Digitale Infrarot-Fotografie:
Kniffliger Filter-Zauber

Wolf-Dieter Roth, 20. Mai 2008 12:35 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Infrarot-Fotografie ist eine interessante Nische. Nun, wo der Frühling fast schon sommerlich warm ist, war es mal wieder Zeit für ein paar Experimente.

Infrarot 850 nm kontrastverstärkt sw W.D.RothTageslicht original W.D.Roth
Infrarot-Aufnahme bei 850 nm mit Olympus E-330, ISO 640, Blende 1:2, 1s, 50mm (100mm) auf s/w umgesetzt und kontrastverstärkt. Rechts: Tageslicht-Farbaufnahme (Olympus E-330, ISO 640, 1/2000s, Blende 1:8, Bilder W.D. Roth)

Infrarot-Fotos mitten im Winter zu schießen ist eher problematisch, weil die Bäume unbelaubt sind – und gerade das helle Leuchten des grünen Laubs ist charakteristisch für echte Infrarotaufnahmen. Wie sieht es wohl nun aus, wo alles blüht und grünt?

Mit einer Digitalkamera und Infrarotfiltern hat man ja nicht das Problem, das mit Infrarotfilm auftaucht: Man kann auch in der höchsten Sommerhitze fotografieren, ohne daß der Film verfällt.

Also ging es wieder einmal mit Kamera, Filtern und Stativ auf Wanderschaft. Diesmal nicht bis mitten in die Botanik, sondern nur bis zur nächsten größeren Straße mit einigen Bäumen im Hintergrund. Mein Auto ist nämlich zur Immobilie mutiert (dazu später).

Infrarot 850 nm original W.D.RothInfrarot 715 nm original W.D.RothInfrarot 715 nm sw W.D.Roth
Links: Unbearbeitete Originalaufnahme Olympus E-330, Blende 1:2, 1/8 s, ISO 640, bei 850 nm infrarot, mitte: Bei 715 nm IR; rechts: 715 nm infrarot, umgesetzt auf s/w (Bilder: W.D. Roth)

Infrarot 715 nm kontrastverstärkt sw W.D.RothTageslicht sw Graustufenumsetzung W.D.RothTageslicht sw W.D.Roth
715 nm infrarot, umgesetzt auf s/w und kontrastverstärkt; mitte: Tageslichtaufnahme, Adobe Graustufenumsetzung; rechts: ditto, Farbsättigung auf 0 gezogen (Bilder: W.D. Roth)

Im Vergleich zu den Winterfotos wurden einige Probleme deutlicher. So glänzten schon im Winter bei gemischtem Wetter die “echten” Infrarotaufnahmen bei 850 nm weder durch große Kontraste noch besondere Schärfe. Doch bei den Aufnahmen im strahlenden Sonnenschein erwies sich nun die erhöhte Wellenlänge als echtes Problem: Der Fokus wurde problematisch.

Infrarot 850 nm ohne Fokus W.D.Roth
Wer im sichtbaren Licht scharfstellt (oder die Kamera scharfstellen läßt) und dann den Infrarot-Filter aufsetzt, ohne neu zu fokussieren, erhält bei 850 nm so etwas.
Infrarot 715 nm Auto W.D.Roth
Als Radarfalle ist eine mit Infrarotfilter (hier 715 nm) ausgerüstete normale DSLR definitiv ungeeignet…. (Bilder: W.D. Roth)

Der Grund, neben der wegen der geringen IR-Empfindlichkeit stets offenen Blende: Übliche Kameraoptiken sind nur auf sichtbares Licht hin korrigiert. Im Infrarotbereich läuft der Fokus davon. Viele Objektive hatten früher deshalb noch eine zusätzliche Unendlich-Markierung für Infrarot-Aufnahmen, doch mit Zooms und unterschiedlichen Infrarot-Filtern ist das heute nicht mehr sinnvoll, zumal doch nur selten infrarot fotografiert wird und im Profibereich dann auch Spezialoptiken eingesetzt werden, die hohe IR- und UV-Durchlässigkeit aufweisen.

