Test Lensbaby (1 von 2):
Das Frankenstein-Objektiv

Lensbaby ist das Tilt/Shift-Objektiv für Arme, das Anti-Scheimpflug-Effekte mit jeder Spiegelreflexkamera erlaubt. Das neue Modell der dritten Generation ermöglicht Feineinstellungen dank Feststellschrauben. Wir haben es getestet.

lensbaby Anti-Scheimpflug mit Tilt/Shift, ein Objektiv, weniger aus- und scharf sieht
Lensbaby auf der Nikon D200. Ein echter Hingucker. (Bilder: PS/fokussiert.com)

Schön ist es jedenfalls nicht. Das Lensbaby sieht aus wie Frankensteins Objektiv – oder wie ein chirurgisches Instrument zur Fixierung von Wirbelsäulen.

Aber damit finden wir uns ab, schliesslich dient das Objektiv auch dazu, geradezu “abartige” Bilder zu schiessen. Als Kreativ-Instrument darf es da auch design mässig abweichen, schliesslich tut es ja genau das optisch…

Lensbaby auf Nikon D200Lensbaby auf Nikon D200 Feststellknopf am Objektivring (Bildmitte)
Lensbaby auf Nikon D200 Der Schärferegler, der sich in zwei Richtungen drehen lässt.Lensbaby auf Nikon D200 Die beiden Release-Knöpfe am untern Rand des Objektivrings
Lensbaby auf Nikon D200: Der Blendenring wird im Objektiv mit kleinen Magneten festgehalten (o.l.), der kleine Knopf arretiert das Lensbaby (o.l.), mit einem Drehregler lässt sich die Schärfe feinjustieren (u.l.), und das Zusammendrücken der zwei Knöpfe am untern Ring löst die Arretierung. (Bilder PS/fokussiert.com)

Lensbabies erlauben den sogenannten Tilt/Shift – Effekt, eine Beugung der Scheimpflug’schen Regel: Demnach steht die Ebene der Schärfentiefe in der Fotografie parallel zur Film- (oder heutzutage der Sensor-) Ebene. Je nach Blende ist in einem Foto deswegen immer alles, was sich in gleicher Distanz von der Kamera befindet, entweder scharf oder eben in der Unschärfe. Mit einer Abwinkelung der Linsen kann allerdings diese Ebene schräg zur Filmebene versetzt werden. Und plötzlich verläuft die Schärfe schräg durchs Bild.

In einem Artikel über Anti-Scheimpflug haben wir den Effekt bereits behandelt. Er dient einerseits für das Vermeiden von stürzenden Linien bei der Architekturfotografie und andrerseits für Spezialeffekte; er lässt sich mit Fachkameras mit flexiblem Balg oder mit speziell gefertigten (und teuren) Tilt/Shift-Objektiven für Spiegelreflex -Kameras nutzen.

Oder eben mit den Lensbabies. Wir haben eins bestellt, und zwar das neuste Modell der dritten Generation: Es verfügt nicht nur über eine Fixierung des flexiblen Objektivbalgs, sondern über drei Schrauben zur Fein-Einstellung der Ebene, einen Justierungs-Ring für die Feineinstellung der Schärfe und einen Release-Mechanismus.

Lensbaby: Die VerpackungLensbaby ausgepackt
Lensbaby: Panzer-Verpackung und Transportbeutel für das Objektiv.

Das Lensbaby wird in einer simplen Verpackung mit einem zähen Kunststoff-Behälter und einem Objektivbeutel geliefert. Der Container kann für die Aufbewahrung und den Transport des Lensbaby dienen, dessen Feinmechanik sonst im Foto-Rucksack von andern schweren Ausrüstungsgegenständen erdrückt werden könnte.

Lensbaby mit DeckelnLensbaby-Blendenring-Behälter

Ausserdem liegt in der Packung ein kleiner Faltprospekt zur Benutzung und ein löffelartiges Gebilde. In dessen mit einem Plastikdeckel verschlossenen Behälter sind sechs Gummischeiben mit Loch zu finden; das Griff-Ende des Objekts ist mit einer Kappe abgedeckt und erweist sich als kleiner Magnet.

