George Barr: “Besser Fotografieren”
Anleitung zum Sehen
Von Peter Sennhauser am 11. Mai 2008 um 11:09 Uhr Kommentare (4)
Kategorien: Literatur
Besser Fotografieren heisst, mehr sehen. George Barr lehrt in diesem Buch das Sehen. Sein Lese- und Beispielbuch befreit von festgefahrenen Vorstellungen, was Foto-Kunst muss, und es macht Lust auf das, was sie kann.
George Barr muss nichts mehr beweisen: Seine Bilder wurden in vielen Publikationen veröffentlicht und werden in Galerien, übers Web und in Museumsshops verkauft.
Dabei ist der Allgemeinarzt aus Calgary, Kanada, ein Amateurfotograf, oder, wie er es nennt, ein Teilzeit-Kunstfotograf. Gerade das aber macht den enormen Wert seines Buchs “Besser Fotografieren” aus:
Barr weiss, was Amateure und Hobbyisten ausbremst, mit welchen Problemen und Zweifeln sie kämpfen, welche Stufen in der Lernkurve am schwierigsten zu erklimmen sind und wie man sich motiviert, sie dennoch zu nehmen. Er versteht es ausserdem, dies auf sehr verständliche, praktische Weise zu erklären.
Sein Buch liest sich wie eine Abfolge von sorgfältig auf einen Punkt gebrachten Gedanken, Erkenntnissen und Anleitungen darüber, wie man ohne klassische Fotografenausbildung sein Sehen, seine kompositorischen Fähigkeiten, die Einschätzung von Motiven und eigener Bilder verbessern kann. Persönliche Anekdoten sorgen für Abwechslung, und die Anreicherung mit Selbstkritik-Beispielen von Barrs Fotos macht die Herausforderung bildhaft deutlich.
Die Ähnlichkeit mit einem Blog ist kein Zufall - das Buch ist aus Barrs Blog entstanden. Auslöser war ein einziges Posting: Als Barr ein Stufenprogramm zur Einschätzung der eigenen fotografischen Fähigkeiten veröffentlichte - aufgeteilt in technische Kenntnisse und künstlerisch/ästhetische Fähigkeiten - veranlasste das den amerikanischen RockyNook-Verlag zu einer Anfrage, ob er dieses System nicht in einem Buch vorstellen möchte.
Entsprechend heisst das amerikanische Original, welches ich vorliegen habe, auch “Take Your Photography to the Next Level”. Und so wenig ich diese “Tu dies, tu das”-Titel amerikanischer Sachbücher ausstehen kann, für einmal finde ich ihn angebracht, und der Untertitel “From Inspiration to Image” macht klar, worums geht.
Die Deutsche Übersetzung des dpunkt-Verlags hingegen: “Besser Fotografieren - Die hohe Schule der kreativen Fotografie” halte ich für verunglückt, weil der Haupttitel nichts aussagt, der Untertitel hingegen impliziert, dass es sich um ein hochgestochenes Werk für Kunststudenten handelt - und das ist zum Glück falsch. Dies ist ein Praxis-Buch, das sich allerdings wohltuend von den klassischen Lehrgängen mit Aufgaben und Lösungen abhebt.
Das Schöne an dem Werk ist, dass es wirklich jeder Fotografin jeder Stufe etwas bietet und sich nicht mit Kameratechnik aufhält. Ferner wird die versprochene “Einstufung” erfreulicherweise an den Schluss verbannt, wo sie überhaupt erst Sinn ergibt: Dies ist kein “Du bist Fotografentyp A und musst jetzt Folgendes erlernen”-Buch, sondern eine lesbare, nachvollziehbare Einführung in die Kunstfotografie mit anschliessender Selbsteinschätzung für den Leser.
