Pier in Sepia:
Mehr Verwirbelung

Die Kombination von Meeresweite und Fluchtpunkt-Linien funktioniert fast immer. Das Problem liegt in der Abnutzung des Effekts: Er muss in neuen Bildern frisch belebt werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Mark.Triffid). - Leider keine Exif-Daten vorhanden.

Kommentar des Fotografen:

Morgens am Atlantik zwischen Croissant und Kaffee. Analog auf Negativ fotografiert gescannt und Postpro.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Mark Triffid:

Maler sämtlicher Epochen waren vom Meeresstrand, Ufermauern und dem Kontrast aus Quer- und Längslinien fasziniert. Nirgendwo wird der Horizont zum stärkeren Gestaltungselement – ausser vielleicht in der Wüste.

Deine Aufnahme ist in diesem Sinne ein Klassiker – ähnliches haben wir schon tausend Mal gesehen. Trotzdem hat mich das Bild in seinen Bann gezogen:

Zunächst finde ich das Spiel mit den Linien gut, wenn auch zu mittig, inszeniert und die Wahl des Sepia-Farbtons treffend. Die ausbrennende, hart an der Überbelichtung liegende Verschlusszeit lenkt zusätzlich auf die rein grafischen Elemente, ohne das Bild vollständig zu abstrahieren.

Es ist eine gleichmässige Aufnahme, die mit allen Stilmitteln bis hin zur Sepiatönung der totalen Morgenruhe (noch nicht mal ein Wellengang ist zu erkennen, und der Himmel ist ein vollkommen konturloses Nebelwallen) gerecht wird. Das finde ich sehr schön und konsequent umgesetzt. Der Aufnahme gelingt es, die Stille zu vermitteln und einen Moment zu verlangen, um sie aufzusaugen.

Was mich aber wirklich immer wieder hingucken lässt, ist der gefühlsmässig „falsche“, leicht nach links oben zeigende Winkel des äusseren Piers. das Bild ist, dem Horizont nach zu schliessen, nicht geneigt – aber der sanft ansteigende Strand unter dem Pier ist beinahe horizontal, so dass ich eine Art störender Verschiebung der Winkel ergibt. Das plus die harte Reihe von x-förmigen Stützen des Piers ziehen das Auge an und setzen einen Schwerpunkt. Und die Linienführung vom rechten Vordergrund ins Bild hinein zeigt geradewegs dorthin.

Damit stecke ich aber fest. Ich hänge da draussen im Schnittpunkt der Linien und kann nirgends mehr hin als dem Strand entlang nach rechts direkt aus dem Bild hinaus. Es gibt nichts weiteres mehr zu entdecken, keine weiteren Linien mehr zu verfolgen.

Das Bild ist vertikal wie horizontal genau mittig geteilt. Die Diagonale kommt von rechts unten, aber der Vordergrund nimmt die rechte Hälfte des Bildes ein, die Strandlinie verläuft fast genau in der horizontalen Mitte. Sogar die Kamera ist genau auf der Höhe, auf der ich sie erwarten würde.

Es kommt mir vor, als ob die inhaltliche Abstraktion weiter geht als die optische. Ich wünsche mir nicht den Vogel in der Luft oder den einsamen Spaziergänger, der die Aufnahme sogleich zum Postkartenbild machen würde – aber eine zusätzliche Herausforderung würde der Aufnahme gut tun: Ein gewagteres Spiel mit den Linien, ein zusätzlicher Effekt wie das geneigt scheinende Ende des Piers, eine leichter Wirbel in diesem gleichmässigen Fluss, und zwar vor allem im Vordergrund, der ansonsten zu nichts anderem dient als in die Bildmitte zu führen.

Ich kann es nicht konkret benennen – dazu müsste man wohl diesen Morgen erlebt haben – aber ich glaube, mit ein paar wenigen, sanften Verschiebungen der Perspektive, vielleicht sogar einer tatsächlichen Neigung der Kamera, könnte grade so viel „Verwirblung“ eingebracht werden, dass ich den Blick diesen einen Moment länger ruhen lasse, der ein gutes von einem herausragenden Bild unterscheidet.

Wenn ich ähnliches an meinen eigenen Bildern erkenne und sie nicht auf Reisen oder aus einer ganz speziellen Situation entstanden sind (wie Deines hier ganz offensichtlich), mache ich es mir jeweils zur Aufgabe, einen zweiten Versuch zur Verbesserung zu riskieren. Nur so kann ich feststellen, ob ich zu viel vom Motiv oder zu wenig von mir verlangt habe (die Antwort auf diese Frage ist fast immer die gleiche…).

Und wenn ich dazu am nächsten Morgen nochmals um vier Uhr früh aufstehen oder abends ganz genau zwanzig Minuten nach Sonnenuntergang zum gleichen Felsbrocken an der Küste rennen muss, obwohl ich doch schon ein „gutes“ Bild habe, schütteln meine Urlaubsbegleiter zwar den Kopf. Aber das eine oder andere mal gelingt mir die erhoffte Verbesserung, und zum besseren Bild gesellt sich die Bestätigung, dass Fotografie kein Zufall (und damit lernbar) ist.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Mark. says:

    Vielen Dank für diese äußerst präzise und gute Kritik. Vor allem die Analyse der Linen und Blickführung war für mich sehr interessant. Eine leichtes Spiel mit der Perspektive ist ein guter Tipp für zukünftige Photos.

    Greetz
    Mark.

    Antworten

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