Hirtengesang:
Motiv zum Modell machen

Glücksfälle von Situationen mit unfreiwilligen Modellen enden leider meist nur in Andeutungen dessen, was die Komposition hergeben könnte. Bisweilen lohnt sich ein keckes Vorpreschen.


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Joerg Schneider). – Olympus E3 – 1/200s – f/4.5 – ISO 100 – 60mm (120 mm)

Kommentar des Fotografen:

Es gab nur eine einzige Stelle, an der ich durch das Gebüsch fotografieren konnte. Jetzt im nachhinein würde ich mit einem sehr begrenzten Tiefenschärfenbereich arbeiten, um das Grün im Vordergrund noch unschärfer zu machen. Mich hat die Szene an die Schäferbilder der Renaissance erinnert.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Joerg Schneider:

Ein wahrlich bukolisches Motiv. Ein moderner Hirte ruht sich an der Schulter eines Baumes aus, der ihm sein Ohr leiht – oder so. Die Aufnahme ist ein Hingucker, allein schon, weil uns die Neugier die Haltung des Schläfers ergründen lässt. Sehr gut gesehen, und wahrscheinlich den Möglichkeiten entsprechend umgesetzt – und darin steckt ein “Aber” von hohem Anspruch:

Wenn Dir “das Modell” nicht bekannt war und du die Situation nicht stören wolltest, blieb Dir wohl nur dieser eine Ausschnitt. Allerdings irritiert mich dabei das kaum zu interpretierende Grinsen im Gesicht des Mannes. Ein Monalisa-Lächeln des glückselig Schlummernden, oder doch eher das verhaltene Kichern eines Menschen, der sich soeben mit der Bitte eines Fotografen um eine Aufnahme konfrontiert sah?

Der Gedanke kommt mir deshalb, weil ich es auf den zweiten Blick problematisch finde, eine solch private Szene abzulichten. Sofern es sich bei der Umgebung um öffentlichen Boden handelt, dürfte indes rechtlich wenig an dem Bild auszusetzen sein. Mir ist dennoch wohler, wenn ich wenigstens nachträglich die Einwilligung des Fotografierten habe.

Hinzu kommt aber, dass das Bild so nur halb fertig ist. Abgesehen von dem offensichtlichen Kritikpunkt, den Du selber erwähnst – weniger Tiefenschärfe würde dem Bild gut tun, und abgesehen davon eine Bearbeitung mit Kurven und die Anhebung der Mitteltöne – wäre die Szene möglicherweise eine forsches Vorpreschen und deutlich mehr Aufwand wert: Warum den Mann nicht um seine Kooperation bitten?

Das ist ein Wagnis, und ich würde es erst nach dem Schnappschuss angehen. Aber was spricht denn schon dagegen, einen fremden Menschen, dem seine Rolle in einem derart schönen Bild schmeicheln müsste, anzusprechen und ihn zu bitten, an einem kleinen Kunstwerk mitzuwirken?

Hier kommt ein weiterer grosser Vorteil der Digitalfotografie gegenüber der alten Technik zu Tage: Du kannst dank Monitor an der Kamera Deinem “Opfer” sofort zeigen, warum Du von dem Bild und seiner Rolle fasziniert bist. Ich habe wenig Zweifel, dass dieser Mann – angesichts seiner Spontaneität für ein Schläfchen im Park und seiner gesamten Erscheinung – nach dem ersten Ärger über die Störung ein offenes Ohr für Dein Anliegen und zwei offene Augen für die Komposition hätte.

Gehen wir also davon aus, dass das “Modell” mitspielt, dann eröffnen sich im wahrsten Sinne des Wortes neue Perspektiven, die aus dieser Skizze ein grandioses Bild machen könnten (und ja, auch die Möglichkeit, dass dies an der Umgebung oder magelndem Talent des Modells scheitert). Zunächst finde ich den Ausschnitt und die resultierende Komposition sehr schön, der unscharfe Vordergrund ist für die “Schäferstimmung” und das leicht Voyeuristische im Bild unabdingbar. Allerdings liesse sich alles ein bisschen verschieben, so dass beispielsweise auch der Korb oder die Tasche (oder ist es nur ein Wurzelstock?) links vom Schläfer sichtbar oder besser vermutbar würde.

Die Rahmung des Bildes in der oberen Hälfte, die hier durch die Zweige links und den einen Ast rechts angedeutet ist, mag kitschig werden, aber ich würde es auf jeden Fall einmal damit versuchen.

Die Haltung des Motivs finde ich, abgesehen von der Faust zwischen den Knien, äusserst interessant, und der Gesichtsausdruck trägt das seine bei: Ob sich dies nach einer Besprechung reproduzieren oder noch verbessern liesse, ist offen. Eindeutig zu kurz kommt in diesem Ausschnitt aber der Baum selber, der dem Schläfer doch wirklich “ein Ohr leiht”.

Sollten sich also Rahmung (optional), Vordergrund, Baumstamm und Haltung des Schläfers in ein noch besseres Zusammenspiel bringen lassen, dann könnte diese Aufnahme zu einem echten “Signatureshot” werden, während sie jetzt bemerkenswert ist, aber skizzenhaft wirkt und unter technischen Unzulänglichkeiten leidet.

Es sei nicht verschwiegen: Ein gewisses Risiko, und sei es nur das einer unangenehmen Begegnung und der dadurch folgenden “emotionalen Störung” des vorgängig geschossenen Schnappschusses, besteht bei Kontaktnahme auch. Auf der Gegenseite liegen Optionen nicht nur für eine grossartige Aufnahme, sondern auch für interessante Bekanntschaften.

2:1 für mehr Courage, versuche ich mir in ähnlichen Situationen deshalb immer wieder zu sagen.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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