Die Systematik zeigt sich in den Kapiteln (Klammererklärungen von mir):
- Sehen (Worin sich gute von schlechten Bildern unterscheiden und wie man lernt, durch Bildanalyse und Vor-Bilder sein eigenes Sehen zu entwickeln)
- Motive finden (Wie man seinen Geist von Ansprüchen und vorgestellten Bildern befreit und Platz macht für die Entdeckung der real existierenden Motive)
- Komposition (Wie man mit Bildausschnitts-Schablone und Zeichenblock im Feld die beste Linienführung und Bildrahmung trainiert, bis man die Hilfsmittel nicht mehr braucht)
- Bilder beurteilen (wie man die eigenen Aufnahmen neutral einschätzt oder dank Kritik von aussen eigene “Sehfehler” erkennt)
- Gedankenspiele (wie man Zweifel und Krisen überwindet, sich “Ausrüstungsneid” abgewöhnt und sich selber zu Fortschritten motiviert)
- Ein Schritt vorwärts (wie man seine eigene Entwicklungsstufe in technischer und in einer separaten Skala in künstlerischer Hinsicht einschätzt und herausfindet, welcher Lernschritt als nächster den grössten Fortschritt bringt)
- Ausrüstung und Programme (George Barrs Ausrüstung und ein paar Hinweise zu Software und Arbeitsweise)
George Barr hält in all diesen Abschnitten mit seiner persönlichen Meinung nicht zurück. Das geht so weit, dass er in der Einleitung den Kaufinteressenten auffordert, das Buch durchzublättern, sich die Bilder anzuschauen und zu beurteilen, ob er dazu eine Beziehung aufbauen kann und ob er bereit ist, vom Urheber dieser Aufnahmen Ratschläge anzunehmen.
Der Weg führt über Skizzen
Einige seiner Bilder gefallen mir nicht besonders, andere finde ich umwerfend - aber das ist persönlicher Geschmack. Ihn von der neutralen Einschätzung nach ästhetischen Gesichtspunkten zu unterscheiden, ist einer von vielen Punkten, in denen mich George Barrs Buch vorwärts gebracht hat.
Seine Beispiele funktionieren durchwegs, etwa wenn er zeigt, warum ein bestimmtes Schnee-Bild in Schwarz/Weiss schlechter wirkt als in Farbe, obwohl es ausser Blau keinen anderen Farbton enthält.
Oder wenn er an vielen Beispielen zeigt, dass Bilder meistens “funktionieren” wenn sie einen einfachen, aber wohlüberlegten Aufbau durch Linien haben, welche den Betrachter durchs Bild führen. Seine Methode, das Erkennen dieser Linien zu Trainieren: Man trage immer einen Skizzenblock mit sich herum und skizziere jedes Bild vor der Aufnahme in einem einfachen Rahmen ausschliesslich mit den führenden Linien. Nach einiger Zeit erübrigt sich die Skizze - sie entsteht im Kopf.
Barr hat auch keine Hemmungen, in ideologische Wespennester zu stechen: Er zieht beispielsweise die S/W-Fotografie vor, schiesst seine Bilder aber in Farbe (was bei RAW ohnehin geschieht) und urteilt erst am Bildschirm, in welcher Technik er das Bild umsetzen will. Solche Möglichkeiten der Digital-Technik auszunutzen gilt in manchen Fotografenkreisen als Frevel. Barr dagegen hält jede Selbsteinschränkung für Unsinn - ihm geht es um Kunst, und die darf nicht nur, sie soll alle Möglichkeiten nutzen.
An einem Workshop mit George Barr hier in San Francisco habe ich eine kleine Diskussion darüber gestartet, dass intensive Beschneidungen von Bildern Verrat an der ursprünglich geplanten Komposition seien. Nach ein bisschen Hin- und Her sagte Barr schliesslich: “Niemand schreibt Dir ein Seitenverhältnis vor. Film gibts seit je her in vielen verschiedenen Formaten. Wenn Du Dich von den Massen Deines Sensors einengen lassen willst - nur zu. Wir andern machen dieweil einfach das beste aus unseren Fotos.”
Kunstfotografie ist eine andere Disziplin als journalistische Dokumentation. Regeln bilden einen Rahmen, in dem zu operieren sich lohnt, aus dem auszubrechen aber bisweilen das Gute vom Grossartigen unterscheidet.
Dies sind, neben all den praktischen Tipps, wie man ein guter Fotograf wird und gute Bilder macht, die wichtigsten Aussagen in George Barrs Buch: Hemmungen sind fehl am Platz, Bequemlichkeit schränkt ein.
