Fingerübungen – Jahrmarkts-Nachtbilder:
Im Kreis herum

Das typische Jahrmarktsmotiv sind Fahrgeschäfte: Karussells, Riesenräder, Achterbahnen, Autoscooter. Gelegenheit für Bewegungsunschärfe und Wischbilder. Aber auch Lernprozesse und Frust.

Nicht ganz scharf, aber stimmungsvoll. Klick für Vollbild und Galerie. (© 2008 Peter Sennhauser)

Das Licht ist schwierig, und der Autofokus spielt mir einen Streich nach dem andern: Auf „kontinuierlich“ geschaltet, stellt er beim Mitziehen mit dem Karussell auf alles mögliche scharf, aber nicht auf mein ausserhalb des Bildzentrum platziertes Motiv. Statt dem kleinen Jungen wird ständig der Kopf seines Holzpferdes in den Fokus gerückt:

Fahrgeschäfte und Jahrmarktsbahnen bieten sich als Übungsobjekt für stimmungsvolle Bilder mit Bewegungsunschärfe an: Das Motiv kreuzt immer an der gleichen Stelle und im gleichen Abstand vor dem Fotografen auf und bewegt sich (in den meisten Fällen) in gleichem Abstand an ihm vorbei. Ausserdem sind die Lichter der knallbunten Anlagen ein idealer Hintergrund und die Vergnügten Gesichter der Kinder ein Highlight für die Fokus-Zone.

Wenn die denn so einfach herzustellen wäre.

Fangen wir mit den einfacheren Dingen an: Dem Karussell im Stillstand, im Hintergrund oder dem Mini-Riesenrad, das sich so langsam dreht, dass ich keine Mühe mit Scharfstellen und Mitziehen habe.

Irgendwie ohne Zusammenhang: Menschen, die dem Karussell den Rücken kehren.Im Stillstand sind erste Eindrücke leichter einzufangen, und bereits merkt man, dass das Licht zur schwierigen Aufgabe werden dürfte.Mit dem knallroten Licht kommt der Weissabgleich der Kamera nicht zurecht.Ein Aufhellblitz hilft etwas, der nachträgliche händische Weissabgleich ebenfalls.Hier erfahre ich gleich die drei ersten Lektionen:

  • Das Licht an einem Herbstabend voller elektrischer Glühbirnen schafft extreme Kontraste nicht nur der Helligkeit, sondern auch der Farbtemperatur.
  • Der automatische Weissabgleich der Kamera flippt ob der roten, blauen oder grünen Flutbeleuchtung total aus.
  • Autofokus und Bildstabilisator sollten ausgeschaltet oder, im Fall des Bildstabis, auf vertikal-Ausgleich beschränkt werden (Nikon-Objektive mit neuerem VR-Typ: „Active“ am Objektiv auf „Off“).

Das sind einige der technischen Herausforderungen (neben ständiger Anpassung des EV-Werts, Hochschrauben der ISO-Empfindlichkeit, Experimenten mit Blitz…).

Ganz anders gelagert ist das Problem der Bildkomposition: Diese Umgebung ist dermassen reich an Details, möglichen, reizvollen Hintergründen, menschlichen Szenen, Lichtern und Lichteinfällen, dass man sich zwar fühlt wie ein Kind im Zuckerwarenladen, aber eben auch gleichermassen überfordert ist.

Allein das traditionelle Karussell erlaubt Hunderte von spannenden Perspektiven. Eins der Bilder, das ich noch im Stillstand gemacht habe, zeigt einen kleinen Jungen auf einem Pferd. Und ich erinnere mich, dass mich der barocke Schmuck des Karussells und das Gesicht des Kapitelträgers hinter dem Jungen faszinierten, ausserdem eine geschwungene Glühbirnenlinie über ihm.

Das Bild ist entsprechend komponiert – schneidet aber zugleich dem Holzpferd den Kopf ab, zeigt die Augen des Jungen nicht und ist für sein Gesicht falsch belichtet.

Das Problem ist hier ganz einfach die Fülle an Dingen, die hätten einbezogen werden müssen – für die ich aber als Amateur einfach zu langsam bin.

Leider mehr als nur Bewegungsunschärfe.Völlig falsch komponiert: Der Pferdekopf muss ins Bild.

Damit erklärt sich eine Erfahrung, die zunächst wie ein Paradox klingen mag: Die Jahrmarktsfotografie wird einfacher, je dunkler es wird. Ganz einfach deshalb, weil die Fülle an Motiven, Vorder- und Hintergründen auf natürliche Art und Weise beschränkt wird und man sich auf einzelne Details konzentrieren muss.

