Der Stahlkrake:
Tolle Linien

Industrieanlagen bieten eine Vielfalt an Motiven dank der Häufung von Linien, mit denen sich ein Bild komponieren lässt. Sie eignen sich noch dazu nicht selten für S/W-Aufnahmen.

Marco Stuewe

Marco Stuewe


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marco Stuewe). – NIKON D300 – f/4 – ISO 200 – 150mm (225mm)

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen an einem Winterabend (nach einem der raren Schneefälle) schienen sich die stahlgeschützten Förderbänder dem Betrachter entgegenzustrecken … Wie die Arme eines gewaltigen, mechanischen Kraken der mit hydraulischer Leblosigkeit, lärmend und zischend zu einem unheimlichen Leben erwacht ist.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Marco Stuewe:

Der Schnee- war hier zugleich ein Glücksfall (respektive wohl der Grund für die Aufnahme): Durch den starken Kontrast erst werden die Linien des Stahlkrakens deutlich sichtbar, die Schienen unter den Förderbändern ergänzen die ansonsten vielleicht etwas zu direkte Linienführung mit den Feinheiten, die einen im Bild halten.

An der Aufnahme fallen mir drei Dinge auf:

Der Einsatz von Schwarz-Weiss ist hier meiner Ansicht nach mehr als gerechtfertigt. Der Schnitt des Bildes ist insofern optimiert, als das Zentrum des “Kraken” im goldenen Schnitt “sitzt”, die vier wichtigsten Linien dabei zugleich beinahe in die Bildecken hinauslaufen. Und schliesslich verschafft die Langzeitbelichtung – die an einem Winterabend mit Schneebedeckung und bei ISO 200 (vor allem mit der D300) hätte gekürzt werden können – verleiht dem Bild durch die ausgebrannten Lichtstellen eine fast schon feierliche Athmosphäre.

Ich finde die Aufnahme sehr gelungen. Allerdings sehe ich sie etwas anders: Du schreibst, das Kieswerk – oder worum immer es sich handelt – sei lärmend und zischen zum Leben erwacht. Just das sehe ich aber nicht. Ich sehe weder Bewegung noch Lärm – und ich finde das gar nicht schlecht.

Der Krake ist eindeutig zu sehen, aber er scheint zu ruhen. Etwas anderes wäre es, wenn unten auf dem Gelände ein Haufen Arbeiter herumrennen würden, eine Rangierlok einen Güterwaggon heranschleppte, auf der Strasse ein Wartungsfahrzeug unterwegs wäre.

Ich wage hier einfach mal die Behauptung, dass Langzeitaufnahmen generell ruhiger wirken, die Zeitlupe im Bild selbst dann zu spüren ist, wenn kein Objekt in der Bewegungsunschärfe durchs Bild streift oder irgendwo Wasser wie Seide über einen Stein fliesst. Ausserdem hat jede Schneedecke eine stark schallschluckende Wirkung, und die Erinnerung daran verstärkt die Ruhe im Bild für mich zusätzlich. Das ist eine Stahlkrake, die sich für die Nacht halbwegs in den Wald zurückgezogen hat.

Was mich technisch gesehen stört, ist der Widerschein an den Wolken über dem Horizont. Vielleicht war er in der Realität schon da, vielleicht hast Du mit einer Tonwertkurve oder mit partiellem Abdunkeln verstärkt. Mir kommt das Leuchten jedenfalls in die Quere, auch oder grade, weil ich die anderen Brüche – die nur ungefähren goldenen Schnitte, die sanft gewundene Strasse links im Bild – als Verstärkung des Hauptmotivs empfinde. Dieser Himmel lenkt mich unnötig ab, macht mich neugierig, worauf der Widerschein zurückzuführen ist.

Nicht erklären kann ich mir, warum die Verschlusszeit in den EXIF-Daten fehlt. Ausser, es handle sich um eine HDR-Kombo mit Beibehaltung der identischen Werte?

Zu guter Letzt, obwohl von grosser Bedeutung: Die Aufnahme erfolgte von einem grossartigen, weil hochgelagerten Standpunkt aus – zu dem ich wohl für wiederholte Variationen und Experimente zurückkehren würde.

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