Tagebuch eines Fotoreporters (1/3):
Aufbruch nach Minsk

Jan Zappner hat als Fotojournalist in Weissrussland Ende September die Wahlen verfolgt. Für fokussiert.com hat er ein Tagebuch verfasst: Einblick in die Arbeit eines Fotoreporters.

Stimmabgabe (© Jan Zappner 2008)

Präambel. Am 28.9.2008 fanden in Belarus Parlamentswahlen statt. Ich bin als Mitglied einer Gruppe von deutschen, österreichischen und polnischen Journalisten mitgereist, die über die Wahlen berichteten. Zusätzlich sammelte ich Bilder für mein eigenes Fotoprojekt „Belarus“, an dem ich seit Anfang 2007 arbeite und wofür ich immer noch Bilder aus der politischen Szenen brauche.

23.September 2008, Dienstag Vorbereitung der Reise:

Das Visum und die Akkreditierung sind vor einer Woche angekommen. Endlich! (nach 3 Wochen Wartezeit).

Die ganze Gruppe kann nach Belarus einreisen. Diese Großzügigkeit ist wohl auf die neue Kuschelpolitik von Präsident Alexander Lukaschenko mit dem Westen zurückzuführen.

Auslege-Unordnung vor der Abreise (© an Zappner 2008)Ich frage bei zwei Redaktionen nach Interesse an geschriebenen als auch fotografierten Geschichten von den Parlamentswahlen oder Portraits von Journalisten – erfolglos.

Als Fotograf ist es sehr schwierig, sich bei aktuellen Anlässen gegen die Übermacht der Agenturen durchzusetzen. Alle Zeitungen haben Agenturen im Abo, würden also für freie Fotografen doppelt zahlen. Das machen sie nicht. Da ich aber mit einem Autor des österreichischen Kuriers in Minsk unterwegs sein werde, hoffe ich auf Bildverkäufe durch Einzelgeschichten mit ihm zusammen.

Ich packe die Technik zusammen. Zwei Bodies, ein 70-200mm Tele, ein 50mm, ein 35mm und das 16-35 Objektiv. Zusätzlich eine mobile Festplatte, den Rechner und 4 Speicherchips. Für Portraits für meine Belarusserie nehme ich meine Hasselblad Mittelformatkamera und 14 Filme mit. Der Fotorucksack ist schwer. Sehr schwer.

24. September 2008, Mittwoch – Zugreise:

Schatten-Selbstporträt vor dem Schlafwagen des Direktzugs nach Minsk (© Jan Zappner 2008)Ich treffe die Kollegen der Reise im Zug, wir lernen uns ein wenig kennen und erzählen uns, wo (und was) wir schon waren. Bei der Djewuschka holen wir uns ein paar warme Bier. 16 Stunden Zugfahrt liegen bis Minsk vor uns.

Als ein Passagier hört, dass wir Journalisten sind, raucht er erst mal sein letztes Marihuana weg, damit an der Grenze zu Belarus nichts passiert (Wenn Journalisten im Zug sind, werden die Kontrollen schärfer).

Gespräche unter Journalisten im Zug (© Jan Zappner 2008)Wir passieren die Grenze gegen zwei Uhr nachts.

Liege im Halbschlaf, junge Grenzsoldaten kontrollieren die Pässe, es herrscht eine fast angenehme Athmosphäre. Schlafe schnell wieder ein und wache in Minsk um 10 Uhr auf.

Strahlender Sonnenschein.

25.September 2008, Donnerstag 1. Tag: Hintergrundgespräche

Nach dem Einchecken im Hotel Jubiljanaja (dem Ausländerhotel) führen wir den ganzen Tag Hintergrundgespräche mit verschiedenen Organisationen über die Parlamentswahlen in Belarus.

Warten auf Informationen (© Jan Zappner 2008)Zusammentreffen mit den Wahlbeobachtern vom Helsinki Komittee, der weissrussischen Nichtregierungsorganisation Viasna (Wahlbeobachter), dem deutschen Botschafter und der belarussischen Journalistenvereinigung.

Resumee: An westlichen Standards kann sich die Wahl hier nicht messen. Es gibt für die Kandidaten kaum Zugang zu den Medien. Bis auf einmalige 5 Minuten kostenlose Vorstellung im Fernsehen hat keiner der Kandidaten die Möglichkeit, sein Programm der Wählerschaft vorzustellen.

Vorgespräche der Journalisten in Minsk. (© Jan Zappner 2008)Jeder Kandidat hat ein festes Budget von 820 Dollar, mit dem er / sie seinen Wahlkampf (inklusive Materialien wie Flugblätter usw.) führen darf.

Der Einsatz von privaten Geldmitteln ist verboten. Was von Dritten gespendet wird, teilt das zuständige Wahlkomitee auf alle Kandidaten gleich auf.

Gleichzeitig verfügen die Regierungskandidaten durch ihre Position in der Verwaltung über einen indirekten Zugang zu Wählern und Ressourcen. So werden etwa Wahlveranstaltungen in Krankenhäusern oder Schulen abgehalten, zu denen Patienten oder Eltern eingeladen werden, um den Regierungskandidaten kennenzulernen.

Oder es werden Fahrzeuge der Verwaltung genutzt, um in entfernteren Regionen Wahlkampf zu betreiben. Auch der Druck von Wahlkapfmaterialien funktioniert. Bei Oppositionskanditaten ist die Wartezeit meist sehr lang (manchmal bis nach der Wahl).

Trotzdem gibt es das Gerücht, dass das Regime aufgrund der Annäherung an den Westen Oppositionelle ins Parlament einziehen lassen wird. Da aber kaum jemand die Oppositionskanditaten kennt, führt das zu der absurden Situation, dass dieses Personen ins Parlament gefälscht werden müssten.

4 Antworten
  1. martin says:

    wow! diese neue serie ist einfach super und bisher echt spannend! ich freue mich schon auf teil 2 und 3!

    und wenn die auch so interessant sind, wie dieser part, wär’s genial, wenn die serie auch ausgeweitet und weitere profi-tagebücher folgen würden, auch von anderea „fotografentypen“. wie sieht z.b. der alltag eines studio-fotografen aus? wie arbeiten die bei einer grossen agentur? etc. ich sehe hier einiges an potenzial für fokussiert.com – weiter so!

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