Miroslav Tichy:
Der Außenseiter

Das Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main zeigt einen wahren Außenseiter der Gesellschaft – und unter den Fotografen: den Tschechen Miroslav Tichy.

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Miroslav Tichy: Ohne Titel, undatiert

Er nennt sich „Tarzan in Pension“ oder einen „Samurai“, dessen einziges Ziel es sei, seinen Gegner zu vernichten. Viele Jahrzehnte lebte er wie ein Eremit völlig zurückgezogen von der Welt in seiner eigenen Welt. Besucher pflegte der Mann, der ungefähr so aussah wie Robinson Crusoe nach vielen einsamen Inseljahren, mit der Axt zu vertreiben. Schließlich überredete ihn ein Jugendfreund, seine Fotografien der Welt zu zeigen.

In der reinen und klimatisch temperierten Umgebung des Museums wirken Tichys Bilder unpassend fremd. Wenn sie fühlen könnten, würden sie sich vielleicht wie Huckleberry Finn vorkommen, den man für die Sonntagsschule gewaschen, gekämmt und in schöne, jedoch unbequeme Kleider gesteckt hat. Denn in Tichys heruntergekommener Klause durften die Bilder überall herumliegen und vor sich hin gammeln.

Miroslav Tichy wurde 1926 in einem kleinen Dorf in Mähren geboren. Das Frankfurter Museum teilt zu Tichys Lebenslauf weiter mit:

Nach einer Ausbildung an der Prager Kunstakademie versuchte sich Tichy in den späten vierziger Jahren zunächst als Maler und Zeichner. Doch die totalitären Verhältnisse und wohl auch persönliche Erlebnisse entfremdeten ihn mehr und mehr der offiziellen Kunst- und Kulturszene. Tichy zieht sich schließlich völlig zurück und beginnt eines Tages zu fotografieren. Mit einfachen, meist selbst gebauten Kameras stellt er Tag für Tag dem weiblichen Teil der Bevölkerung seiner tschechischen Heimatstadt nach. Drei Jahrzehnte lang. Immer wieder steht Tichy am Zaun des Schwimmbades und schaut den Mädchen zu. Nach und nach vernachlässigt er sein Äußeres, trägt einen Bart, die Haare lang und verfilzt, seine Kleider sind Lumpen. Die meisten Kinder haben Angst vor ihm. Sie denken, seine Apparate seien nur Attrappen und in Wirklichkeit mache er überhaupt keine Fotos. Seine Wohnung gleicht der Werkstatt eines chaotischen Tüftlers. Es gibt keine Heizung. Im Winter ist es feucht und kalt. Doch das alles spielt für ihn keine Rolle, weil Tichy die Vorstellung von etwas tatsächlich mehr zu interessieren scheint, als die realen Verhältnisse.

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Miroslav Tichy: Ohne Titel, undatiert

Tichys Bilder sind unscharf, verwackelt, zerknittert, unter- oder überbelichtet, mit Fingerabdrücken, Schlieren von Entwickler- und Fixierflüssigkeit übersät. Seine Kameras baute er teils aus Klopapierrollen, Wasserrohren und mit Brillengläsern als Objektiven, Gummibändern als Auslöser oder Kronkorken als Vor- und Rückspulknöpfen für die Filme. Dazu wurden die Abzüge „unsachgemäß“ gelagert, wie die peniblen Museumsfachleute sagen würden. Trotz all der technischen „Mängel“ entwickeln sie ihre eigene Kraft und vermitteln uns die Gedankenwelt dieses Eremiten.

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Miroslav Tichy: Ohne Titel, undatiert

Man sagt, Miroslav Tichy habe niemals eine Frau berührt. Hier liegt vielleicht eine verborgene Vorgeschichte, die jeder Eremit hat – seit den Zeiten des Heiligen Franziskus‘ mindestens.

Wahr ist, dass er sich niemals um eine Öffentlichkeit bemüht hat, nie um eine Ausstellung, nie um eine Publikation. Das alles erschien ihm nicht erstrebenswert. Die Welt sei sowieso nur Schein, eine Illusion. Und jeder erkennt nur das, was er erkennen will, behauptet er immer wieder. Im Alter ist er etwas milder geworden. Die Kunstwelt greift wieder nach ihm, nachdem ihn der Jugendfreund überredet hatte. Das Frankfurter Museum hat 80 seiner Arbeiten angekauft. Die aktuelle Ausstellung ist seine erste Einzelausstellung in Deutschland.

Sein endgültiger Platz in der Kunstgeschichte wird sich noch finden. Robinson Crusoe kehrte in die Zivilisation zurück – auch Tarzan wurde in Kleider gezwängt. Von Huckleberry Finn ist hingegen bekannt, dass er sich lieber wieder Fetzen an- und sich in sein Fass zurückzog. Einen Eintrag bei Wikipedia hat Tichy jedenfalls schon.

Miroslav Tichy: Fotograf
Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, bis 3. August.
Domstraße 10, 60311 Frankfurt am Main
Tel.: (069) 212 304 47, E-Mail mmk@stadt-frankfurt.de

Geöffnet Di 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr, Do – So 10 – 17 Uhr, Mo geschlossen.
Einlass bis 16.30 Uhr, Einlass mittwochs bis 19.30 Uhr.
Öffnungszeiten während der Osterfeiertage: Karfreitag geschlossen, Ostersonntag 10 – 17 Uhr, Ostermontag 10 – 17 Uhr.

Museum für Moderne Kunst Frankfurt
Tichy bei Wiki

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