Das wollte ich an den Karussells ja ohnehin. Es geht darum, einen Menschen in Bewegung und inmitten der Farbe, des Lichts und des Trubels des Jahrmarkts – sprich ein Gesicht scharf in der Bewegungsunschärfe – einzufangen.

Ich lerne schnell, dass das mit dem Mitziehen der Kamera erstens nicht ganz so einfach ist, weil sich dabei mit der Distanz zum Objekt auch der Ausschnitt ständig ändert. Denn das Karussell ist durch seine enge Kreisbewegung ein schwierigeres Objekt für die Übung: Die Fahrgäste auf dem Rundherum-Reitgeschäft kommen nämlich zunächst fast linear auf den Fotografen zu, wischen dann schnell vor ihm durch und sind danach nur noch von hinten zu sehen.

Nicht ganz scharf ist auch daneben. Elisa im Glück wäre ein Volltreffer geworden - entstanden an einem anderen Tag.

Das heisst: Der Moment zum Auslösen ist relativ kurz in dem Moment, in dem die Modelle unmittelbar vor dem Objektiv vorbei flitzen. Der Fokus wird am besten im Voraus auf die richtige Distanz eingestellt, durch den Sucher die gewünschte Person anvisiert, die Kamera mitgezogen und dabei in der ganzen Phase ausgelöst.

Klingt ganz einfach, ist es aber überhaupt nicht. Die Kamerabewegung ist nämlich keine gleichmässige: Wenn die Menschen hinter dem Karussell auftauchen, kommen sie wie beschrieben zunächst fast geradewegs auf mich zu, bevor die Bewegung in einen schnellen Schwenk übergeht, nachdem die Foto-Gelegenheit wieder vorbei ist.

Eine Rückgriff auf den Blitz funktioniert nur halbwegs. Mit Normalbelichtung und Aufhellblitz auf den zweiten Verschlussvorhang (die Kamera belichtet normal und löst den Blitz kurz vor dem Schliessen des Verschlusses zur Aufhellung aus) ergibt spannende, aber nicht meinen Vorstellungen entsprechende Bilder.

Mit dem Blitz (über einen Diffusor indirekt) wird die Szenerie etwas gar flach. Der Stroller als Einsamkeitssymbol - naja.Mit Blitz auf den zweiten Verschlussvorhang lassen sich schöne Effekte erzielen. Hier bewegt sich allerdings scheinbar mehr als nur die Gondeln des Riesenrads...Ich mache später damit noch einige Versuche am Ausgang des Riesenrads. Diese Technik würde sich wohl lohnen separat zu üben.

Einfachere Bedingungen, das wären vorhersagbare, lange in eine gleiche Richtung verlaufende Bewegungen, denen man vielleicht sogar mit dem eingangs erwähnten eingeschalteten Autofokus im Matrix-Modus folgen könnte. Eine Achterbahn zum Beispiel, an deren Längsachse man sich positionieren könnte – aber wohl zu weit weg und zu tief unten ist, um den restlichen Lichterzauber draufzukriegen.

Ketten sei dank. Aufwärts gibts wenig zu sehen.Mit Aufhellblitz und Hintergrund kommt mehr heraus - aber nicht genug.Ich entscheide mich für ein Ketten-Sitz-Karussell, den Autoscooter und eine der Schüttelbecher-Kreisbahnen namens Calypso. Letztere hat zwar auf den ersten Blick noch schwierigere Bedingungen, weil die einzelnen Gondeln innerhalb der Drehung des Ganzen Momente des Stillstandes mit enormer Beschleunigung vertauschen. Die aber verläuft einigermassen gerade und bietet die Möglichkeit, die Bewegung vorherzusehen und sich am richtigen Ort zu platzieren.

Zunächst ist anzumerken, dass es sich durchwegs um Nachtaufnahmen handelt. Das bedeutet, dass die Belichtungskorrektur um ein bis zwei EV-Werte gesenkt werden muss, damit die Kamera nicht weiterhin auf den genormten Durchschnittswert überbelichtet.

Zugleich schraube ich fast unentwegt am ISO-Empfindlichkeitsgrad. Hier haben Besitzer von Semi-Professionellen Kameras wie der Nikon D300 einen Vorteil, weil die neueren Geräte ISO-Werte von bis zu 6400 bei verhältnismässig geringem Rauschen erlauben. Trotzdem versuche ich, unter 2000 ISO zu bleiben.

Schliesslich ist eine ernüchternde Feststellung, dass sich für solche Gelegenheiten hochwertige, lichtstarke Objektive empfehlen. Mein allround- 18-200 mit einer Maximalblende von 3.5 ist ganz bestimmt nicht erste Wahl. Blendenwerte von 2.8 und geringer sind erstrebenswert – und Telezooms sind nun mal nicht für die Nacht geschaffen.