Infrarot 850 nm kontrastverstärkt sw W.D. Roth
850 nm mit korrektem Fokus in s/w mit Kontrastanhebung (Bild: W.D. Roth)

Stellt man also mit sichtbarem Licht scharf, so sind 715-nm-Aufnahmen im beginnenden Infrarot noch gerade brauchbar, echte 850-nm-Aufnahmen dagegen definitiv defokussiert. Der Autofokus ist ohne Nutzen: Es ist viel zu wenig Lichtstärke und Kontrast übrig, und es würde auch hier fehlfokussiert. Man muß manuell scharfstellen.

Um im Infrarot selbst fokussieren zu können, ist der Spiegelreflex-Sucher definitiv untauglich: Man sieht nichts. Wer auf die dumme Idee kommt, deshalb kurzerhand die Sonne anzupeilen, wird sogar nie wieder etwas sehen, weil die ungebremsten Infrarotstrahlen ihm Löcher in die Netzhaut brennen.

Man benötigt stattdessen eine Kamera mit Monitor, also entweder eine Kompaktkamera oder eine DSLR mit Liveview. Bei der E-330 ist der Mode A für 850 nm zu unempfindlich, nur Mode B ist geeignet, insbesondere wegen der Bildvergrößerung.

Allerdings ist zu beachten, daß sich so der Bildsensor erwärmt und bei den für Infrarotaufnahmen mit unmodifizierten DSLRs notwendigen Einstellungen von Belichtungszeiten im Sekundenbereich und Empfindlichkeiten jenseits von ISO 400 deutliches Rauschen auftreten kann. Und im Sonnenschein ist auf dem Monitor kaum mehr etwas zu erkennen vom kontrastarmen Infrarot-Bild.

Dafür kann man sich der geballten Aufmerksamkeit seiner Umgebung gewiß sein, wenn man wie in diesem Fall quer über eine Straße fotografiert. Einer der Nachbarn kam während der Aufnahmen und merkte an, so brav habe er die Autofahrer ja auf dieser Straße noch nie erlebt. Die rasen nämlich an dieser Stelle meist viel zu schnell in den Ort und die unübersichtliche, für Radfahrer und Fußgänger lebensgefährliche Unterführung.

Buchloe Unterführung W.D.Roth
Mit 50 um diese Kurve gefahren ist immer noch lebensgefährlich.

Die Kamera auf dem Stativ wurde für eine Radarfalle gehalten. Zugegeben, nicht mal so falsch: Die knipsen ja auch infrarot. Nur: ohne Blitz und bei Belichtungszeiten im Sekundenbereich wäre es gar nicht möglich, bewegte Objekte scharf aufzunehmen.

(Leider hatte niemand letzte Woche eine solche Infrarotkamera aufgebaut, als jemand meinte, bei Gegenverkehr überholen zu müssen und dabei mein Automobil rammte. Es ist seitdem ein Autoimmobil. Immerhin ohne Personenschäden.)

Falls man Infrarotaufnahmen an öffentlichen Straßen macht, sollte man aber gegebenenfalls seinen Ausweis dabei haben, wenn die Polizei einen mißtrauisch fragt, was man da eigentlich tut. Und sich auch nicht wundern, wenn man nach Hause kommt und auf Antenne Bayern eine Blitzerwarnung verkündet wird. Bei nächtliche Aufnahmen von einer Brücke über den Mittleren Ring in München war mir dies tatsächlich bereits einmal passiert.

Infrarot 715 nm sw W.D.Roth
715 nm IR, ohne Kontrastanhebung auf s/w umgesetzt (Bild: W.D. Roth)

Die Umsetzung auf Schwarzweiß und die Justagen von Helligkeit und Kontrast erfolgten übrigens direkt in Adobe Camera Raw. Bei den Infrarot-Aufnahmen reicht es dabei, einfach die Farbsättigung auf 0 zu drehen. Bei regulären Farbaufnahmen entstehen so jedoch etwas flaue s/w-Bilder. Wählt man stattdessen explizit die Funktion “In Graustufen konvertieren”, so werden Blautöne heller und Gelbtöne niedriger bewertet, was im Ergebnis höhere Kontraste liefert und eher den Erwartungen entspricht.

Adobe Camera Raw Graustufenanpassung W.D.Roth
“In Graustufen konvertieren” in Adobe Camera Raw mit den Default-Einstellungen: Blau und Lila werden heller, Grün, Gelb, Orange und Rot dunkler umgesetzt. (Bild: W.D. Roth)

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