Baldachin in Abstraktion:
Quadrat- oder Mittelformat?

Keine Angst vor einem Anschnitt – in jedem Rechteck steckt ein (6×6 Mittelformatbild) Quadrat. Aber warum nicht gleich Mittelformat aufnehmen?

Stefan Bucher

Stefan Bucher


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stefan Bucher). – Ricoh GR – 1800/s – f/2.4 – ISO100 – 5.9mm (69mm)

Kommentar des Fotografen:

Ich besuchte das Zehendermätteli in Bern mit seiner Gärtnerei. Die Beete mit dem roten Sonnenschutz fielen mir sofort auf. Ich kroch unter das Tuch und suchte einen Ausschnitt. Die Schwierigkeit war, das Tuch möglichst Bildfüllend ins Bild zu bekommen und trotzdem noch zu zeigen, wie es befestigt ist. Ich suchte diagonale Linien und eine rechtwinklige Stange als Fixpunkt. Die Farbe wird durch das Gegenlicht gedämpft, was sehr genau der Situation des regennassen und verschmutzen Tuchs entspricht. Ich habe das digitale Bild, aufgenommen mit der Ricoh GR Digital, quadratisch zugeschnnitten, wie ich es mit den meisten meiner Bilder mache. Es passt so in meine Serie von geometrischen, etwas abstrakten Bildern.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Stefan Bucher:

Ein sehr schönes Bild. Es ist auf das Wesentliche konzentriert und auch farblich schön monoton gehalten. Dadurch wirkt es ausgeglichen und ruhig:

Der Aufbau ist gelungen. Die Sonnenschutzbahnen ziehen sich diagonal und formatfüllend durchs Bild und lassen keinen Platz für Ablenkung im Bildinhalt. Auch gibt die Diagonale dem Bild Spannung, und durch das Mithineinnehmen der letzten Bahn unten links erhält das Bild so etwas wie Tiefe und Dreidimensionalität.

Spannend ist auch der Kontrast zwischen den geraden Linien und der geschwungenen, wellenförmigen Ausbuchtungen des Sonnenschutzes. Wie die Oberfläche eines Meeres, nur nach unten gedreht. Dadurch kommt Bewegung in ein Bild, das eigentlich einen abstrakten Gegenstand zeigt.

Mit gefällt auch die Farbgebung. Sie ist monoton dreckig braun – aber die Bahnen leuchten im Gegenlicht und hinterlassen trotzdem einen strahlenden Eindruck. Nichts im Bild lenkt farblich ab. Es gibt keine anderen Farben, auch der Himmel ist grau/weiß.

Beide Komponenten des Bildes – die Linien und die Farben – machen das Foto vor allem durch die Reduktion auf das Minimum interessant. Ein Problem, das der Fotograf auch erkannt hat, wenn er schreibt, dass er etwas suchte. Ich finde hier hat er es sehr schön umgesetzt – also gefunden.

Warum aber eigentlich nicht gleich Mittelformat fotografieren? Wenn Du alle Bilder quadratisch beschneidest, bietet sich das doch an. Aus eigenen Erfahrung kann ich sagen: es ändern sich automatisch Sehgewohnheiten. Vor allem schaut man präziser nach diesen quadratischen Bildern. Mir gefällt das. Vielleicht auch was für Dich?

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Quadratisch, praktisch, gut. Ja, warum eigentlich nicht gleich im Mittelformat aufnehmen? Einerseits eine gute Idee – andererseits kämen dadurch viele Motive sicher nicht zustande, denn es ist in der Praxis schon ein großer Unterschied, ob man eine Mittelformatkamera oder eine handlichere Digitalknipse mit sich herumträgt.

2 Pingbacks

  1. [...] 1. September 2008: Heute ist mein Bild in der Profikritik auf fokussiert.com. Vielen Dank für die tolle Kritik. Und, ja, Mittelformat 6×6 mache ich auch [...]

  2. [...] gibt es auch auf fokussiert.com Experten, die auf das Mittelformat schwören, weil es durch den quadratischen Bildausschnitt ein anderes “Sehen” erlaubt. Zumindest [...]

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