Aufhellblitz am Autoscooter. Jetzt sind schonmal Gesichter erkennbar....aber ohne Blitz und näher dran kommt mehr Stimmung rüber.Damit wären wir bei einem wichtigen Punkt bezogen auf die Bewegungsunschärfe: Um schöne Wischbilder zu kriegen, ist eine lange Brennweite bei grosser Blende zu bevorzugen. Dann gesellt sich zur relativ grösseren Bewegung des Hintergrunds noch der Schärfentiefeneffekt.

Am Kettenkarussell erkenne ich zunächst, dass es sich als Motiv weniger eignet, weil die Menschen hoch über meinen Köpfen und gegen den stockfinsteren Himmel hinweg sausen. Das bietet wenig Gelegenheit für verwischten Hintergrund.

Beim Autoscooter wird die Situation einfacher, weil die ganze Szenerie einigermassen gut ausgeleuchtet ist. Erschwerend wirkt hier aber, dass die Scooter keiner vorgespurten Bahn folgen. Das zwingt mich, mit einem grösseren Ausschnitt (kürzere Brennweite) und zugleich auf grössere Distanz zu arbeiten, was wiederum den Wischeffekt in Vorder-und Hintergrund erschwert. Entweder es ist zu viel Schärfentiefe vorhanden, oder aber ich erwische die an mir vorbei sausenden Scooter nicht sauber, weil sie zusätzlich grade einen Haken schlagen.

Solange sich nichts bewegt, ist es noch einfach, Stimmung einzufangen...Na Endlich. Dafür bin ich hergekommen.Die wilde Calypso schliesslich erweist sich als bestes Übungsobjekt. Denn trotz der vermeintlich unkalkulierbaren Bewegung der Gondeln ist schnell ein Ablaufmuster erkennbar, und ich kann mit der Kamera den einzelnen Personen folgen. Ausserdem wechseln sich Momente ab, in denen die verfolgte Gondel fast völlig stillsteht, während sich der Hintergrund bewegt, und umgekehrt.

Übrigens: Am Tag nach dieser Übung war ich nochmals unterwegs, diesmal in Begleitung zweier Freundinnen und ihrer Kinder. Man könnte glauben, das würde die Sache vereinfachen – tut es aber nicht. Man kümmert sich um alles andere, um nette Familienbilder und nicht stur um die beste Fotografie.

Und noch eine Erkenntnis, die ich schon bei andern Gelegenheiten gemacht habe: Bisweilen liegen die besten Motive und die schönsten Bilder weit neben dem, das man sich vorgenommen hat. Man sollte sich erlauben, diese Aufnahmen zu machen.

Stilleben in einer Basler Hintergasse. Weit weg von meiner selbstgestellten Aufgabe, aber ich fand das Bild so wunderbar anders.Auf dem Weg zum Münsterplatz mit dem Riesenrad: So stelle ich mir kindliche Vorfreude vor.

Fingerübungen
Jahrmarkt-Treiben
(12. November 2008)
3 Antworten
  1. Peter Sennhauser says:

    >>allerdings gehst du schon etwas sehr stark selbstkritisch mit dir um!

    Jaaaa, ich kompensier wohl einfach ein bisschen die Freundlichkeit meiner direkten peers. Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht am einen oder andern Bild erfreuen kann (und mich dennoch ärgere, dass es aufgrund der Unschärfe nicht wirklich vergrössert werden kann).

    Geht es Euch nicht auch so, dass es manchmal frustriert, wenn sich niemand getraut einem zu sagen, was an einem Bild nicht gefällt oder was eindeutig hätte besser gemacht werden können?

    Antworten
  2. martin says:

    super bericht mit interessanten tipps und einblicken. allerdings gehst du schon etwas sehr stark selbstkritisch mit dir um! ich jedenfalls bin doch stark beeindruckt vom einen oder anderen bild!

    vor allem auch, weil ich dieses jahr auch einmal kurz auf dem jahrmarkt in st. gallen war (auch wenn das fotografieren eher sekundär war und ich bereits vorher die olma inkl. der berüchtigten hallen 45 besucht hatte) und dabei selber festgestellt hatte, wie schwierig es ist, gute jahrmarkt-bilder zu schiessen.

    ich freue mich auf weitere solcher serien! für mich sind diese eine riesige bereicherung im fokussiert.com-angebot und stellen für amateure sicherlich auch eine echte hilfe dar (oder zumindest das wissen, dass andere mit ähnlichen herausforderungen kämpfen). weiter so :)

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  1. […] sich dort tummeln. Ich habe vor einem Jahr zwei Postings mit “Fingerübungen” zum Thema Jahrmarktstreiben und Fotografie […]

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