimentieren. Demnach ist die “Qualität” der Surfer und der Wellen weniger wichtig als eine gute Schussposition und richtige Lichtverhältnisse.

Gesurft wird an der Pazifikküste in ganz Kalifornien, und zwar meistens nachmittags und abends. Das Problem: Das Meer liegt im Westen, die Surfer sind meist relativ weit draussen in den Wellen – und damit zwischen der sinkenden Sonne und dem Fotografen. Ohne ein Boot ist hier nicht viel zu machen.

Es hat gedauert, bis ich per Zufall in San Francisco “Fort Point” am südlichen Brückenkopf der Golden Gate Bridge entdeckte, wo sich die Bucht von San Francisco in den Pazifik hinaus öffnet: Hier herrscht mit Ebbe und Flut ein gewisser Wellengang, meist von aussen in die Bucht hinein. Bei einigen unerschrockenen Surfern ist dieser Ort, obwohl durchsetzt mit Felsen, sehr beliebt. Die Uferpromenade liegt westlich des Surfspots, einige Meter über- und relativ nah an den besten Wellen. Das bedeutet ein hohes Verletzungsrisiko für die Surfer und eine gute Bildchance für den Fotografen. Der Nachteil: Einige (wohl die smarteren) Surfer tragen Helme, was etwas eigenartig aussieht.

Surfer bei Fort Point
So nah kommt man trockenen Fusses nirgendwo sonst an die aktiven Surfer heran. Fehler dieser Aufnahme: Eine kleinere Blende hätte mehr Schärfentiefe auf alle Surfer ergeben. ISO 100, 600mm KB, f/5.6, 1/400s

Es gibt an der Barbaren-Küste sehr viel schönere Surfspots in wilder, unberührter Landschaft – aber ich kenne keinen mit besseren Bedingungen für Amateur-Fotografen.

Erste Erkenntnis: Nicht nur in der Landschafts- (und ganz speziell in der Mond-Mit-Vordergrund-) Fotografie hilft eine sorgfältige Suche nach einem guten Standort zu raschen Lernerfolgen. Kompromisse sind zudem akzeptabel, wenn das Motiv vom weiteren Umfeld unabhängig abgelichtet wird (Telefotografie).

Ausrüstung überprüfen

Simpel, aber effektiv, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Die ersten drei Wellen lang wunderte ich mich über die langsame Serienfunktion meiner D200, die fünf Bilder pro Sekunde schafft, aber irgendwie nicht richtig wollte. Nach mehrfacher Überprüfung des Serienbildmodus erst bemerkte ich, dass die Kamera noch vom Vorabend auf “Bracketing” mit automatischen Blenden-Serien eingestellt war.

Zweite Erkenntnis: Vor dem Shooting lohnt sich ein sorgfältiger Check aller kritischen Kameradaten wie Weissabgleich, ISO-Wert, Bracketing, Fokussierungsmodus, Belichtungsmodus, Bildqualität, Bildformat und Aufnahme-Automatik. Und das auch dann, wenn die Kamera über individuelle Set-Speicher der Einstellungen verfügt – oder grade dann. Denn ein Parameter könnte auch da verstellt worden sein.

Brennweite/Verschlusszeit

Eine Binsenwahrheit für Tele-Fotografie:

Die Verschlusszeit sollte 1/Brennweite betragen, also mindestens 1/200s bei 200mm Brennweite.

Damit lässt sich die Verwacklung des Bildes verhindern.

Surfer in Drehung, ISO 100, f/5.6, 455mm, 1/640s
Knapp schnell genug: ISO 100, f/5.6, 455mm Kleinbild, 1/640s. Die Schärfe reicht grade aus, der Surfer dreht durch die Achse von Kopf und rechter Schulter, und dort liegt der Fokus. Das Wasser am linken Bildrand wirkt durch die verhältnismässig lange Zeit ölig-schwer.

Aber das ist eine Faustregel. Sie bezieht sich auf die Brennweite im Kleinbild-Äquivalent – der Crop-Faktor von Digitalen muss also berücksichtigt werden. Umgekehrt kann man die Wirkung eines allenfalls vorhandenen optischen oder mechanischen Bildstabilisators abziehen, der vom Hersteller in Blendenstufen angegeben wird.

Das Wasser hat ihn
Fortsetzung des Eingangs-Bildes: Weniger dynamisch, aber mit beeindruckender Wasserwand, die den Surfer buchstäblich im Griff hat. f/5.3, 305mm KB, 1/2500s

(Mein Nikon 80-400mm VR-Objektiv soll bis zu drei Blendenstufen kompensieren. Demnach wäre ich bei 600mm Tele statt mit 1/640s auch mit 1/80s noch unverwackelt unterwegs. Das stimmt sogar – ich habe mit noch längeren Zeiten sehr akzeptable Bilder geschossen.)

Nur ist eben nicht alles scharf, was nicht verwackelt ist. Es ist noch nicht mal alles scharf, was nicht verwackelt ist und sogar im Fokus liegt: Als dritte Grösse gibts noch die Bewegung des Motivs – und die birgt die Gefahr der Bewegungsunschärfe.

