Farbenherbst:
Mut zur Retusche!

Ein wunderbar komponiertes Bild eines herausragenden Moments – und mittendrin kreischt eine Telefonleitung. Was Journalisten stört, sollte Künstlern Alltag sein: Ein kleiner Eingriff zur Verbesserung des Bildes ist nicht nur erlaubt, sondern schon fast Pflicht.

Jean Pierre Ritler: Olivenernte in der Toskana
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jean-Pierre Ritler). Nikon D200 – 1/100s – f/5 – ISO 400 – 180mm (270mm)

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen in der Abendstimmung in der Toskana während der Olivenernte. Ich habe mich lange gefragt, ob ich das Telefonkabel, das schräg über das Bild verläuft, wegretuschieren soll oder nicht… Am Schluss habe ich es so gelassen, wie es war, weil ich retuschierte Bilder eher nicht mag.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jean-Pierre Ritler:

Perfekt komponiert, die herbstliche Toskana, eine Bühne für den alleinstehenden Ahorn (?) inmitten der stahlgrauen Olivenbäumen. Der leichte Schwung des Abhangs zum unteren rechten Bilddrittel und die Andeutung eines Fahrwegs durch den Hain geben dem goldenen Schnitt, der hier sehr schön eingesetzt wurde, eine dünne Unterstreichung.

Und dann diese Telefonleitung!

Noch vor einigen Monaten hätte ich auch gesagt: Das ist die Realität, das bleibt so. Heute bin ich geläutert – wenn auch vorsichtig. Die Frage, die man sich vor einem Eingriff in eine Fotografie stellen muss, lautet einzig und allein: Welchem Zweck dient dieses Bild? Wenn es einen Faktenbestand dokumentieren, eine Realität wiedergeben muss, dann ist der Klick aufs Klon-Werkzeug in Photoshop tabu.

Toskana, Jean-Pierre Ritler, retuschiert.

Aber dies ist keine journalistische Arbeit, dies ist Kunst. Und Kunst darf eigentlich alles. Gilt das auch für Fotografen? Ich kann Dich verstehen – irgendwie drückt dieser Kieselstein im Schuh mich auch: Als Fotograf kreiere ich doch keine Bilder, machte ich mir weis. Ich finde sie und gebe ihnen einen Rahmen. Sogar der, dachte ich lange, ist tabu: Beschneiden nach „getaner Arbeit“ kam nicht in Frage, das 3:2-Format meiner Kamera bildet ab, was ich gesehen habe, und jede Änderung daran ist Schummelei. Deswegen zeigen viele Film-Fotografen auf ihren Prints ja auch den Rahmen des Negativs: Seht her, ich habe diese Bild genau so komponiert, ich habs im Sucher schon so gesehen. Alles andere ist Schummelei.

Dann ist der Einsatz einer Telelinse aber genauso Schummelei wie ein Aufhellblitz, ein Polfilter, Abwedeln in der Dunkelkammer oder eben das Wegretuschieren eines absolut irrelevanten, aber störenden kleinen Elements im Bild.

Kann man schummeln, wenn es nur um eines geht: Das beste Bild zu kriegen, das möglich ist? Endet die Arbeit des Fotografen mit dem Druck auf den Auslöser? Wenn dem so wäre, hätte Ansel Adams sein Buch „Das Negativ“ wohl nicht zu schreiben brauchen. Und in Fällen wie diesem reden wir ja nicht davon Trotzki aus einer historischen Aufnahme zu entfernen – sondern drei Telefonmasten und ihre hässlichen Kabel.

Heute würde ich nur einen Gedanken auf die Telefonleitung verwenden: Dient sie dem Bild in irgendeiner Weise? Trägt sie etwas zum Gesamtwerk bei? Überhaupt nicht. Sie ist im Weg, sie stört Komposition und Struktur, sie bricht den wunderbar eintönigen Rhythmus des gesamten linken Bildteils, und wenn Du sie wegretuschierst, fehlt niemandem etwas.

Ganz im Gegenteil: Der eigentliche Kern der Aufnahme, der leuchtende Baum, bekommt die Aufmerksamkeit, die er verdient. Nichts führt das Auge mehr daran vorbei. Und auch wenn sie von ihm nicht wirklich ablenken kann: sie hält den Betrachter doch davon ab, den etwas verdeckten Schwung des Wegs aus dem Vordergrund an den rechten Bildrand in die Mitte zu verfolgen.

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, stellt sich die zweite Frage, wie „schmerzlos“ und sauber die Retusche möglich ist. Und in diesem Fall liegt die Antwort in den fünf Minuten, die ich für ein paar Mausstriche mit dem Klon-Werkzeug investiert habe: Nimm dir eine halbe Stunde Zeit, und der Eingriff ist absolut unsichtbar.

Denn die gesamte linke Bildhälfte lebt ja ausschliesslich von der Wiederholung der Ölbaumwipfel. Also setze ich den Quellpunkt des Klon-Werkzeugs mit ALT-Klick auf waagerecht gleiche Höhe wie den Zielpunkt und kopiere ein paar der Wipfel über den unteren Teil der Telefonleitung, wiederhole das gleiche in der Bildmitte mit einem anderen Abstand zum Ziel und mit einem Dritten Quellpunkt im Bildoberteil/Hintergrund.

Mit dem Wechsel des Quellpunkts lässt sich verhindern, dass sich Baumwipfel aus dem linken Bildteil in genau gleichem Abstand an Stelle der Telefonleitung wiederholen und plötzlich zum erkennbaren Muster werden. Je häufiger der Wechsel des Quellpunkts, desto weniger läufst Du Gefahr, dass der Eingriff das Bild negativ beeinflusst. Im „Ernstfall“ hätte ich einzelne Bäume und Wipfel aus allen Bildbereichen (aber immer aus dem gleichen Schärfentiefen- und Beleuchtungsbereich!) über die Telefonleitung kopiert.

Im Beispiel habe ich übrigens nach der Photoshop-Bearbeitung zusätzlich noch den gelben Baum und die grünen, nur wenig sichtbaren Grasstellen in Lightroom 2 Beta maskiert und die Sättigung erhöht, um sie mehr leuchten zu lassen (was etwas Zurückhaltung verlangt, sonst herrscht Kitsch-Alarm) und mit einer ganz leisen S-Kurve in der Tonwertskala den Kontrast leicht verstärkt.

Insgesamt also keine Frage: Dieses Bild darf nicht nur retschiert werden. Ich finde, es muss retuschiert werden – es verdient eine weitere Stunde Arbeit in Photoshop, Lightroom oder Aperture – und Deine ganze Aufmerksamkeit und Sachkenntnis vor dem Erstellen eines Drucks.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. weekender says:

    Da bin ich nun wirklich absolut einverstanden! Diese paar Minuten Arbeit lohnen sich auf jeden Fall. Ich kann diese weitverbreitete Ablehnung von Retusche in gewissen Fotografenkreisen eh nicht nachvollziehen. Vor allem wenn die dann schwarzweiss fotografieren wo die Realität doch farbig ist…

    Auch bei Reportage- und Newsbildern wird nachbearbeitet. Solange die Bildaussage dadurch nicht verzerrt wird, ist das ja auch ok. In einem Interview werden wirre Sätze ja auch zu einem vernünftigen, lesbaren Text verarbeitet. Niemand stört sich daran, solange dabei das herauskommt, was ursprünglich gemeint wurde.

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