Bahnhofsszene:
Grelles Licht lenkt ab

Helle Flächen in unseren Fotos sollten Dingen vorbehalten sein, die im Zentrum stehen – denn wir lenken unweigerlich die Augen dort hin. Grade bei langer Belichtungszeit ist deshalb sehr darauf zu achten, das Motiv nicht mit einer Weissfläche zu konkurrenzieren.

Mazhiqi Besim
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Besim Mazhiqi). – Nikon D80 – 1/3s – f/18 – ISO 100 – 35mm (53mm)

Kommentar des Fotografen:

Dieses Foto wurde am 21.06.2008 in Bielefeld am Hauptbahnhof aufgenommen. Die Absicht war, das Leben am Bahnhof, das Kommen und Gehen, das Sich-wiedersehen und das Warten wie das Vergehen der Zeit zu dokumentieren. Speziell an dem Foto ist die Klarheit der Person, die wartet, und die Unklarheit, die die gehenden Personen mit sich ziehen.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Besim Mazhiqi:

Dieses Foto hat einige positive Aspekte aufzuweisen, ist aber insgesamt aufgrund eines typischen Fehlers in der Komposition nicht völlig überzeugend. Bahnhöfe waren schon immer gute Orte, um nach interessanten Fotos Ausschau zu halten. Leider werden zu viele Bahnhöfe wie der Rest der Welt zum Einheitsbrei:

Vollgestopft mit denselben Läden und Schildern und im klassischen Sinne nicht besonders fotogen. Trotzdem bestechen viele Bahnhöfe mit einer interessanten Architektur, und mit all den Leuten, die kommen und gehen, gibt es häufig fotogene und emotionale Szenen, zwischen denen, die ihre Liebsten willkommen heißen oder verabschieden. Abgesehen davon können die großflächigen Glasdächer, die viele europäische Bahnhöfe haben, sehr schönes Licht bieten.

Das größte Problem ist hier aber grade der ablenkende, extrem weiße Streifen, der das Bild schneidet. Die Schwierigkeit mit solch hervorstechend hellen Elementen ist, dass unsere Augen sofort dorthin wandern. Und weil hier der Rest des Fotos ziemlich dunkel gehalten ist, gibt es neben dem weißen Streifen kein anderes Element, das wirklich unseren Blick auf sich zieht. Kurz: Es gibt keinen überzeugenden Grund, diesen Streifen im Bild zu haben.

Die Situation mit dem Bahnsteigdach, das das Licht von oben abblockt, böte sehr schönes Seitenlicht, das wir vorteilhaft für gut beleuchtete Porträts nutzen könnten.

In diesem Fall wollte der Fotograf die Atmosphäre des Bahnhofs, das Kommen und Gehen und Warten, einfangen. In diesem Sinne ist die Szene selbst nicht schlecht, aber die schwache Komposition nimmt Deiner Aussage die Kraft. Das nächste mal achte speziell auf das Gegenlicht (und pass auf, dass keine störenden Schilder aus dem Hals Deines Hauptobjekts wachsen).

Wenn Du vielleicht einen halben Meter nach links getreten wärst und mit einer größeren Blende aus einer leicht erhöhten Perspektive fotografiert hättest, wäre Dein Foto viel aufsehenerregender.

Mazhiqi Besim 2

Im Beispiel habe ich Kurven, Tonwertkorrektur, Nachbelichter-Werkzeug und Tiefen/Lichter benutzt, um den Himmel zu verdunkeln und die Töne ein wenig zu verändern, und dann Unscharf maskieren gewählt, um nur das Hauptobjekt, die Frau rechts, zu schärfen.

Vielleicht ist der Himmel hier ein wenig zu dunkel, aber so fokussieren sich unsere Augen mehr auf die Menschen und die Situation auf dem Bahnsteig – als Beispiel für meine Erklärung muss es reichen.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Besim Mazhiqi
    schrieb am 14. Juli 2008 um 11:01 Uhr (#)

    Vielen Dank für die konstruktive Kritik!
    Es ist interessant, zu sehen wie andere dieses Foto bewerten.
    Die Tipps nehme ich mir zu Herzen.

    Beim Himmel gibt es nur ein Problem: Beim Dunklermachen verliert er seine Echtheit und sieht für mich in dieser Version künstlich aus.

    Danke für den Beitrag!

  2. euphoriefetzen
    schrieb am 14. Juli 2008 um 12:16 Uhr (#)

    ui. wie schon erwähnt, bis auf die ausgebrannten lichter ein sehr schönes bild – es weiß noch auf den dritten blick zu gefallen.

  3. jeannine
    schrieb am 14. Juli 2008 um 16:11 Uhr (#)

    Ich kenne dieses Photo schon ein wenig länger und ich muss sagen, dass der helle Streifen mir noch nie negativ beim Betrachten aufgefallen ist. Die Hervorhebung der Hauptperson erfolgt im Wesentlichen durch die Schärfe. Sicher hätte sich eine hellere Belichtung positiv ausgewirkt, trotzdem finde ich den Bildaufbau sehr gelungen.

  4. Zippo
    schrieb am 16. Juli 2008 um 13:07 Uhr (#)

    Ich muss ehrlich sagen, dass mir das Foto nach der Bearbeitung nicht mehr so gut gefällt: wirkt irgendwie flacher und eindimensionaler.

    Viele Grüße von Zippo!

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