Buchenwald:
Landschaft ohne Tricks

Moderne Landschaftsfotografie ist voll von Farben, weiten Blickwinkeln und tiefer Perspektive. Werden Betrachter ein Landschaftsbild zu schätzen wissen, das sich auf das Ursprüngliche besinnt?

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen im Natuschutzgebiet Hangelstein bei Giessen, Ende April gegen Abend. Ich wollte den ursprünglich ganz Mitteleuropa bedeckenden Teil der Natur, den Buchenwald, zeigen, und zwar so, dass man den gleichen Eindruck beim Betrachten hat wie bei Landschaftsaufnahmen anderer Erdteile, die uns fremder und ürtümlicher erscheinen. Ich wollte daher auch keinerlei “Zivilisation” wie Wege oder andere Bauten auf dem Bild haben. Der Betrachter soll sich vorstellen können, dass auch Deutschland mal Naturerlebnis pur war. Das Bild hatte ich schon einen Tag bevor ich es machte, als ich an der Stelle vorbeikam, im Kopf. Durch die noch zarte Belaubung hoffte ich keine zu harten Kontraste zu bekommen, die Waldbilder sonst oft ruinieren.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Benjamin Pollmann:

Mit diesem Foto brichst Du viele Regeln der zeitgenössischen Landschaftsfotografie:

Was Dein Bild von den meisten der heutigen Landschaftsbilder unterscheidet, ist, dass es nicht mit satten, leuchtenden Farben überflutet und nicht dem Goldenen Schnitt nach perfekt aufgeteilt ist. Zudem hat es kein klar definiertes Zentrum, auf das wir unsere Aufmerksamkeit richten können und ist keine Szene, die mit viel Perspektive aufwartet.

Indem man diese klischeebehafteten Mittel vermeidet, unterscheidet man sich vom Rest. Aber ist dieses Foto aussagekräftig genug, um das Interesse des Betrachters zu erwecken?

Am interessantesten sind hier nicht die Bäume im Gegenlicht mit ihren Schatten, sondern, wie Du die stille Intimität dieses Ortes und von Wäldern im Allgemeinen porträtiert hast. Ich kann mir vorstellen, wie dieses Foto in einem Kalender oder auf einem Poster landet, vor allem, wenn es mit einem meditativen oder esoterischen Spruch versehen wird.

Ansonsten könnte es auch gut Teil einer Serie sein. Aber als einzelnes Foto finde ich es irgendwie zu schwach, um wirklichen Eindruck zu machen.

Heutige Betrachter erwarten normalerweise, von Wiesen und Bergen in strahlenden Rot- und Gelbtönen eines Sonnenuntergangs, oder Seen und Schnee, gehüllt in den kühlen Schein eines Blaus bei Sonnenuntergang visuell überwältigt zu werden.

Mit dem Gedanken im Hinterkopf erwarte ich, lässt dieses Bild die meisten Betrachter nicht beeindruckt.

Andererseits könntest Du vielleicht Deinem oben genannten Ziel näher kommen, indem Du ein Top-Qualitäts-Abzug in Proportionen nach Andreas-Gursky-Art machst.

So oder so, ich denke, dieses Foto hätte gewonnen, wenn es einen klaren Bildmittelpunkt hätte. Ohne ihn werden wir etwas im Stich gelassen und müssen unsere Augen umherschweifen lassen, bevor sie im Schatten auf der linken Seite landen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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