Leserbilder in der Profi-Kritik:
Eiskalt erwischt
Von Thomas Rathay am 7. April 2008 um 10:52 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Bessere Fotos, Bildkritik, Ästhetik
Dynamische Linienführung und Zentralperspektive ziehen den Betrachter in das Bild hinein: Verlassen kann er es erst wieder, wenn auch ein Zug den Bahnhof verlässt. Der aber fehlt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Timo Schäfer). - Leider keine Exif-Daten vorhanden
Kommentar des Fotografen:
Bild Name: The Longe Edge - Ort: Berlin HBF September 2006 Technik: Canon EOS 1 mit Sigma 12-24mm @ 12mm f/8 auf Fujifilm Velvia 50. Postproduktion Adobe Lightroom und Photoshop, Anpassungen Gradationskurve, Anpassung der Tonwerte, sowie zugeschnitten.
Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Timo Schäfer:
Ich muss zugeben, ich bin ein Freund von klaren Linien und Strukturen, deshalb hat mich dieses Bild spontan in seinen Bann gezogen. Die Linienführung nimmt einen mit an den Eingang zum Tunnel, sozusagen mit auf die Reise.
Es fehlt allerdings das entsprechende Transportmittel. Wenigstens ein kleiner Hinweis auf den Zug, seien es nur die zu erahnenden Lichter im Dunkel oder eine Lichtspur der durchrasenden Bahn, die mich auf die Reise in die Kälte nimmt, wäre hilfreich.
Kühl wirkt das Bild durch die Wahl der Farbe. Blau ist ein Synonym für Kalt. Hier im Bild vermittelt dieses Blau auch Ungemütlichkeit, ich möchte nicht lange auf diesem Bahnsteig sitzen und fröstelnd auf das warten, was da kommt.
Wenn denn überhaupt etwas kommt. Durch das Fehlen jeglichen Lebens wirkt die Anlage sehr unwirklich und irrational. Faszinierend und erschreckend zugleich.
Was mir bei der Gestaltung des Bildes nicht gefällt ist die Richtung der Linien. Gut ist, wie gesagt, dass alle zu dem entscheidenden Punkt, dem Tunnel, führen. Schade ist, dass der Tunnel so weit unten angesiedelt ist. Dadurch wirkt alles etwas gedrückt. Positiv aufsteigende Linien, wie die Gleise sie schon aufweisen, werden etwas von den sehr dominanten Fensterfronten erschlagen.
Durch einen etwas tieferen Standpunkt würde die Perspektive verschoben und sicherlich ansprechender. Meines Erachtens nach ist es ein klasse Bild, mit leichten Schwächen, die aber durchaus erklärbar sind und somit auch ausgemerzt werden können. Es ist immer wieder schön, ein bewusst gestaltetes Bild einer Alltagsituation zu sehen.
Noch eine technische Geschichte zum Schluss, die Abdunkelung zu den Bildecken hin nimmt dem ganzen Bild den Highkey- Effekt, den es haben könnte - und auch gut vertragen würde. Ich habe mal wieder kurz mein Bildbearbeitungsprogramm geöffnet und bei der Gelegenheit auch noch die mich störenden Reflexe aus den vorderen Scheiben entfernt.
In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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