Leserbilder in der Profi-Kritik:
Gefesselte Muscheln

Thomas Rathay, 20. März 2008 12:13 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Weniger ist manchmal mehr. Ist es notwendig, alles scharf abzubilden, oder können wir durch die Reduktion auf das Wesentliche einem Bild mehr Pep geben?

Markus Kiefer
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Kiefer). Fujifilm FinePix S6500fd – 1/320s – f/3.6 – ISO 200 – 12.8mm (58mm KB)

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Markus Kiefer:

Mein erster Eindruck des Bildes war: «Farbstich!«, aber genau das war es, was mich das Foto genauer betrachten liess:

Ich wollte wissen, was es ist, was auf der Aufnahme zu sehen ist und was mich animierte sie näher zu betrachten, was der Farbstich bezwecken sollte. Vielleicht war es je ein gecrosstes Bild aus analogen Zeiten.

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt für ein Foto, wenn es nämlich X-beliebig aussieht, schaut es sich kein Mensch genauer an. Bei genauerem Hinsehen erschließt sich mir der Inhalt des Bildes allerdings immer noch nicht genau. Sicher erkenne ich die Situation, dass ein ausgefranstes Seil auf einem Stein-Muschelstrand liegt, aber das wäre noch kein Grund es zu fotografieren, dem Bild fehlt es an Emotionen.

Man könnte durch eine andere Perspektive dem Ganzen etwas Spannung verleihen. Z.B. den Blick ganz von unten kommen lassen, dass die Fransen die Muscheln wie ein Krake umschließen. Wahrscheinlich ist auch das Meer nicht weit und würde einen guten ruhigen Hintergrund liefern, der Himmel übrigens auch.

Das ganze Bild wirkt auf mich sehr unruhig. Mein Auge wandert ziellos umher und findet keinen ruhigen Punkt, der die Bildaussage darstellt. Ein einzelnes scharfes Büschel vor unscharfem Hintergrund würde mehr aussagen als das ganze Bündel an Tauwerk. Es würde auch nicht so auffallen, dass das Ende des Tampens im Bild abgeschnitten ist, wenn es in die Unschärfe laufen würde. So sieht es sehr ungewollt komponiert aus.

Mit der Perspektive sollte jeder Fotograf selber spielen und gucken, was seinem Stil entspricht – allerdings wäre vorher zu überlegen, warum er dieses Bild machen möchte, was das Motiv für ihn wichtig macht, und dann diesen einen Aspekt herausarbeiten und den Rest «ausblenden«.

Was ich mir auch bei diesem detailreichen Bild noch gut vorstellen könnte, wäre eine Informationsreduzierung durch das Umwandeln in eine Schwarzweissaufnahme.

Markus Kiefer, bearbeitet von Thomas Rathay

Ich habe hier einmal zwei Varianten angefertigt, die eine erscheint mir relativ farbstichfrei, die andere ist in Graustufen umgewandelt.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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