Meisterkopien:
Unsere Andreas-Gursky-Aufnahme

Das Nachahmen grosser Meister ist seit Jahrhunderten eine wichtige Lernerfahrung von Nachwuchsmalern – und neuerdings -Fotografen. Mit eigenen Versionen der Meister-Bilder – wie hier Andreas Gursky – erschliesst sich rasch, dass die Arbeiten nicht die Technik, sondern vor allem der persönliche Ausdruck des Künstlers ausmacht.


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Urs Mücke). – Panasonic FZ20 – 1/40s – f/2.8 – ISO 200 – 19mm

Kommentar des Fotografen:

Ein einfaches Regal voll von Babynahrung. Oder mehr? Andreas Gursky machte schon vor, was mit Supermarkt-Regalen anzufangen ist. Aus der Entfernung ein einfacher, bunter Haufen, erschließt sich das Bild beim näheren Hinsehen als Symbol der exstremsten Moderne. Überfluss für die Kleinsten. Mehr als ein Hinweis auf wirkliche Notwendigkeiten unseres Alltags sollte diese Aufnahme gar nicht sein. Entstanden im Rahmen eines Schulprojektes zum Thema “Unsere Andreas-Gursky-Aufnahmen”

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Urs Mücke:

Der deutsche Fotograf Andreas Gursky ist einer der weltweit bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen Fotografen. Er kann von sich sagen, das bestbezahlteste Foto in der Geschichte der Fotografie gemacht zu haben:

Sein Bild «99 Cent, Diptych« erreichte einen Preis von $3,3 Millionen.

Wie «99 Cent, Diptych« sind viele von Gurskys bekanntesten und beliebtesten Bildern Fotos von großen Plätzen wie Warenhäusern, Sportfeldern, Wohngebäuden, Börsen – weitläufige Orte, an denen die Menschen durch die Umgebung zu Zwergen werden.

Mit Hilfe qualitativ hochwertiger Objektive, mit denen er die Schärfe seiner Fotos sicher stellt, fängt er Szenen mit geometrischem Gleichgewicht ein. Oft bearbeitet er die Bilder hinterher am Computer, fügt Negative zusammen, verändert Farben und Töne und entfernt ungewollte Details. Dann druckt er sie so großformatig wie 185,4 x 443,2 cm. Die Abzüge sind wegen dieser Größe überwältigend, aber jedes kleine Detail ist von perfekter Schärfe.

Am wichtigsten ist jedoch, dass das Resultat dieser ganzen Mühe nicht exakt das wiedergibt, was vor seiner Kamera zu finden war, sondern, was seine persönliche Sicht auf jede Szene ist.

Genau wie Gursky früher die Arbeiten von Hilla und Bernd Becher, zwei seiner Professoren, nachahmte, ist es auch für andere Schüler eine gute Übung, die Arbeiten anderer Fotografen nachzumachen.

Dieser Versuch hier zeigt jedoch zu sehr den Inhalt an sich, und berücksichtigt nicht, welche Aussage Gursky mit seinen Bildern wie «99 Cent, Diptych« macht. Wo ist zum Beispiel der Kontext, der für Gurskys Arbeit so wichtig ist?

Dieses Bild wäre stärker, wenn es absolut scharf, und die Farben und Töne brillanter wären, wie im Beispiel zu sehen. Was die Komposition angeht, finde ich das Schild, das zwischen den Regalen hängt, sowie den Blickwinkel, von dem Du die nach hinten verjüngenden Linien der Regale aus fotografiert hast, etwas störend.

Aber genau darum geht es ja in solchen Schulaufgaben: zu experimentieren und Deine Motive und technischen Fähigkeiten zu erforschen, um für das nächste mal besser gewappnet zu sein.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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