Lensbaby - die BlendenringeAustauschen eines Blendenrings im Lensbaby
Wie früher: Am Lensbaby wird die Blende von Hand montiert…

Die Scheiben sind die Blendenringe, die von Hand im Lensbaby ausgetauscht werden: Der Magnet am “Blendenlöffel” dient dazu, die magnetischen Scheiben aus dem Objektiv herauszuheben oder einzulegen. Sie werden vor der Linse von drei am Rand vorstehenden kleinen Magneten festgehalten. Das Lensbaby weist ohne Ringeinsatz eine Blende 2 auf, der kleinste Einsatz entspricht der Blende 22.

Lensbaby Gebrauchsanleitung

Die Bedienung des Lensbaby ist gar nicht mal so einfach. Es wird auf der Kamera montiert und danach mit drei Fingern (un-) gleichmässig gegen das Kameragehäuse gezogen oder davon weggedrückt; die Standardfokussierung des Normalobjektivs liegt bei 18 Fuss oder sechs Metern. Der Clou ist die Verschiebung des “Sweetspots”: Der Fokus lässt sich durch ein Abschrägen des Balgs praktisch im ganzen Bildausschnitt “herumschieben”.

Wenn Schärfe und Sweetspot stimmen, sorgt ein Druck (mit einem vierten Finger…) auf den kleinen Verriegelungsknopf oben rechts am Objektivring dafür, dass die Einstellung fixiert wird. Dazu springen kleine Spitzen innerhalb der Löcher in die Gewinde der drei Schrauben, die sich zuvor frei in den Metallhülsen bewegten. Jetzt kann mit dem Schiebeknopf die Scharfstellung feinreguliert und über die drei Schrauben der Sweetspot noch genauer festgelegt werden.

Erste gehversuche mit dem Lensbaby

Ein Zusammendrücken der beiden Kugelknöpfe unten am Objektivring löst die Verriegelung, das Objektiv schnellt in die Normalstellung zurück.

Das ist auch schon alles. Aber es ist gar nicht mal so einfach, diese simple Mechanik richtig anzuwenden – wie wir im zweiten Testteil sehen werden.

Mehr lesen

Tordurchblick: Nachträgliche Linsenspiele

10.3.2010, 3 KommentareTordurchblick:
Nachträgliche Linsenspiele

Die digitale Dunkelkammer gibt uns Möglichkeiten wie nachträgliches Unscharfmaskieren in die Hand. Diese Mittel sind aber mit Vorsicht zu nutzen.

Tilt/Shift-Film \

26.2.2010, 4 KommentareTilt/Shift-Film "The Sandpit":
Miniatur-New York in 35'000 Bildern

Dieser wunderbare Fake-Tilt/Shift-Film, der New York im Sommer 2009 "en miniature" zeigt, ist mit einer Spiegelreflex und der Intervall-Funktion entstanden.

Pseudo-Modellfoto: Smallgantischer Schlepper

6.4.2009, 8 KommentarePseudo-Modellfoto:
Smallgantischer Schlepper

Eine extrem niedrige Schärfentiefe bewirkt "Modell"-Eindruck - ganz einfach, weil solche Effekte bisher nur mit Makro- oder Tilt/Shift-Objektiven möglich waren.

Lensbaby-Landschaft: Effektumkehrung

29.3.2010, 2 KommentareLensbaby-Landschaft:
Effektumkehrung

Die Wirkung von Filtern und Speziallinsen ist nicht immer berechenbar. Bisweilen entsteht der gegenteilige des beabsichtigten Effekts.

Farblaub: Scharf oder unscharf, bitte

5.6.2009, 1 KommentareFarblaub:
Scharf oder unscharf, bitte

In Naturstillleben sollte sich nichts befinden, was nicht dem Motiv oder der Linienführung dient.

Test Lensbaby (2 von 2): (Un-) kontrollierte Schärfenebene

22.3.2008, 5 KommentareTest Lensbaby (2 von 2):
(Un-) kontrollierte Schärfenebene

Lensbaby ist ein gut gewählter Name für dieses simple Tilt/Shift-Objektiv: Es ist kein Stück Hightech-Glas, sondern eine fröhliche Kreativ-Scherbe. Leider entstehen die kreativen Bilder meist mehr aus Zufall als aus der Planung.

Test Nikkor DX AF S 18-200mm VR 3.5-5.6 (2/2): Von Nah bis Fern

17.5.2009, 8 KommentareTest Nikkor DX AF S 18-200mm VR 3.5-5.6 (2/2):
Von Nah bis Fern

Nikons DX 18-200mm VR 1:3.5-5.6 Superzoom bringt an beiden Enden seines langen Spektrums gute Bildresultate.

