Tanz auf dem Vulkan:
Nicht zu viel wollen

Was war zuerst: Das Bild oder seine Botschaft? Amateure überfordern sich häufig, weil sie unbedingt eine Aussage in ein Bild fassen statt nach Bildern mit Aussage suchen wollen. Beide Ansätze sind möglich – aber der erste ist ungleich aufwändiger.

Caro Nadler

Caro Nadler


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Caro Nadler). – Nikon D200, 10mm (Sigma-Zoom 10-22 mm), f 8.0, 1/250 Sek

Kommentar des Fotografen:

Fuerteventura, Casas El jablito. An diesem Motiv faszinierte mich der Kontrast zwischen der sehr einfachen Hütte, dem Auto und dem Vulklankegel im Hintergrund. Mit der 10mm-Brennweite hatte ich versucht, eine Spannung ins Bild zu bringen, bin aber nicht wirklich glücklich: die Hütte ist mir zu mittig, das Auto kommt nicht zur Geltung. Eine Änderung der Position war schwierig, da sonst das Gebäude links von mir (siehe Schatten) auf das Bild gekommen wäre. Muss man manchmal einfach vor den örtlichen Gegebenheiten kapitulieren?

Peter Sennhausermeint zum Bild von Caro Nadler:

Die Antwort auf Deine Frage lautet zweifellos Jein. Du musst nicht vor den Gegebenheiten kapitulieren – aber vielleicht vor der Beschränkung der Möglichkeiten durch Zeit und Aufwand:

Im konkreten Fall versuchst Du, aus einem bestimmten Winkel eine Aussage aus drei Elementen in ein Bild zu quetschen, das durch die Lichtverhältnisse nun mal vorbestimmt und kaum möglich ist. Die Sonne steht links in Deinem Rücken, das Auto liegt im Schatten des Hauses und der Vulkan ist relativ weit weg und von deinem Standpunkt aus nur schlecht ins Bild zu bringen. Mir gefällt das Bild auch so, wobei mich die Mittung des Hauses und vor allem das Auto iom Schatten stören. Ich wäre hier wohl nach links spaziert und hätte nachgesehen, wie sich ein Blick zwischen den beiden Häusern hindurch auf den fernen Vulkankegel anlässt.

Hier liegt einer Meinung nach das Problem – dass Du ein Bild “machen” wolltest, nachdem Du ein anderes “gesehen” hattest. Ich kenne das Dilemma mehr als mir lieb ist und verzweifle immer wieder daran – obwohl ich glaube, es inzwischen besser zu wissen: Bilder “sehen”, eine Motivumgebung zu bearbeiten und in einer bestimmten Zeit das Maximum herauszuholen, oder eine ganz bestimmte Aussage in eine fotografische Umsetzung zu bringen, sind zwei verschiedene Ansätze.

Das einfache Haus in Weiss und Grün inmitten all dieser erdigen Farbtöne unter einem attraktiv bewölkten Himmel ist ein schönes Motiv, mit dem sich arbeiten lässt. Indem Du Dich aber auf die Aussage Hütte/Auto/Vulkan fixierst, verschenkst Du möglicherweise ein ganzes Abend-Shooting. Denn in der aktuellen Konfiguration und Lichtkonstellation ist diese Aussage einfach nicht drin. Das heisst nicht, dass sie unmöglich ist, aber es heisst, dass Du Dich entscheiden musst: Willst Du das bestmögliche Bild mit dem Haus als Hauptmotiv, das sich angesichts der wunderbaren Lichtverhältnisse und der grossartigen Farben aufdrängt – dann lass die Idee mit dem Auto und dem Vulkan los, sobald Du erkennst, dass sie derzeit nicht möglich ist. Die andern Bilder mit andern Aspekten, Vorder- und Hintergründen werden Dir auffallen, wenn Du dich für sie öffnest.

Oder aber Du willst diese eine Aussage – dann investiere die Zeit und den Aufwand, sie umzusetzen: Schätze die Lichtverhältnisse zu anderen Zeiten ein, mach Dich bei den Bewohnern des Hauses bekannt, erklär ihnen dein Anliegen, plane den idealen Standort für das Auto, eine Bildkomposition mit Vordergrund, Mitte und Hintergrund und kehre am folgenden Tag zu anderen Bedingungen zurück. Du wirst zweifellos eine grossartige Zeit verbringen, Bekanntschaften schliessen und mit viel mehr als dem ursprünglich geplanten Bild, das Dir vielleicht gelingt und vielleicht nicht, zurückkehren.

Wenn Du allerdings wie ich kein Magazin-Fotograf bist, der zwei Monate lang Zeit hat, seine künstlerische Interpretation des Lebens auf Fuerteventura umzusetzen, und dein Urlaub in zwei Tagen zu Ende ist: Dann musst Du mit Deiner Idee vor den Gegebenheiten kapitulieren, Dich auf das aktuell bestmögliche Bild konzentrieren – und kannst dafür einen Tag mehr am Strand verbringen.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Danke Peter,
    Du hast mir einen sehr interessanten Gedanken mitgegeben: mit den Augen und dem Bauch fotografieren, und nicht mit dem Kopf!
    Eigentlich liegt mir Ersteres mehr, aber seit ich ein 10mm habe, versuche ich zu konstruieren … Nicht unbedingt ein Fehler, aber ich darf lernen, auch ruhig einmal vor äusseren Gegebenheiten zu kapitulieren.

  2. Die konstruktiven, respektvollen und doch kritisch-fördernden Besprechungen hier sind einfach eine Wohltat

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  1. [...] eine halbe Erleuchtung. Einen besonders schönen Kommentar Peter Sennhauser unter dem Titel »Tanz auf dem Vulkan: Nicht zu viel wollen« zu einem Bild von Caro [...]

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