Mut und Motivation
Barr widmet sich deshalb mehrere Seiten dem Thema “Klischee-Motive”. Er wirbt dafür, nicht vor ihnen zurückzuschrecken: Kaum ein Objekt ist noch nie fotografiert worden, viele sind millionen Mal fotografiert worden - “aber sie sind nicht von Ihnen fotografiert worden.” Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, sein eigenes, stärkstes Bild dieses Motivs zu machen. Er bekennt freimütig, dass sein Bild von Peggy’s Cove - der berühmten Landzunge mit Leuchtturm in Novia Scotia - sein bestverkauftes Bild ist, und dass er sich dafür nicht etwa schämt: Es ist sein ganz individuelles Bild des Leuchtturms, es ist ein starkes Bild, und er hat einen Tag daran gearbeitet.
Barr schreckt noch nicht mal davor zurück, die Ideen andere Fotografen zu kopieren: Auch daraus lerne man, sagt er, und wenn jede Aufnahme absolut neu sein müsste, könnte man weder den Mond noch das Yosemite-Tal fotografieren.
Neben den ganzen praktischen Tipps zu Bildaufteilung, Bildbeurteilung oder etwa zum Workflow bei der Auswahl einer Serie Bilder für einen Wettbewerb haben mir persönlich diese Abschnitte in dem Buch am meisten geholfen, die mit der Ratlosigkeit umgehen, die einen etwa beschleicht, wenn man sich einen Ort für die Motivjagd vorgenommen hat, aber keine Bilder sieht.
Oder wie man mit der Enttäuschung umgeht, wenn man einen halben Tag lang eine “Szenerie bearbeitet” hat und Hoffnungsfroh an den Bildschirm zurückkehrt, nur um festzustellen, dass kein einzig wirklich gutes Bild in der Ausbeute ist (sein Rezept für diesen Fall: Die halb gelungenen Bilder behalten und später nochmals ansehen; und auf jeden Fall: an den gleichen Ort zurückkehren und es nochmals probieren).
Fazit
“Besser Fotografieren” von George Barr ist eine Anleitung, wie man ein guter Fotograf wird - aber sie kümmert sich weder um Blende noch um Belichtungszeit, Filter, ISO-Zahl oder Tricks in der Dunkelkammer. Diese Anleitung befasst sich mit jenem Teil der Fotografie, der viele Einsteiger angesichts der grossartigen und preiswerten modernen Technik zu wenig Augenmerk schenken und vergessen, womit gute Fotografie anfängt: Mit dem Sehen.
George Barr liefert auf diesen 224 Seiten einen umfangreichen offenen Lehrgang zum besseren Sehen. Ich halte ihn für weitaus wertvoller und zweifellos hilfreicher auf dem Weg zur guten Fotografie als viele Kamera- und Anleitungsbücher, die sich immer mit Technik, aber fast nie mit Fotografie befassen.
George Barr: “Besser Fotografieren - Die hohe Schule der kreativen Fotografie”, dpunkt.verlag, 36 Euro, 62 CHF.
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4 Kommentare
Vielen Dank für den Buchtipp, das ist genau die Art von Buch, die ich schon seit längerem haben möchte! Werde ich asap bei amazon bestellen.
fokussiert.com » Blog Archiv » Farbenherbst: Mut zur Retusche!
schrieb am 6. Juni 2008, 14:29 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] vor einigen Monaten hätte ich auch gesagt: Das ist die Realität, das bleibt so. Heute bin ich geläutert - wenn auch vorsichtig. Die Frage, die man sich vor einem Eingriff in eine Fotografie stellen muss, […]
fokussiert.com » Blog Archiv » Architektur: Raffiniert geblitzt
schrieb am 20. Juni 2008, 10:13 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] millionenfach fotografiert worden. Aber wenn diese Aufnahme nicht beweist, dass man durchaus seine ganz eigene Sicht der Dinge ablichten und damit etwas Neues schaffen kann, dann weiss ich nicht, was diesen Beweis erbringen […]
fokussiert.com » Blog Archiv » Irische Drachenburg: Warum Schwarz/Weiss?
schrieb am 24. Juli 2008, 12:56 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] sondern behindernd wird, soll der Fotograf sie ausblenden. Schau Dir mal dieses S/W-Portfolio von George Barr an, und Du erkennst sofort, was ich […]
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Roland Hachmann
schrieb am 11. Mai 2008, 21:40 Uhr (Permalink zum Kommentar)