Mädchenporträt:
Raum für den Blick

Schnappschussportäts sind ein Risiko. Häufig scheitern ansonsten grossartige Bilder an einem unglücklichen Ausschnitt. Daran ist der Autofokus mitschuldig.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jeannine Jentsch).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jeannine Jentsch).

Kommentar des Fotografen:

Die Serie mit meiner jüngeren Schwester habe ich letzten Sommer an einem See aufgenommen. Ich wollte den Übergang vom Kind-Sein zum Erwachsenwerden zeigen, die Nachdenklichkeit, die ebenso Kindern wie Erwachsenen eigen ist.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jeannine Jentsch:

Vor rund einem halben Jahr habe ich das erste Bild aus dieser Serie besprochen. Hier sehen wir das gleiche Mädchen, schätzungsweise in der gleichen Örtlichkeit, aber diesmal in schwarz/weiss und ohne jeden Hintergrund.

Dieses Bild könnte aus dem gleichen Shooting stammen: Vieles gleicht dem ersten Bild, die wehenden, leichten Haare im Gesicht, die abwesende Stimmung des Kindes und das Licht, das auf einen frühen Sommerabend hindeutet.

Auch hier gibt das Gesicht und die Stimmung des Modells Rätsel auf, wenn auch deutlich weniger als im ersten Bild: Wir sehen die Augen des Mädchens und erhalten dadurch bereits viel Information über seine aktuelle Stimmungslage.

Das weiche Naturlicht schmeichelt dem Gesicht ebenso wie die Haarsträhnen, die einen wunderbaren Rahmen um das Gesicht legen. Die Augenpartie ist untypisch dunkler als der Rest des Gesichts, und der Betrachter muss die Augen geweissermassen suchen. Das Bild gewinnt durch die Vignettierung des gesamten Ausschnitts, die mir allerdings nachträglich eingefügt, weil zu stark erscheint für eine reine Objektiv-Vignettierung.

Auf der negativen Seite liegt dagegen hier die Bildkomposition, oder vielmehr die Wahl des Ausschnitts. Was massiv stört, ist die Nähe des Gesichts zum linken Bildrand: Der Blick des Mädchens ist zwar dort hin gerichtet, hat aber keinen Raum, zu dem man ihm wenigstens teilweise folgen könnte. Luft hat das Porträt dagegen auf der rechten Seite, beim Hinterkopf des Modells – wo wir allerdings nichts von belang oder Interesse mehr entdecken. In dieser Art ist das Ungleichgewicht kein Goldener Schnitt mehr, sondern nur unangenehm. Vielleicht hätte ein quadratischer Bildschnitt geholfen.

Mir passiert es auch immer wieder, dass ein ansonsten wudnerbares Bild an einem sehr unglücklichen Ausschnitt scheitert. Und meistens gibt es dafür eine simple Begründung: Ich nutze aufgrund meiner Unfähigkeit, manuell scharf zu stellen, den Autofokus mit Zentralmessung. Zwar habe ich mich längst daran gewöhnt, schnell zu fokussieren, die Messung zu speichern und dann das Bild neu zu komponieren. Aber dabei passiert es immer wieder, dass ich noch vor dem Schwenk zur Neukomposition bereits auslöse, weil sich der Moment verändert hat oder das Licht grade so perfekt ist und ich nichts verpassen will – was ich dann zwar auch nicht tue, aber eben mit einem Ausschnitt vorlieb nehmen muss, der nicht meinen Wünschen entspricht.

Die Alternative wäre die Fokussierung nach der Bildkomposition durch verschieben des Messfelds im Sucher – was bei den modernen Profi-Kameras mit ihren vielen Messpunkten eigentlich sogar vorgesehen ist – aber das Herumdrücken auf der Auswahlwippe am Kamerarücken bei gleichzeitigem Visieren hat sich für mich als viel zu umständlich und vor allem zu langsam erwiesen.

Ein zweites Manko ist für mich, dass der Fokus bei extrem geringer Schärfentiefe auf der Höhe der Nasenwurzel liegt – zu erkennen an der Haarsträhne, die aus der Stirn ins Gesicht fällt und im Gegensatz zu den weichgezeichneten Haaren auf der linken und rechten Gesichtshälfte kristallscharf ist.

Dadurch ergibt sich eine Schärfenebene, die verwirrend wirkt: Zwar befindet sich die ganze Gesichtsebene – die schräg zur Schärfenebene liegt – im Fokus-Bereich. Aber die Haarsträhnen aus der linken Stirnhälfte sind bereits jenseits und verdecken zur Hälfte das linke Auge, das deswegen unscharf wirkt. Die Stirnlocke, die gegen die Kamera ragt, unterliegt dem Effekt noch stärker. Das ergibt zwar einen Weichzeichner-Effekt, verwirrt aber auch den Blick und die Blickführung. Bei einer derart grossen Blende lässt sich zwar der Freistelleffekt für Porträts schön nutzen, aber es besteht auch die Gefahr, dass die Unschärfe im Objekt selber zu wirken beginnt und kontraproduktiv wirkt.

Trotzdem handelt es sich um ein bemerkenswertes Bild, dem sich wohl kein Betrachter sogleich entziehen kann und es unweigerlich ergründen will. Das abgeschnittene Blickfeld allerdings stört die Balance so extrem, dass es in meinem Portfolio mit meinem schweren Seufzer unter “abgewählt” klassiert würde.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Da bin ich ja froh ich dachte schon ich wäre alleine mit dem Problem nicht manuell scharf stellen zu können. Geht das noch mehr von euch so und weis auch jemand woran das liegt.

    Gruß

    Thorsten

    PS: Eine sehr hilfreiche Bildkritik und wenn es auch in kein Portofolio kommt wird sich das abgebildete Mädchen sicher später mal über das doch sehr schöne Porträt freuen.

  2. Das Problem habe ich tatsächlich mit dem manuellen Fokussieren, allerdings hatte ich hier ein manuelles Objektiv benutzt wenn ich mich recht erinnere :)
    Ich danke jedenfalls sehr für diese ausführliche und technisch versierte Kritik.
    Das Bild stammt tatsächlich aus dem gleichen Shooting und ich persönlich mag es mehr als das andere, es ist aber sehr gut zu erfahren, aus welchen Gründen bestimmte Photos unbeteiligten Personen eher gefallen bzw. missfallen. Ich muss auch zugeben, dass ich nicht die perfekte technische fotografische Umsetzung eines Fotos anstrebe, vielleicht sollte diese Sichtweise meinerseits überdacht werden :)
    Vielen Dank, Herr Sennhauser :)
    Lg Jeannine Jentsch

  3. Ich bin eigentlich nur Laie in sachen fotografie aber schaue mir gerne die Werke anderer an. Und es ist immer wieder interessant zu lesen mit welchen “Problemen” selbst kenner zu kämpfen haben…

  4. für alle, die, wie ich, nochmals das andere bild zum vergleich sehen wollen (im text habe ich den link zumindest nicht gesehen) – hier kann es gefunden werden: Jenseits des Porträts.

  5. @Thorsten: Es liegt an mangelnder Erfahrung und zu viel Bequemlichkeit: Wenns wichtig ist, habe ich die Tendenz, der Technik mehr zu trauen als meinen Augen…
    @Jeannine: Es ist auch ein wunderbares Bild – ein vergleich ist wohl Geschmackssache, wobei ich den Negativraum in dieser Version wirklich beschneiden würde.
    @Martin: Den Link hatte ich natürlich vergessen einzufügen. Jetzt ist er auch im Text – vielen Dank für den Hinweis.

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