Konzertfotografie:
Das Mikrofon als Herausforderung

Douglas Abuelo, 23. April 2008 11:00 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

An öffentlichen Anlässen, namentlich Konzerten oder Reden, haben speziell Amateurfotografen mit zusätzlichen Hindernissen zu kämpfen: Die Position ist nicht frei wählbar, und Objekte wie Mikrofone und Stehpulte sind ständig in der Schusslinie.

Thoralf Abgarjan: Svenja Schmidt
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Thoralf Abgarjan). – Canon EOS 5D – 1/160s – f/2 – ISO1000 – 85mm

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild ist auf der Frankfurter Musikmesse im März 2008 entstanden. Es zeigt die Sängerin und Keyboarderin Svenja Schmidt mit Band auf der Agora-Stage. Dieses Bild ist mit available Light (sofern man ueberhaupt von light sprechen kann) ohne Blitz unter extremen Lowlight aufgenommen. Es offenbart eine tiefgehende Gefühlswelt der Musikerin.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Thoralf Abgarjan:

“Wenn die Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran.” Der Fotograf Robert Capa, der 1954 starb, hat dies zu einem Mantra für Generationen von Fotografen gemacht.

Dieser Spruch wurde so häufig wiederholt, dass er zu einem Klischee geworden ist. Aber sogar heute trifft er in bestimmten Situationen zu, und viele Fotos könnten eine viel bessere Arbeit sein, wären sie eine persönlichere oder nähere Aufnahme des Objekts.

Für dieses Bild hier wäre es nur von Vorteil gewesen, hätte der Fotograf näher heranzoomen und weniger Platz um die Person herum lassen können. So könnte sich die Aufmerksamkeit des Betrachters voll auf den Ausdruck der Sängerin konzentrieren, die jenes Element ist, das dem Bild Dramatik verleiht.

Mikrofone sind oft ein Problem, wenn auf Konzerten, Pressekonferenzen, Podiumsdiskussionen, usw. fotografiert wird. Natürlich ist es nicht immer möglich, alle störenden Elemente aus spontanen Fotos zu entfernen, aber wir können es versuchen, sie eventuell weniger störend ins Bild einschließen.

Bei Pressekonferenzen und Diskussionen ist gut, etwas früher zu erscheinen, um zu sehen, wie der Aufbau sich gestaltet. Sind die Mikrofone zu hoch, kannst Du sie entweder selbst diskret verstellen, oder einen Mitarbeiter höflich darum bitten. Normalerweise sind die sehr verständnisvoll und helfen gern.

Bei Konzerten ist es leider nicht so leicht, und es gibt keine Universallösung. In diesem Fall hätte der Fotograf sich nach links bewegen können, damit weniger des Gesichts vom Mikrofon verdeckt ist. Hättest Du die Spotmessung benutzt und auf das Gesicht der Sängerin, anstatt auf die gesamte Szene gemessen, hätte das Bild an Dramatik und Geheimnis gewonnen, indem das Foto verdunkelt worden wäre, und Ablenkungen wie die Beine der Frau wären weniger sichtbar. Wenn Du also insgesamt ein paar Ablenkungen wegnimmst und ein wenig Dramatik hinzufügst, indem Du näher heranzoomst, bist Du auf dem besten Weg, Fotos zu machen, die «gut genug« auch im Sinne von Robert Capa sind.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. awokenMIND
    schrieb am 23. April 2008 um 11:47 Uhr (#)

    Ich wusste gar nicht, dass Svenja Schmidt auch auf der Agora-Stage gespielt hat. Schade, das hätte ich mir sehr gerne angeschaut!

    Zum Bild: ich hätte mir auch etwas mehr Zoom gewünscht, die Mimik wäre sicher sehr schön dadurch herausgekommen. Aber das lässt sich im Nachhinein durch entsprechendes Croppen einigermaßen “ausbügeln”. Ansonsten könnte das Bild etwas mehr Schärfe und vor allem Kontrast gebrauchen.