Test Nikkor DX AF S 18-200mm VR 3.5-5.6 (1/2): Allrounder mit langer Linse

12.5.2009, 1 KommentareTest Nikkor DX AF S 18-200mm VR 3.5-5.6 (1/2):
Allrounder mit langer Linse

Das Nikon-DX-Objektiv AF-S 18-200mm 1:3.5-5.6 ED mit Bildstabilisator ist ein hochwertiges Allround-Glas.

Olympus E-30 im Test: Fragwürdige Dunkelbelichtung

3.4.2009, 2 KommentareOlympus E-30 im Test:
Fragwürdige Dunkelbelichtung

Bei Langzeitbelichtungen bieten viele DSLRS eine "Subtraktions-Belichtung": Dabei werden die "heissgelaufenen" Pixel aus dem Bild gerechnet.

Architektur: Bisweilen überwältigend

24.1.2011, 3 KommentareArchitektur:
Bisweilen überwältigend

Komplexe Architektur wirkt meist fotogen. Als Fotograf ist es aber häufig wirkungsvoller, ihr mit Teil- als mit Gesamtansichten gerecht zu werden.

Tilt/Shift und Timelapse-Videos: Ameisen-Fotokunst

24.10.2010, 2 KommentareTilt/Shift und Timelapse-Videos:
Ameisen-Fotokunst

Sam O'Hare hat uns mit einer miniaturisierten New Yorker Baustelle verzückt und verkleinert in seinem neusten Video ein Rockfestival.

Möwen auf der Brücke: Effekt macht Motiv

14.4.2010, 1 KommentareMöwen auf der Brücke:
Effekt macht Motiv

Auch scheinbar überholte Motive können durch eine neue Herangehensweise an Reiz gewinnen

Cokin-Filter und Filterhalter: Graue Verläufe

23.5.2009, 7 KommentareCokin-Filter und Filterhalter:
Graue Verläufe

Mit Digitalkameras und -Bildbearbeitung sind Filter fast obsolet geworden. Aber nur fast.

Dawntech di-GPS Pro im Test (I): Teurer Geotagger

28.9.2008, 2 KommentareDawntech di-GPS Pro im Test (I):
Teurer Geotagger

Direkt-GPS für Nikons: Was taugt das di-GPS von Dawntech? Wir haben das nicht grade billige Gerät zum Geotaggen auf der Kamera getestet.

11.9.2008, 1 KommentareFassade:
Muster und Farbe - und...?

Ein tieferes Verständnis dessen, was Du fotografieren willst, kann zu einer größeren Wertschätzung Deines Publikum führen.

4 Kommentare

  1. Stefan Junger
    schrieb am 21. März 2008 um 12:11 Uhr (#)

    Lensbabies sind eine schöne Art kreativ mit Schärfe umzugehen und in jedem Fall eine Überlegung wert. Ich denke mal das Lensbaby wird irgendwann auch den Weg in meinen Fotorucksack finden ;)

  2. Sofie Dittmann
    schrieb am 24. Januar 2009 um 04:21 Uhr (#)

    Ich glaube, du hast tatsächlich damit nur ein bischen experiementiert. Ich habe, zugegebenermaßen, bisher damit auch nur mäßige Erfolge, den einen mehr oder weniger zufällig, weil ich nicht geblickt habe am Anfang, wie mit dem Ding umzugehen war.

    Hier mein persönlicher Einblick: das Lensbaby zwingt Dich, voll manuell zu fotografieren; soll heißen, wenn einem die Grundlagen nichts sagen, wird es ein Mißerfolg. Außerdem ist es m.E. am besten geeignet, Stillleben oder spezielle Straßenszenen etc. zu fotografieren, wo ein extremer Fokus angebracht ist. Oder in einem Porträt. Was du als Beispiel bringst, wäre das eine Bild, was ich NICHT gewählt hätte.

    Nur so als Kommentar.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 24. Januar 2009 um 10:55 Uhr (#)

    Sofie, der Test geht weiter, mit viel mehr Beispielen. Wohl auch alle nicht das, was Du gemacht hättest, da bin ich mir sicher ;-)

  4. Sofie Dittmann
    schrieb am 25. Januar 2009 um 01:35 Uhr (#)

    Hahaha. Nein. Wohl nicht. Es gibt wahrscheinlich viele Motive, die ich anders schießen würde als du, und mindestens genauso viele, die du anders schießen würdest als ich… Case in point. Ich schieße damit hauptsächlich Stillleben.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.