Mitziehen: ISO 100, KB 400mm, f/5.6, 1/500s
Fast scharf: 1/500 Sekunde bei 600mm KB-äquivalent ginge dank Bildstabilisator, aber man müsste halt sauber mit dem Surfer mitziehen. Der Schärfenunterschied der beiden Männer beruht auf dem Schwenk, nicht auf der Schärfentiefe. Die Herausforderung fürs nächste Shooting!

Dritte Erkenntnis: Objekte im Bewegten Wasser sind am einfachsten mit möglichst kurzer Verschlusszeit aufzunehmen. Solang der Fokus stimmt, muss man sich dabei weder über Verwacklung noch über Bewegungsunschärfe Gedanken machen. -> Manuelle Scharfstellung!

Die Blende

Das heisst nicht, dass längere Verschlusszeiten und geschlossene Blende keine grossartigen Gestaltungsfaktoren sind: Mit mehr Übung und der Absicht, die Dynamik des Surfens auszudrücken, würde sich eine möglichst lange Verschlusszeit und das “Mitziehen” mit dem dahingleitenden Surfer lohnen. Aber das ist höhere Fotografie, an die ich mich vielleicht in einem zweiten Shooting herantaste.

Blende 9 und 1/350s: Die Unschärfe ist ausschliesslich Resultat der Bewegung des Motivs.
Grenzwerte, ungenügend kompensiert: Bei Blende 9 (wie kam ich bloss darauf?), 300mm KB und 1/350s ist die Schärfe zwar noch immer gegeben: Die Brettspitze als Drehpunkt der Bewegung und das umgebende Wasser sind scharf, aber der Surfer löst sich in der eigenen Bewegung auf – schade, denn seine Körperhaltung gefällt.

Vierte Erkenntnis: Bei längeren Verschlusszeiten lassen sich durch Mitziehen mit dem Motiv dynamische Effekte erzielen; der Autofokus hat dabei aber grade bei umgebendem Wasser schnell Mühe.

Das Motiv

Nachdem ich die technischen Details festgelegt hatte, glaubte ich, den Geschehnissen ausgeliefert zu sein: Der unregelmässige Wellengang sorgte für längere Wartezeiten mit kurzen Action-Phasen, in denen ich einigermassen wahllos auf den erstbesten Surfer draufhielt, der in eine Welle hineindrehte und auf seinem Brett aufstand.

Rücken 390mm 1/1500s
Ein schöner Rücken kann entzücken, aber diese kalte Schulter langweilt trotz der Wasserfontäne. 390mm KB, f/5.6, 1/1500s

Eine Kontrolle am Monitor der Kamera hätte schon früher verdeutlicht, was ich erst zu Hause am Bildschirm wirklich erkannte: Surfer ist nicht gleich Surfer. Sie haben nicht nur alle ihren eigenen Stil. Sie stehen vor allem seitwärts auf dem Brett: Demnach kriege ich automatisch die besseren Bilder und eine interessantere Haltung, wenn der Surfer mit dem linken Fuss vorne und damit offen zur Kamera auf dem Brett steht.

Erkenntnis Nummer fünf: Eine ausreichende Zeit blossen Zuschauens, das Studium möglicher Motive, der Abläufe und des Rhythmus bietet Gewähr, später im Sucher das bestgeeignete Motiv wieder zu finden und zu verfolgen.

Tele-Vergesslichkeit

Überhaupt, der konstante Blick durch den Sucher lässt bisweilen vergessen, dass man ein Zoom und nicht ein Festbrennweiten-Tele in der Hand hält: Manchmal bietet ein etwas grösserer Bildausschnitt mehr.

Surfer ISO 100 390mm, f/5.3, 1/1600sec
Der Plan war, auf einen der beiden zu zoomen. Am Ende entpuppte sich das Duo als besseres Bild: Der eine hat die Welle besiegt, der andere wird von ihr mit spitzen Fingern runtergezogen. 390mm KB, 1/1600s, f/5.3

Erkenntnis Nummer sechs: Nachträgliches Reinzoomen auf ein Motiv bietet mehr Flexibilität und weniger Risiko, das “Grosse Ganze” zu verpassen.

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3 Kommentare

  1. gebsn
    schrieb am 18. März 2008 um 10:25 Uhr (#)

    Gute Tipps. St. Barbara empfiehlt sich für Surffotos sehr, da man dort direkt von einer Klippe herunter auf die Surfer sieht. Ich hab mich dort auch mal versucht, aber mit meiner popligen IXUS ist natürlich nicht viel zu machen.

  2. debe
    schrieb am 18. März 2008 um 13:52 Uhr (#)

    ich frage mich, ob man bei solch grau-grün-blauen Wasser monochrome Bilder nicht (noch) besser wären. Gerade bei viel Gischt und den schwarzen Surfern (schöner Kontrast?). Ist nur ne Meinung, von jemanden, der von Fotografieren keine Ahnung hat. Nichts für ungut.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 18. März 2008 um 22:06 Uhr (#)

    @Gebsn: Danke. Wenn ich das nächste mal In St. Barbara bin…ich würd da ja gern die Foto-Akademie besuchen…
    @Debe: Da gibts nichts zu entschuldigen – gute Idee. Allerdings gefallen mir in meinen beiden Lieblingsbildern das Grün der Wasserwand und der blaue “Horizont” oben dran. Aber ich mal mal S/W-Versionen.

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