Mittelformat:
Von Canon zur “Möwe”

In seiner Wahlheimat Shanghai hat Blogger Lukas Hadorn nicht nur die Fotografie entdeckt – sondern auch eine analoge Mittelformatkamera: Die “Seagull” oder “Haiou”. Erfahrungsbericht einer Liebesbeziehung (Teil I).

Von Lukas Hadorn, Shanghai

Die Seagull oder Haiou (© Lukas Hadorn)

Die Seagull oder Haiou (© Lukas Hadorn)


Chinesische Haiou (© L. Hadorn)

Verschlusszeit? Blende? Fokus? Bis vor ein paar Monaten waren dies Begriffe, die ich zwar zweifelsfrei der Fotografie zuordnen konnte, aber damit hatte es sich auch schon.

Ich besass eine digitale Kompaktkamera, mit der ich Bilder im Automatikmodus knipste.

Das Thema “manuelle Einstellung” reduzierte sich für mich auf die Entscheidung, mit oder ohne Blitz zu fotografieren:

Ich war einer von jenen, die ihre Bilder nur als mittelgrosse JPGs speichern (“weil dann mehr Fotos auf der Kamera Platz haben”), die im Fussballstadion vom obersten Rang aus mit Blitz fotografieren (“ist ja Abend jetzt”) und die die Anzahl Pixel für die wichtigste technische Eigenschaft ihrer Kamera halten. You know the type.

Die Seagull: Blick mir in die Linsen, Kleines! (© Lukas Hadorn)

Die Seagull: Blick mir in die Linsen, Kleines! (© Lukas Hadorn)


Die Seagull: Blick mir in die Linsen, Kleines! (© Lukas Hadorn)

Vor knapp einem Jahr beschloss ich, nach China auszuwandern – und damit schien mir der Moment gekommen, mich endlich grundsätzlich mit dem Thema Fotografie auseinander zu setzen. Ich besuchte einen Kurs, las ein paar Bücher und kaufte mir schliesslich eine anständige Amateur-DSLR (Canon EOS 400D).

Auf unzähligen Exkursionen durch die vielen spannenden Quartiere meiner neuen Heimatstadt Shanghai lernte ich die Funktionen meiner Kamera kennen. Irgendwann fotografierte ich nur noch im manuellen Modus. Gleichzeitig kam ich zur Erkenntnis, dass man mit etwas Basiswissen, einer guten Kamera und einer unbegrenzten Anzahl von Versuchen eigentlich immer ein gutes Bild schiesst. Kein grossartiges vielleicht, aber ein gutes.

Ich hatte den Status des “digitalen Jägers” erreicht, der, seiner unendlichen Anzahl digitaler Pfeile zum Dank, nie ohne Beute heimkehrt.

Blendenwahl an der Seagull. (© Lukas Hadorn)

Blendenwahl an der Seagull. (© Lukas Hadorn)


Blendenwahl an der Seagull. (© Lukas Hadorn)

Und dann entdeckte ich auf einem kleinen Strassenmarkt eine Seagull (chin. “Haiou”). Ein kurioses, kiloschweres Kästchen mit ein paar Schaltern und Hebeln, das ganz ohne Strom auszukommen schien. Der Händler erklärte mir, es handle sich dabei um ein Gerät, das ab Ende der 50er Jahre in Shanghai hergestellt wurde und in den 70er und 80er Jahren als einzig erschwingliche Kamera Chinas galt. Inzwischen sei die Technik aber veraltet und das Gerät habe allenfalls noch nostalgischen Wert. Natürlich fügte er sogleich an, dass ebendieser beträchtlich sei, und es folgte ein minutenlanges Feilschen, bis der kleine Kasten mir gehörte.

Seagull: Eine TLR-Linse nur für den Sucher. (© Lukas Hadorn)

Seagull: Eine TLR-Linse nur für den Sucher. (© Lukas Hadorn)


Seagull: Eine TLR-Linse nur für den Sucher. (© Lukas Hadorn)

Bei der Seagull handelt es sich um eine Mittelformatkamera (120mm) mit Zwillingsobjektiv (TLR, twin lens reflex). Durch das obere Objektiv schaut und fokussiert man, mit dem unteren macht man das Bild. Bei einer TLR-Mittelformatkamera schaut der Fotograf oben rein und sieht auf einer Glasscheibe ein spiegelverkehrtes Abbild dessen, was er fotografieren will. Das erfodert einiges Geschick bei der Ausrichtung, ist aber schnell gelernt.

Hinzu kommen ein paar Schieberegler für Belichtungszeit, Blende und Fokus und ein, zwei Rädchen für das Transportieren des Films.

Und genau das war es, was mich an der Seagull vom ersten Moment an dermassen faszinierte: Alles manuell. Alles mechanisch.

Teil zwei – die Analoge Bilderjagd.

Lukas Hadorn (30) ist Journalist und Blogger aus der Schweiz. Er lebt seit Anfang 2008 in Shanghai und berichtet in (meist umwerfend komischem) Wort und (zunehmend beeindruckendem) Bild als Lu Hai Rui aus seiner Wahlheimat.

 

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3 Kommentare

  1. Bin gespannt auf Teil 2 und auf mehr Details der analogen Bilderjagd!

  2. Interessanter Beitrag. Überlege ja auch immer noch, irgendwann einmal den Schritt von Digital zu Analog zu wagen. Freue mich nun schon auf die Fortsetzung …

  3. Ein toller Beitrag, der mich im letzten Jahr dazu inspiriert hat mir eine alte Mittelformatkamera zuzulegen. Dadurch habe ich das Fotografieren erst mal richtig “gelernt”.

4 Pingbacks

  1. [...] Lukas Hadorn, Shanghai (zu Teil I) Der Blick in die Zauberbox (© Lukas [...]

  2. [...] ein anderes “Sehen” erlaubt. Zumindest für Anfänger verbindet sich derzeit das Mittelformat allerdings, wie uns Lukas Hadorn erst grade so schön geschildert hat, aus Kostengründen mit dem Rückgriff auf die [...]

  3. [...] ich das tue und darüber blogge (auch an dieser und dieser Stelle), erhalte ich immer mal wieder Mails von Leuten, die mehr über das Thema [...]

  4. [...] kann mit der Fachkamera ins Feld, mit der Lomo Landschaften in Szene setzen oder mit der analogen Mittelformat-Kamera Strassenfotos schiessen: Mit der Qualität der Bilder hat die Wahl der Kamera nicht unbedingt viel zu [...]

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