Irische Drachenburg:
Warum Schwarz/Weiss?

Schwarz-Weiss Bilder sind nicht einfach Fotografien ohne Farbe: Das Künstler-Format muss sich ein Motiv zuerst verdienen.

Tobias Schmidt
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Tobias Schmidt). – Nikon D200 – 1/100s – f/10 – ISO 100 – 17mm (25mm)

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen habe ich das Bild auf einer Wanderung im Nordwesten der Halbinsel Dingle in Irland (GPS-Koordinaten im EXIF Profil). Die schroffe Landschaft und das raue Wetter dort haben eine wunderbare Faszination auf mich ausgeübt. Oben im Bild auf dem Berg sieht man die Überreste einer Ruine. In den Felsen im Vordergrund sehe ich ganz klar eine Drachenklaue.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Tobias Schmidt:

Stimmt: Da ist eine Drachenklaue zu erkennen. Allerdings, und das finde ich schade, erst, wenn ich Deinen Hinweis lese, Tobias. Eigentlich aber wäre es Deine Aufgabe als Fotograf, mich mit kompositorischen und gestalterischen Mitteln zur Klaue hinzuführen – jedenfalls, wenn sie Dein Hauptmotiv war. Das ist der Auftakt zu einer Reihe von Einwänden zu einem an sich ansprechenden Bild:

Hier gibt’s tatsächlich eine Burgruine, eine ganz wunderbare Lichtstimmung, eine Berglandschaft, eine Drachenklaue, – aber nichts davon ist wirklich eindeutig akzentuiert.

Das grösste Problem habe ich persönlich mit Deiner Entscheidung, das Bild in S/W umzusetzen. Nicht, weil ich S/W nicht mag, ganz im Gegenteil. Ich wage mich nur sehr selten an den Schritt, die Farben durch Grauwerte zu ersetzen (und sofern Du RAW fotografierst, sind die Farben bis zum Abspeichern des Bildes in einem anderen Format jederzeit vorhanden!). Warum also? Weil ein Schwarz/Weiss Bild heute mehr denn je eine “Berechtigung” haben muss, einen gestalterischen Grund, der die Eigenschaften dieser für uns Menschen “unnatürlichen” Sichtweise voll ausnutzt. S/W ist eine Form der Reduktion, und nach Ansicht vieler (sehr) ernsthafter Fotografen soll oder darf sie erst als Krönung aller anderen Reduktionen angewandt werden. Diese Puristen beklagen eine Inflation an bedeutungslosen S/W-Bildern, weil S/W sehr schnell “artsy” wirke und von Amateuren für Bilder missbraucht werde, die nur gerade deshalb aus der Masse ragen, weil sie eben nicht bunt sind.

Will heissen: Erst wenn ein Bild ganz ausdrücklich nur mit Tonwerten gestaltet wird, wenn es um Flächen und Linien in Schattierungen geht und die Farbe nichts beiträgt, sondern behindernd wird, soll der Fotograf sie ausblenden. Schau Dir mal dieses S/W-Portfolio von George Barr an, und Du erkennst sofort, was ich meine.

Ich behaupte nicht, dass Dein Bild nur durch den S/W-Effekt anspricht. Aber ich sehe auch keinen eindeutigen Grund, warum es nicht farbig sein soll. Oder vielleicht doch: Die Drachenklaue. Aber bevor Du derentwegen in S/W gehst, gäbe es grundlegendere Methoden, sie deutlicher zu gewichten.

Zunächst würde ich eine tiefere Position und vielleicht eine grössere Blende wählen: Grade soviel, dass die Ruine im Hintergrund ein wenig verschwimmt. Ausserdem hätte ich mit leichten Verschiebungen des Blinkwinkels versucht, den Kontrast der Felsformation zu erhöhen.

Tobias Schmidt - Tiefenschärfe

Ich habe im Beispiel den Blendeneffekt simuliert und zugleich den Kontrast (vielleicht etwas zu sehr) erhöht und die Weisswerte angehoben. Aber selbst dann stellt sich die Frage (die sich anhand des S/W-Bildes ohne Vergleich nicht beantworten lässt), ob die Reduktion auf S/W wirklich nötig ist. Immerhin wird Irland die grüne Insel genannt – und auf diesem Bild wären schätzungsweise satte Grün- und Blautöne und vielleicht etwas Rot von den Flechten an den Steinen vorhanden.

Wenn die Klaue nur ein Aspekt des Bildes sein soll, dann würde ich dennoch darauf plädieren, einen Bezugspunkt zu finden, der das Zentrum des Motivs ausmacht, und auf den die Komposition hinweist – auch das lässt sich mit der Schärfentiefe, Perspektive und einer Position bewerkstelligen, welche für deutliche Linienverläufe im Bild sorgt.

So aber krankt das Bild an einer Unentschiedenheit zwischen den verschiedenen Motiven, von der Bergwelt mit dem von rechts dräuenden Wetter über die Felslinien bis zur Burgruine. Und wohl auch am Verzicht auf Farbe…

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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