Strassenporträt:
Mehr Zeit investieren

Menschen abzubilden, ohne dabei nur ihr Äusseres zu zeigen, verlangt Zeit und Auseinandersetzung mit dem Motiv. Denn wir alle posieren vor einer Kamera – am Fotografen ist es, durch die Fassade hindurch vorzustossen.

Karin rindlisbacher: Strassenjunge in mexico
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Karin Rindlisbacher). – Leider keine Exif-Daten vorhanden

Kommentar der Fotografin:

Strassenjunge in Mexico, Distrito Federal TriX 400.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Karin Rindlisbacher:

Der Hauptanlass eines guten Porträts ist, den Charakter und die Essenz eines Objekts auf interessante Weise in ein Bild zu übertragen. Dieses Porträt hier gibt uns einen guten Eindruck der äußeren Erscheinung des Porträtierten, aber lässt uns nicht hinter seine Fassade blicken. Wir können die Person nur sehen, wie sie sich präsentieren möchte, denn sie posiert offensichtlich extra für das Foto. Leider erzeugt dies eine Art von Oberflächlichkeit, was hoffentlich nicht zu abwertend klingt:

Denn dies ist ein schönes Porträt, dem es lediglich an Tiefe und Einsicht in das Wesen des jungen Mannes fehlt.

Das wichtigste, was man normalerweise für Porträtfotografie, und ich meine nicht die üblichen Schaufensterporträts, braucht, ist Zeit. Indem der Fotograf mit dem Porträtobjekt Zeit verbringt, werden sie miteinander vertraut, und die Fassade des Porträtierten fällt. Dies ist zumindest das, was wir Fotografen erhoffen.

Verschiedene Fotografen unternehmen verschiedene Dinge, um zu diesem Punkt zu gelangen. Einige unterhalten sich mit ihrem Objekt eine Weile, bevor sie Fotos machen, andere machen massenweise Bilder, und dann, wenn der Porträtierte denkt, die Sitzung sei beendet, fangen sie erst richtig an loszulegen.

Was auch immer für Dich das Richtige ist, lass Dir Zeit. Diesem Foto kommt zugute, dass der Maschendrahtzaun das Gesicht des Jungen einrahmt. So fangen wir an, uns Gedanken über ihn und seine Situation zu machen.

Ich denke jedoch, das Einrahmen hätte ein wenig besser gemacht werden können, indem jedes Auge durch ein anderes Loch gesehen hätte, und die Linie des Zauns über sein Nasenbein verlaufen wäre.

Ich würde auch gern mehr von seinem Kinn sehen. In solchen Porträts kann eine extreme Nahaufnahme sehr gut funktionieren. Wäre die Oberkante des Fotos jedoch etwas mehr in der Mitte der Stirn, dann wäre etwas mehr vom Kinn zu sehen, und das Foto viel mehr im Gleichgewicht.

Die geringe Schärfentiefe und der scharfe Fokus auf dem Gesicht in Kombination mit Schwarz-Weiß kreieren ein schönes Porträt, das aber noch besser sein könnte.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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