Leserbilder in der Profi-Kritik:
Geschichten erzählen

Fotografie ist ein weites Feld: Sie kann mit Mustern, Farben oder einfach nur mit dem Licht spielen, sie kann aber auch dokumentieren oder Geschichten erzählen. Dazu muss indes der Kontext geliefert werden.

Copyright Markus Mayer

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Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Mayer).
Nikon D300 – 1/80s – f/3.5 – ISO 720 – 35mm (54mm)

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild entstand im Berliner Bezirk Wedding in einem Haus, das irgendwo zwischen Verfall und Aufräumarbeiten steht. Es zeigt den Hausflur mit Blick auf die Straße.

Semi-Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Markus Mayer:

Die Emotionalität ist gegeben: Aufbruchstimmung, früher Morgen, fröhlicher Zerfall am Rande des biederen Alltags – wofür auch immer dieses Bild steht, es erwischt mich zunächst mal durch diesen Kontrast, der in der Schärfentiefe ganz konkret eingebettet ist.

Ein Architekturbild, wie die Kategorienwahl des Fotografen Markus Mayer behauptet, ist dies keinesfalls. Im Zentrum der Aufnahme steht nicht die Architektur des Hauses, sondern das soziale Umfeld. Der Kontrast der bieder-nostalgischen Fliesenwand zu den Kritzeleien und dem frechen Morgengruss lässt den Blick eine Weile schweifen, dann erfasst man den Flur und den Mann in der Unschärfe, der mit der Szene direkt nichts zu tun hat, die beiden Welten aber grade durch seine zielstrebige Bewegung noch stärker trennt, mit der Zeitungslektüre im Gehen eine Verbindung zum “Guten Morgen, Jungs” schafft und die Stimmung unterstützt.

Ein fröhlich-unbeschwertes Bild, das mir sehr gefällt und auch technisch gut gelöst ist: Meistens ist die Kontrastweite zwischen Tageslicht auf der Strasse und einem dunklen Hausflur viel zu gross, als dass beide Bereiche korrekt belichtet werden können und noch Zeichnung aufweisen. Das dürfte auch hier der Fall gewesen sein, nachdem der Korridor noch immer recht düster aussieht, obwohl er mit 720 ISO, Blende 3.5 und 1/80s fotografiert wurde. Ich gehe davon aus, dass die hellen Bereiche deswegen nachträglich via Tonwertkurve abgedunkelt wurden (mehr dazu unten).

Was wie eine Vignettierung aussieht (dunkle Bereiche in den Ecken), unterstützt in diesem Fall die Blickführung und dürfte kaum auf das Objektiv zurückzuführen sein – eher stammt der Effekt von einem Hilfslicht oder aus der Nachbearbeitung, aber er stört nicht im geringsten, sondern macht das Bild noch stimmiger.

Die grade noch sichtbaren Reflexionen des Strassenlichts an der Längswand und der Deckenverzierung geben dem Flur ein nettes Spitzlicht und betonen die räumliche Tiefe.

Aus techischer Sicht stört mich indes der grüne Farbsaum an den Gegenlicht-Objekten. Ich würde behaupten, er ist erst durch das digitale Abdunklen der hellen Tonwerte so stark hervorgetreten und könnte in den meisten Bildbearbeitungsprogrammen korrigiert werden.

Inhaltlich hab ich Mühe mit der zu lockeren Verbindung der Strassenszene mit dem stimmungsvollen Flur. Das Bild schlägt zwar eine Saite an, aber so alleinstehend, ohne Titel und Kontext, reicht das nicht. Es wäre etwas anderes, wenn der junge Mann, der da so ganz konventionell frühmorgens zeitungslesend zur Arbeit geht, dieses Gebäude verliesse – dann wäre der Kontrast des bürgerlichen Lebens zur Stimmung des Abbruch-Hauses in einer Verbindung aufgefangen, die Geschichten im Kopf entstehen liesse.

Ich sehe das Bild auch als Teil einer Reportage über den Bezirk Wedding, als einer von mehreren typischen Eindrücken, welche gemeinsam die Geschichte des Quartiers erzählen.

So allein aber ist dies ein gutes Bild, dem es etwas an der Geschichte fehlt.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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