Privatporträt:
Überblitzt

Blitzaufnahmen sind eine eigene Kunst. Und vor allem bei Porträts schadet der Scheinwurf häufig mehr, als er nützt.

Michael Sennhauser

Michael Sennhauser


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Sennhauser). – Olympus E10 – 1/100s – f/2.2 – ISO 80 – 28mm (108mm KB)

Kommentar des Fotografen:

Ein Foto von Lilian von 2002, über die Decke geblitzt mit dem Aufsatzblitz. Das harte Licht betont die Künstlichkeit der dunkelroten Haarfarbe (Lilian ist blond), die graublauen Augen sind grauer geworden, den Blick finde ich absolut faszinierend. Es ist nicht einfach, meiner Freundin ihre Schönheit zu vermitteln. Sie sieht sich grundsätzlich anders. Aber dieses Bild präsentiert sie auch für mich anders, skeptischer, spöttischer, souveräner als sonst. Meine Freundin ist meine Traumfrau hier, und ich habe das Bild gemacht… Leider ist der Schärfebereich nicht bei den Augen, wo er hingehörte, zumal mit der benutzten Blende und dem seitlich abgedrehten Kopf nicht alles zu erfassen gewesen wäre.

Profi Robert B. Fishman meint zum Bild von Michael Sennhauser:

Du siehst Deine Freundin natürlich ganz anders als die Btrachter dieses Bildes, die sie nicht kennen. Dennoch:

Den klaren, interessierten Blick zur Seite finde ich sehr schön. Er zieht mich sofort in das Foto hinein und macht mich neugierig, was sie dort jenseits des linken Bildrandes sieht.

In der journalistischen Fotografie sind Blicke in die Kamera bei Porträts derzeit eher out. Ein Stück weit ist es Mode, hat aber auch seine Gründe: Wenn der Mensch auf dem Foto in eine andere Richtung als in die Kamera schaut, lenkt er (oder sie) den Blick des Betrachters in ebendiese Richtung und verleiht dem Bild einen zusätzlichen Reiz, der über das Porträtfoto weit hinausgehen kann – so auch hier.

Der Blick ist dazu noch ausdrucksstark, die Augen trotz minimaler Unschärfe noch klar und präsent (100%ig scharf würden sie natürlich noch besser wirken).

Folgendes stört mich an dem Foto: Für mich ist es «totgeblitzt«. Ich kann nicht glauben, dass hier nur indirekt an die Decke geblitzt wurde. Einzige Erklärung: Die Belichtungsmessung für den Blitz, die z. B. bei den Canon EOS gesondert einzustellen ist, ist auf «Überbelichten« (also im Bereich Plus) gedreht. Schau mal, ob es bei Deiner Olympus eine ähnliche Funktion gibt.

Durch das harte, kalte Blitzlicht wirkt das Gesicht auf mich fahl und sehr hart. Es unterstreicht das markante Kinn der Dame (ich würde sagen: auf wenig schmeichelhafte Weise). Die Haare reflektieren das unschöne Licht zusätzlich, was mir ehrlich gesagt auch nicht so gefällt.

Gut gelungen ist die Tiefenschärfe. Das Waschbecken und die schräge Zimmerdecke im Hintergrund sind zum Glück unscharf. Noch besser hätte es mir gefallen, wenn diese den Betrachter ablenkenden Störfaktoren gar nicht mit auf das Bild gekommen wären.

Michael Sennhauser. Bearbeitet

Michael Sennhauser. Bearbeitet

Zum Vergleich habe ich sie mal abgeschnitten. Angenehmer Nebeneffekt: Der Kopf rückt weiter nach rechts. So verringert man den Eindruck, dass die Abgebildete aus dem Foto hinausschaut. Außerdem habe ich das Bild im Fotoshop dunkler gemacht.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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