Leserbilder in der Profi-Kritik:
Die Unterschiede im Ausdruck

Zwei Bilder vom gleichen Standort, aber mit radikal verschiedener Aussage: Wie die Komposition den Ausdruck verändert.

Ingrid Menz

Ingrid Menz


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Ingrid Menz). – Sony Ericsson K810i – 1/6400s – f2.8

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Ingrid Menz:

Diesmal sehen wir uns zwei Fotos an, die ihrer Erscheinung nach zwar ziemlich verschieden sind, aber auch sehr viel gemeinsam haben. Beide wurden von einer Person mit derselben Kamera gemacht, und zwar am selben Tag, unter denselben Bedingungen, im Zeitraum von einer Viertelstunde . Beide Bilder zeigen vereiste Zweige.

Trotzdem unterscheiden sie sich sehr in Bezug auf die Komposition, das Gefühl und die Atmosphäre, die sie vermitteln:

Das erste Foto ist ominös und mysteriös, mit mehreren Aspekten, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Die Zweige scheinen so nah, daß wir das Gefühl haben, wir stünden zwischen ihnen.

Das Licht erscheint surreal, fast wie aus einer anderen Welt. Außerdem lugt etwas im Hintergrund über die Bäume, was wir nicht zu identifizieren vermögen. Es könnten Stromleitungen sein, oder Teil einer militärischen Installation. Dieses Ungewisse trägt ebenfalls zum Geheimnisvollen der Atmosphäre des Bildes bei.

Das zweite Bild ist weniger dynamisch und sticht nicht wirklich heraus, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Inghrid Menz 2

Inghrid Menz 2


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Ingrid Menz). – Sony Ericsson K810i – 1/400s – f2.8

Der Vorstellung des Betrachters wird nicht viel übrig gelassen. Trotzdem gibt es einige interessante Aspekte. Auch hier ist die Fotografin den Zweigen sehr nahe gekommen, in diesem Fall wird der Rahmen mit den drei Zweigen gefüllt, die in verschiedene Richtungen zeigen und unseren Blick von links nach rechts durch das Bild führen.

Außerdem ahmen zwei der Zweige im Vordergrund die Bäume im Hintergrund nach, indem sie sich in dieselbe Richtung nach rechts neigen. Neben der Tatsache, daß ein Bild im Hoch-, das andere jedoch im Querformat ist, ist das Hauptmerkmal, daß die Bilder voneinander so unterschiedet die Beleuchtung.

Im ersten Foto wird das Sonnenlicht genutzt, um das Motiv von hinten zu beleuchten, was das Bild fast monochrom erscheinen läßt und die außerirdische Atmosphäre erzeugt. In der zweiten Aufnahme ist die Beleuchtung «normal«, bedecktes Tageslicht, von dem manche nicht überzeugt sein mögen, aber ich denke, es kommt dem realen Moment der Szene nahe.

Ich frage mich, ob die Fotografin sich beide Szenen so vorgestellt und sie ihrer Vorstellung nach dann fotografiert hat, oder ob sie einfach auf den Auslöser gedrückt und auf das Beste gehofft hat.

Ich denke, letzteres trifft zu, würde mich aber freuen, von Ingrid Menz zu hören, wenn ich im Unrecht bin. Ich denke, beide Fotos sprechen uns in ihrer Art an, und glaube nicht, daß viel verändert werden könnte, ohne daß die jeweilige Atmosphäre verloren ginge.

Ich hoffe, dies zeigt, daß man mithilfe des Verständnisses für die technischen Aspekte der Fotografie und der Vorstellung, wie man eine Szene ablichten möchte, bevor der Auslöser gedrückt wird, unterschiedlichste Ergebnisse erzielen kann, die einfach auf der eigenen Blickweise beruhen. Entweder so, oder Du hoffst, daß Deine Kamera weiß, was Du willst – und das Foto dementsprechend macht.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für die Kritik. Ich finde die Aktion wirklich sehr lehrreich und gelungen.

    Um Ihre Frage zu beantworten: Die Fotos waren so gewollt. Im ersten Foto wollte ich die seit einigen eiskalten Tagen herrschende Atmosphäre festhalten, beim zweiten Foto mehr ins Detail gehen. In der Reihe gibt es noch einige andere Fotos, die den beiden alle stark ähneln.

    Ingrid Menz

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