Lothar Wolleh:
Lückenloses Künstlerverzeichnis

Fast 30 Jahre ist er schon tot – Zeit für eine Wiederentdeckung: Lothar Wollehs Künsterporträts der Sechziger- und Siebzigerjahre sind in München zu sehen.

Lothar Wollehs Lebenswerk sind Künstlerporträts, die er ab den frühen Sechzigerahren bis zu seinem frühen Tod 1979 systematisch mit dem Ziel der Vollständigkeit erarbeitete.

Die Münchner Galerie f5,6 zeigt dieses bis dato weitgehend unbekannte Werk bis zum 5. November.

Das amerikanische Webverzeichnis der berühmtesten Fotografen der Welt – Masters of Photography – führt Wolleh übrigens auf, Richard Avedon zum Beispiel nicht. Wir müssen wohl etwas nachholen.

Lothar Wollehs Porträts entstanden ohne Auftrag, angetrieben allein durch das Ziel der lückenlosen Dokumentation der Kunstszene seiner Zeit in Deutschland und Europa. Es entstanden Aufnahmen von Georg Baselitz, Joseph Beuys, Lucio Fontana, René Magritte, Henry Moore, Man Ray, Gerhard Richter oder Günther Uecker – um nur einige zu nennen.

Die Galerie f5,6 teilt mit: Im Vordergrund jedes Portraits steht eine tiefe emotionale Auseinandersetzung Wollehs mit dem jeweiligen Künstler und dessen Werk. Jedes seiner Porträts, das vor der Aufnahme bis ins Detail in seinem Kopf entstanden ist, ist im quadratischen Hasselblad-Format, mit klarem, stark grafischen Bildaufbau. Zentral ist zweifelsohne auch der integrierte schwarze Rand.

Dieser gilt in vor allem in der Fotografie der Sechzigerjahre als Beweis für eine nicht manipulierte Aufnahme. Blitzlicht und künstliches Licht lehnte er zudem kategorisch ab. Für Wolleh sollte das Bild einen sachlichen, authentischen Wirklichkeitsausschnitt darstellen, auch wenn er immer der Regisseur seiner Inszenierung blieb.

Lothar Wolleh, Jahrgang 1930, hatte ab 1946 Kunst an der nach dem Vorbild des Bauhauses gegründeten Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee studiert. Eine Verhaftung durch die sowjetische Besatzungsmacht wegen angeblicher Spionage beendete vorerst früh seine Karriere. Fast sechs Jahre musste er unter erbarmungslosen Bedingungen in einem sowjetischen Gulag ausharren. 1956 konnte er nach West-Berlin zurückkehren.

Ab 1959 studierte Wolleh an der Folkwang-Schule Essen unter Otto Steinert. Schnell machte sich Lothar Wolleh neben Charles Wilp, Helmut Newton und FC Gundlach einen Namen in der Werbefotografie und avancierte zu einem der bestbezahltten Fotografen der Bundesrepublik.

Die Freundschaften zu Künstlern, vor allem zu Günther Uecker und Joseph Beuys, führten zu gemeinsamen Buchprojekten wie dem Unterwasserbuch (1971) mit Beuys. Andere Werke wurden von den Künstlern selbst überarbeitet. Lucio Fontana zerschlitzte die Leinwand seines eigenen Abbildes, Günther Uecker arbeitete eine Schicht Sand in sein Porträt am Meer, Man Ray applizierte eine Reihe gelber Filmrollen auf sein Porträt.

Lothar Wolleh – Künstlerportraits
Bis 5. November
Galerie f5,6 Ludwigstraße 7 (Odeonsplatz), D-80539 München
+49 (0)89 28 67 51 67, info@f56.net
Geöffnet Dienstag bis Freitag 12 – 18 Uhr, Samstag 12 – 17 Uhr

Galerie f5,6
Wikipedia über Wolleh
Masters of Photography

Mehr lesen

Peikwen Cheng: Traumwelten in der Wüste

10.3.2012, 0 KommentarePeikwen Cheng:
Traumwelten in der Wüste

Peikwen Chengs Traumwelten in der Wüste erscheinen zu fantastisch, um wahr zu sein. Er fotografierte sie beim "Burning Man"-Festival in Nevada.

Road Atlas: Spurensuche und Anregung

4.3.2012, 0 KommentareRoad Atlas:
Spurensuche und Anregung

Was macht die Faszination der Straßenfotografie aus? Der Bildband «Road Atlas - Straßenfotografie von Helen Levitt bis Pieter Hugo» (Hirmer Verlag) widmet sich diesen Fragen, indem er 166 Arbeiten von 29 Fotografen mit ihren jeweils eigenen Sichtweisen präsentiert. «Road Atlas» liefert keine fertigen Antworten, aber Hinweise.

State of the Art Photography: Der Zustand der Fotokunst

29.2.2012, 0 KommentareState of the Art Photography:
Der Zustand der Fotokunst

Sony World Photography Awards 2012: Dreizehn aus 112.000

10.4.2012, 1 KommentareSony World Photography Awards 2012:
Dreizehn aus 112.000

112.000 Einsendungen waren eingegangen, dreizehn hat die Jury der Sony World Photography Awards 2012 jetzt als die Besten der einzelnen Sparten ausgewählt.

Strassenporträt: Kubanischer Lebensabend

20.3.2012, 0 KommentareStrassenporträt:
Kubanischer Lebensabend

Menschenportraits können so einfach sein: Sehen, abdrücken, fertig. Selbst mit minimaler Ausrüstung, in diesem Fall der günstigen 50mm-Festbrennweite und natürlichem Licht, gelingen ansprechende Fotos, wenn das Motiv spannend genug ist.

Picasso im Fotoportrait: «Ichundichundich»

8.2.2012, 0 KommentarePicasso im Fotoportrait:
«Ichundichundich»

Eigentlich ist «Ichundichundich - Picasso im Fotoportrait» (Hatje Cantz) ein Ausstellungskatalog. Das Buch ist jedoch auch für Fotografen von großem Interesse. Denn auf knapp 280 Seiten vereint er den Blick von 34 namhaften Fotografen auf einen Titanen des 20. Jahrhunderts.

Richard Avedon: \

3.7.2010, 0 KommentareRichard Avedon:
"Dovima mit Elefanten"

Im Herbst werden in Paris über sechzig Werke des Personenfotografen Richard Avedon versteigert.

Sylvia Plachy: Liebend leicht und expressiv

7.2.2010, 1 KommentareSylvia Plachy:
Liebend leicht und expressiv

Die amerikanische Fotografin Sylvia Plachy hat den Salomon-Preis 2009 gewonnen.

Richard Avedon: Diese rätselhafte Sache Fotografie

23.10.2008, 0 KommentareRichard Avedon:
Diese rätselhafte Sache Fotografie

Richard Avedon ist bekannt für seine Mode- und Porträtfotografie. Er gehörte zu den ersten, welche die Modefotografie auf die Strasse nahmen.

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.