Objekt im Wald:
Mehr als abbilden

Fotografie dient immer einem Zweck. Die Abbildung von Szenen oder Objekten verlangt weitestgehende Interpretationsfreiheit. Wenn es hingegen um den künstlerischen Ausdruck geht, muss sich der Fotograf stärker einbringen.

Edwin Wipfli
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Edwin Wipfli). – Leider keine Exif-Daten vorhanden

Kommentar des Fotografen:

Ruine Cagliatscha, bei welcher es mir bei der Fotografie auf den künstlichen Eindruck ankam, gar so als gehöre der Turm da nicht hin.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Edwin Wipfli:

Eine Sache, der wir uns bewusst sein sollten, wenn wir unterwegs sind um Fotos zu machen, ist: Gilt unser Interesse bloß dem Festhalten dessen, was unser Objekt repräsentiert, oder würden wir lieber ein Gedanken anstoßendes und Interesse weckendes Bild kreieren?

Beides sind absolut zulässige Herangehensweisen, um ein Bild zu machen. Ersteres ist eine Art Beweisfoto, mit häufig wenig oder gar keiner Ästhetik. Ich würde sagen, dass dies die große Mehrheit unter den Millionen von Fotos ausmacht, die täglich aufgenommen werden. Einige Beispiele dieser Art von Fotografie sind: Polizeifotografie, die Tatorte festhalten, Touristen, die sich selbst vor Sehenswürdigkeiten ablichten und Überwachungskameras, die an öffentlichen Orten angebracht sind.

Auch hier wurde ein solches Bild geschossen. Der Fotograf war vorrangig an den Turmruinen interessiert, und wie sie aus den Bäumen hervorragen. Obwohl es eine interessante Szene ist, denke ich, die meisten Leute wären von der fotografischen Repräsentation der Sache nicht besonders überwältigt.

Polizei- und Überwachungsfotografie sollte keinen Raum für Interpretation lassen. Der Betrachter sollte nicht von ungewöhnlichen Perspektiven oder interessantem Licht und Schatten abgelenkt werden. Halten wir jedoch etwas im Bild fest, das wir mit unseren Freunden und Familien teilen wollen, oder sogar vorhaben, es in ein Wettbewerb einzureichen oder im Internet zu veröffentlichen, dann ist eine ungewöhnliche Perspektive oder eine aufregende Beleuchtung gut angebracht, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Edwin Wipfli, bearbeitet durch D. Abuelo

Hier hätten ein paar kleine und sehr einfache Veränderungen große Unterschiede gemacht. Wäre weiter herangezoomt worden, wären die Kabel rechts nicht mit ins Bild gekommen, der Betrachter hätte einen näheren Blick auf den Turm gehabt und die Blickführung von links nach rechts entlang der Bäume wäre besser.

So hätten wir auch den Turm und die Bäume enger an den Linien des Goldenen Schnitts platzieren können. Vielleicht hätte der Fotograf auch ein wenig auf den Beginn des Sonnenuntergangs warten können, damit die Bäume von horizontalen Sonnenstrahlen beleuchtet werden. Dies hätte das Bild farblich aufgewärmt, es in einen schönen Schimmer versetzt, ungefähr wie im Beispiel.

Zwei Fotografen, deren Arbeit es sich anzugucken lohnt, sind Clyde Butcher und Olaf Otto Becker. Sie nutzen ihre Kameras, um das zu interpretieren, was die vorgefundenen Szenen ihnen darbieten auf eine Aufmerksamkeit erregende und Gedanken anstoßende Weise.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Edwin Wipfli says:

    Ja was soll ich sagen, wer Kritik will muss sie auch annehmen können. Schliesslich habe ich nach 20 – jähriger Pause erst wieder begonnen zu Fotografieren und da bin ich sehr Dankbar für Eure Kritik. Durch regelmässiges Lesen Eurer Seite habe ich seit Einreichung meines Bildes wieder viel gelernt und mein nächstes wird besser sein! Danke und Gruss Eddy

    Antworten

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