Schneckenbild:
Zu nah dran

Alles ist hier ungewöhnlich: Perspektive, Situation, Winkel – aber leider auch die Schärfe. Man kann bisweilen zu nah am Motiv sein, vor allem mit grosser Blende und damit extrem geringer Schärfentiefe.

Matthias Kunz: Schneckenbesuch

Matthias Kunz: Schneckenbesuch


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Matthias Kunz). – Canon EOS 350D – 1/60s – f/5 – ISO 400 – 37mm (45mm)

Kommentar des Fotografen:

Schneckenbesuch. Diese Weinbergschnecke verirrte sich in meinem Haus, während die Terrassentüre offenstand. Natur pur!

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Matthias Kunz:

Es passiert nicht so häufig, dass wir in unserem eigenen Umfeld einen so nahen und persönlichen Kontakt mit einer Weinbergschnecke haben. Und genau dies ist es, was dieses Foto interessant macht:

Weil es eine Nahaufnahme eines nichtalltäglichen Objekts ist, weil wir auf dem Fußboden auf Augenhöhe mit dem Tier sind, und letztlich, weil die geringe Tiefenschärfe unsere Aufmerksamkeit auf die Schnecke richten lässt, sowie unnötige und unästhetische Elemente im Hintergrund ausblendet, nehmen wir uns einen Moment Zeit, durch die unorthodoxe Perspektive zu blicken und das ungewöhnliche Bildthema zu entdecken.

Das Problem, das ich mit diesem Bild allerdings habe, ist, dass der Kopf der Weinbergschnecke nicht im Fokus und fast komplett im Schatten liegt, was das Foto beinahe ruiniert.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Schnecke sich nicht sehr schnell unterwegs war – es kann sich also nicht um Bewegungsunschärfe handeln…

Wenn man von einer so geringen Tiefenschärfe Gebrauch macht, kann es manchmal etwas verzwickt sein, die richtige Stelle scharf zu stellen, weil nur ein sehr kleiner Teil des Bildes tatsächlich im Fokus sein kann. Ein anderes Problem ist, dass man gelegentlich zu nahe an das Objekt herankommt, und ich glaube, das war hier der Fall. Jedes Objektiv hat eine bestimmte Fokusdistanz, die nicht unterschritten werden darf, will man den gewünschten Bildausschnitt scharf abbilden.

Bei manchen Objektiven muss man 1,5m weit entfernt sein, bei manchen nur ein paar Zentimeter. Wenn wie hier digitale Kameras verwendet werden, ist es leicht, zu überprüfen, ob der richtige Teil des Motivs in der Schärfe liegt, indem man das Bild am Display kontrolliert. Man kann dabei sogar das Foto vergrößern, um genau zu sehen, wie scharf alles ist. Wenn es noch nicht das ist, was Du willst, kannst Du es noch mal versuchen.

Mit analogen Kameras ist es nicht so leicht, aber wenn Du die Eigenheiten Deiner Ausrüstung kennst, wie z.B. die minimale Fokusdistanz Deines Objektivs, solltest Du größere Chancen haben, es richtig hinzukriegen.

Ein wenig Fill-Flash hätte hier geholfen, um die Schnecke von vorne aufzuhellen. Oder Du hättest sie umdrehen können, sodass das Licht, das wir jetzt hinter ihr sehen, ihr Gesicht erhellt hätte, was ein noch persönlicheres Porträt einer Weinbergschnecke ergeben hätte – allerdings ohne die hier recht klar erzählte Geschichte vom “Eindringen”.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Besten Dank für die sachliche Kritik. Werde mir die Tips gut merken. Tatsächlich ist der Gang, wo das Foto entstanden ist, ziemlich dunkel und obwohl ich mit dem Blitz einige Einstellungen probiert habe, kam das Bild nicht besser raus.

    Das ich mit dem Objektiv zu weit weg hätte sein können, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Bei einer Schnecke hätte ich wohl auch etwas länger belichten können… Ich bleibe auf alle Fälle dran.

    Liebe Grüsse aus der Schweiz

    Matthias Kunz

  2. Oder Du hättest sie umdrehen können, sodass das Licht, das wir jetzt hinter ihr sehen,

    Hä? Das war jetzt nicht Dein Ernst oder? *lmao* Wann hast Du das letzte Mal eine Schnecke berührt? Und wie lange hast Du daneben gesessen, bis sie sich wieder aus ihrem Schneckenhaus gewagt hat?

    Tatsächlich sind Schnecken wenn sie sich bewegen gar nicht soooooo langsam. Es ist in der Natur weniger einfach eine Schnecke in ihrer Bewegung «scharf» zu bekommen, als man sich anfangs vorstellen mag.

  3. @Creezy: Zwei Minuten. Nach zwei Minutem kriecht die Schnecke weiter. Denn wie Du richtig festhältst, sind die Biester gar nicht so langsam.
    Welcher ernsthafte Fotograf nimmt sich keine zwei zusätzlichen Minuten für ein gutes besseres Bild?

  4. Es sind sogar weniger als zwei Minuten.

    Ich gestehe: Die Schnecke war zuerst etwa 50 Zentimeter weiter rechts an einer Fussleiste eines Schranks…

    Das ist kein Argument für die Fotoqualität. Die Tipps von Peter sind schon richtig. Ich war wohl zu nahe dran und habe mich nicht mit Tiefenschärfe und Blitz auseinander gesetzt. Dies werde ich bei Gelegenheit mal üben.

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