    Ich habe auch ein paar Bands auf der Agora-Stage abgelichtet und ich muss sagen: so extrem war die Lichtsituation gar nicht. Das Licht war wahnsinnig gut gesetzt, hat tolle Stimmungen erzeugt und war mitunter sehr gut kalkulbierbar. So gut, dass ich mich auf eine fixe Blende (Offenblende 2.8) und lediglich 3 verschiedene Verschlusszeiten festlegen konnte. Je nachdem, wie stark das Lichtfeuerwerk gezündet wurde, variierte ich zwischen den 3 Werten. Es ergaben sich durch die tolle Lichtsetzung schöne Kontraste, die ich hier leider vermisse.

    Auch wenn es Eigenwerbung ist… In folgendem Flickr-Set kann man ein paar weitere Eindrücke von der Agora-Stage anschauen.

    http://flickr.com/photos/…s/72157604121986258/

    PS: Es kamen Brennweiten zwischen 17mm und 50mm direkt aus der 1. Reihe zum Einsatz.

  2. Thoralf Abgarjan
    schrieb am 3. Mai 2008 um 20:30 Uhr (#)

    Danke fuer die Kommentare. Ich habe jedoch folgende Frage an die Kommentatoren (ich will ja schliesslich hier etwas lernen): Wie zu sehen ist, wurde das Foto mit Blende 2.0 aufgenommen. Mir ist jedoch kein (Canon) Zoom bekannt, welches Blende 2 ueberhaupt ermoeglicht. Das hier verwendete Objektiv hat eine 85 mm Festbrennweite und max. Blende 1,2. Insofern sind fuer mich die Zoom-Hinweise zunaechst wenig hilfreich. Mit einer kleineren Blende als 2.0 haette ich hier keineswegs agieren wollen, da ein wesentlicher Teil der Bildaussage der in der Unschaerfe stehende Gitarrist ist (worauf erstaunlicherweise niemand einging).
    @awokenMIND: Auf der Agora-Stage gab es extrem unterschiedliche Lichstimmungen, wie die von Dir angebotenen Beispiele illustrieren. In meinem Falle war es wirklich Lowlight – das Foto zeigt also die wirkliche Stimmung.
    Also, auf einen Hinweis in Sachen Zoom 2.0 wartend, verbleibe ich.
    Thoralf

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 4. Mai 2008 um 09:58 Uhr (#)

    Hallo Thoralf

    Tja, der Hinweis betreffend Zoom-Objektive scheint richtig zu sein – und ist natürlich ein gutes Argument.

    Allerdings sagt Douglas ja auch:

    Für dieses Bild hier wäre es nur von Vorteil gewesen, hätte der Fotograf näher heranzoomen und weniger Platz um die Person herum lassen können.

    Du bist in deinem ursprünglichen Bildkommentar auch nicht auf den Gitarristen eingegangen, und ich persönlich empfinde ihn, so dicht, wie er jetzt an der Sängerin steht, kompositorisch auch eher als störend.

    Douglas sagt ausserdem:

    In diesem Fall hätte der Fotograf sich nach links bewegen können, damit weniger des Gesichts vom Mikrofon verdeckt ist.

    Wenn diese Möglichkeit bestanden hätte, wäre zugleich der Gitarrist in der Komposition nach links gewandert, was ich gewinnbringend fände – allerdings hättest Du wohl eher nach rechts als nach links gehen müssen, um weniger Mikrofon vor dem Mund der Sängerin zu haben – was den Gittaristen direkt hinter sie gebracht hätte. Und wenn Du Dich so frei hättest bewegen können, wäre “näher ran” ja auch kein Problem gewesen, was kaum anzunehmen ist.

    Alles in allem wohl einfach eine schwierige Aufgabe, die besser zu lösen einen ganzen Haufen hypothetischer Annahmen voraussetzen würde.

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