Leserbilder in der Profi-Kritik:
Jenseits des Porträts

Warum stellen wir uns unter “Porträt” fast nur passfotoartige Bilder vor? Bisweilen sagt ein stimmungsvolles Bild mehr als klare Gesichtszüge.

Jeannine Jentsch

Jeannine Jentsch


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jeannine Jentsch). Pentax K100D – 1/1500s – f/4.0 – ISO 200 – 40mm (62mm)

Kommentar der Fotografin:

Die Serie mit meiner jüngeren Schwester habe ich letzten Sommer an einem See aufgenommen. Ich wollte den Übergang vom Kind-Sein zum Erwachsenwerden zeigen, die Nachdenklichkeit, die ebenso Kindern wie Erwachsenen eigen ist.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jeannine Jentsch:

Die Nähe ist extrem, die Stimmung melancholisch; das wichtigste Merkmal des menschlichen Gesichts, die Augen, sind nicht zu sehen, und der Fokus liegt dicht vor dem Gesicht. Würde man dies als Beschreibung eines Porträts hören, ohne das Bild zu kennen, dann würde man wohl von einem verunglückten Foto ausgehen. Hier ist das Gegenteil der Fall:

Dies ist eine Fotografie von hohem künstlerischem Ausdruck – und das ist keine Frage des persönlichen Geschmacks. Die Aufnahme “funktioniert” in dem Sinne, dass sich kaum ein Betrachter mit einem Blick zufrieden geben kann.

Nicht erst auf den zweiten Blick steht fest, dass das junge Mädchen die Augen nicht geschlossen, sondern in sich gekehrt oder zum Schutz vor der in der leichten Brise wehenden Haarsträhne nach unten gerichtet hat. Damit fängt der Zauber des Bildes an: Der gesamte Ausdruck gibt Rätsel auf, lässt den Betrachter nach der Stimmung des Kindes fragen, nach erklärenden Hinweisen im Gesicht suchen. Ein wahrer Mona-Lisa-Effekt.

Die Komposition unterstützt diesen suchenden Blickgang: die blonden Haare auf der rechten Seite des Kopfes bilden im sanften Bogen gegenüber der stockdunklen linken Gesichtshälfte den Rahmen für den Bildinhalt; sie enthalten zudem die hellsten Flächen im Bild und ziehen das Augenmerk direkt in das Gesicht. Die beiden feinen Strähnen, die – ich behaupte das jetzt mal frech – der Autofokus in die bei einem leichten Tele von 62mm bei Blende 4 bereits geringe Schärfentiefe gerückt hat, umfliessen ebenfalls die Augen des Kindes in leichten Schwüngen und sind über dem Mund – wo wir sofort nach den Augen als nächstes nach Erklärungen für die Stimmung suchen – in der gleichen Richtung wieder vorhanden. Dann führen die kindlich-runden Gesichtszüge weiter nach rechts in dunkle Abgründe.

Technisch ist die gesamte Aufnahme brilliant gelöst. Man könnte behaupten, der auf den dünnen Haarsträhnen liegende Fokus sei ein Fehler – ich gehe vom Gegenteil aus: Das feine Netz dieser Haare ist das I-Tüpfelchen auf der Komposition und wäre wahrscheinlich gar nicht mehr zu sehen, wenn die Schärfentiefe erst dahinter auf den Augen anfangen würde. Das wäre ein extremer Verlust für das Bild. Die Schärfe auf der Haarsträhne verhindert auch den Eindruck, es handle sich um ein Hamilton-Weichspüler-Bild.

Die Aufnahme ist nicht unterbelichtet, auch wenn 1/1500s bei ISO 200 um diese Tageszeit erstaunlich kurz ist. Die Belichtung gibt mit weichen, beinahe monochromen Farben die Stimmung eines Sommerabends rund 20 Minuten nach Sonnenuntergang wieder, genau an der Grenze zur Nachtdämmerung.

Die Tonalitäten sind sehr vielfältig und gut über das ganze Bild verteilt, selbst in der oberen rechten Ecke ist noch Zeichnung vorhanden. Mit dem Bild in Photoshop oder Lightroom wäre ich wohl versucht, mit den Farben rumzuspielen – dass das hier nicht passiert ist oder eher in abschwächende Richtung, ist sicher ein guter Entscheid.

Ein einziger Punkt stört mich an dem Bild: Der Hintergrund links nimmt im Verhältnis zur Aussage, die er dem Bild zusätzlich gibt, zu viel Raum ein. Ich würde davon soviel wie möglich wegschneiden, ohne dass die feinen Wellen auf dem See, die angedeutete Trauerweide und ein wenig Lichtreflexion völlig wegfallen – aber jetzt sind sie viel zu dominant. Sie wären ein zweites Bild, in diesem sollen sie das Porträt unterstützen und nicht davon ablenken. Dem Gesicht würde ein nahezu quadratisches Format gut anstehen.

Auf jeden Fall ist das Ein Foto, das ich grossformatig drucken und rahmen und ganz bestimmt prominent in meinem Portfolio platzieren würde. Gratulation!

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Pingback

  1. Sich einer professionellen Kritik stellen……

    das war meine Absicht, als ich einige meiner Portraits an die Bildkritikabteilung des Fokussiert-Blogs geschickt hatte. Nicht gerechnet hätte ich allerdings mit einer derart positiven Beurteilung und ich bin wirklich stolz und freue mich sehr da…

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