Negativer Raum:
Spannung und Disharmonie

Douglas Abuelo, 2. Juni 2008 11:19 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Ist Ausgewogenheit eine gute Sache – oder sollen uns Fotos aus dem optischen Gleichtritt bringen? Negativer Raum – Fläche, die vermeintlich nicht zum Bild beiträgt – ist hier nicht das einzige, was uns stutzen lässt.

Stephan Kälin
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stephan Kälin). – NIKON D70s – 1/320s – f/9 – 70mm (105mm)

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Stephan Kälin:

Hier wurde eine gefällige Komposition und ein schöner Gebrauch des Panoramaformats mit, mag es zum Guten oder Schlechten sein, einer leicht beunruhigenden Atmosphäre verbunden. Recht interessant ist, wie der Turm hinter den Bäumen hervorlugt. Dies gibt uns das Gefühl, wir würden etwas Verstecktes oder sogar Verbotenes betrachten, was dem Voyeur in uns ein Gefühl von Geheimnisvollem vermittelt.

Der Turm, das Licht, die Bäume und Wolken sind die wenigen Elemente in einer sparsamen Komposition, in der negativer Raum gut genutzt wurde. Negativer Raum ist ein einfaches, aber effektives Mittel, die Aufmerksamkeit voll auf das Objekt zu richten, während man eine ungewöhnliche Komposition kreiert, die ziemlich beeindruckend sein kann.

Das beunruhigende Gefühl kommt meiner Meinung nach von der Laterne, die links der Turmspitze hängt und die Komposition aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Baumwipfel befinden sich an der unteren Linie des Goldenen Schnitts. Das, sowie die vertikale Linie des Turms und der Gebrauch von Panorama im Hochformat, zwingen unsere Augen regelrecht nach oben. Aber die weiße Lampe, der hellste Punkt im Bild, fungiert wie eine Art Bremse:

Zugleich zieht sie unseren Blick herüber nach links, denn sie hängt links der zentralen Fläche des Turms. Die Linie des Kabels führt uns dann aus dem Bild heraus.

Dieses kleine Detail reicht aus, um die Komposition unharmonisch erscheinen zu lassen und uns ein Gefühl von Beunruhigung zu geben.

Damit kommt die Frage auf: ist diese Portion Spannung für dieses Foto geeignet? Typische Postkarten sind total ausgewogen, mit blauem Himmel oder im Sonnenuntergangslicht. Dabei gibt es keinen Grund, innezuhalten, nachzudenken, keine Spannung oder Disharmonie.

© Stephan KälinOhne die Lampe wäre dieses Foto ähnlich, denn wir würden unseren Blick vom unteren zum oberen Rand schweifen lassen, und das war’s. Aber so, wie es jetzt ist, werden wir ein bisschen neben der geläufigen Route unseres Blicks aufgehalten. Während dies ein wenig disharmonisch ist, zwingt dieses Detail uns, dem Bild mehr Aufmerksamkeit zu schenken und einen weiteren Blick auf es zu werfen, um den Weg durch die Komposition zu finden.

Bevor unser Blick nach oben und dann aus dem Bild geleitet wird, nimmt er eine kleine Umleitung. Normalerweise gefällt mir eine solche kleine Umleitung oder Spannung, aber hier bin ich mir nicht sicher, ob es passt.

Im Beispiel habe ich die Laterne über den Turm gerückt, was dem Foto Balance gibt und die Disharmonie beseitigt. Ich würde nicht sagen, dieses Bild ist besser oder schlechter als das Original, beide geben uns schlicht verschiedene visuelle Eindrücke.

Es wäre interessant zu sehen, was die Leser meinen.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Treppenhaus-Foto: Perfekte Form durch Standpunkt

15.3.2010, 2 KommentareTreppenhaus-Foto:
Perfekte Form durch Standpunkt

Der Standpunkt des Fotografen entscheidet über die Wirkung der Linien in der Komposition.

Matthias Haun: Dunkle Städte

23.1.2010, 0 KommentareMatthias Haun:
Dunkle Städte

Ungewohnte Standansichten zeigt uns Matthias Haus: dunkel, geheimnisvoll, ein wenig unheimlich.

Architekturfotopreis: Das Innere der Käfige

17.1.2010, 0 KommentareArchitekturfotopreis:
Das Innere der Käfige

Für seine Fotos aus dem Inneren von Hamsterkäfigen bekam Stephan Sahm 2009 den Europäischen Architekturfotografiepreis.

Treppenhaus-Foto: Perfekte Form durch Standpunkt

15.3.2010, 2 KommentareTreppenhaus-Foto:
Perfekte Form durch Standpunkt

Der Standpunkt des Fotografen entscheidet über die Wirkung der Linien in der Komposition.

Sonnenuntergang: Zwei Hälften sind nicht immer ein Ganzes

3.2.2010, 0 KommentareSonnenuntergang:
Zwei Hälften sind nicht immer ein Ganzes

Mit so vielen interessanteren Bereichen im Bild ist es gut, den Regeln zu folgen und von der Mitte fern zu bleiben.

Puzzlespieler-Strassenfoto: Die Komposition befiehlt

1.2.2010, 0 KommentarePuzzlespieler-Strassenfoto:
Die Komposition befiehlt

Jeder einzelne Aspekt Deiner Komposition sollte seinen Grund haben.

Surfer-Porträt: Extremer Ausschnitt

7.9.2009, 8 KommentareSurfer-Porträt:
Extremer Ausschnitt

Auch Porträts mit extremem Winkel oder Ausschnitt sollten einen klaren Bildgegenstand haben.

Selbstporträt als Diptychon

21.7.2009, 7 KommentareSelbstporträt als Diptychon

Selbstporträts sind technisch nicht ganz einfach zu realisieren, verdienen aber umso mehr auch eine Nachbearbeitung.

25.9.2008, 0 KommentareSchattenchaos:
Unkonventionell spannend

2 Kommentare

  1. P4X
    schrieb am 2. Juni 2008 um 11:53 Uhr (#)

    herzlichen dank für die diskussion meines bildes. ich erlaube mir als fotograf des bildes einen kommentar zur lampe.
    ich hab mich vor einreichung des bildes gefragt, ob ich die lampe rausnehmen soll. hab mich dann aber dagegen entschieden, weil für mich das bild ohne lampe wie das untere bild aussehen würde. eher langweilig, da wie schon besprochen, der blick von unten nach oben geht und nirgends hängen bleibt. mir wäre das ganze zu harmonisch, was meiner meinung nach nicht zum wetter und der daraus resultierenden stimmung passwn würde. schade ist, dass es mir nicht gelungen ist die stimmung vor dem gewitter besser einzufangen. dann wäre auch klar geworden, dass symmetrie und harmonie nicht zum wetter passen würden.

  2. patrick
    schrieb am 3. Juni 2008 um 20:45 Uhr (#)

    interessieren würde mich wie das farbige bild aussieht. da wäre evt. die gewitterstimmung besser sichtbar. und wieso die lampe rausnehmen? probiers mal mit dem turm.

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.