Alec Soth:
“Das Medium Fotografie
ist oft frustrierend.”

Peter Sennhauser, 23. November 2008 11:43 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Magnum-Fotograf Alec Soth über die Spannung auf der Jagd nach Bildern, die Würde der Modelle und seine Frustration beim Fotografieren: Vorab-Auszüge aus seinem ausführlichen Interview mit der Kulturzeitschrift “DU” – hier auf fokussiert.com.

Magnum-Fotograf Alec Soth gehört zu den führenden Vertretern der “next generation” in der internationalen Fotokunst. Die Kritik feiert seine Serien bereits als Fortführung der Tradition von Walker Evans, Robert Frank und Stephen Shore. In einem ausführlichen Interview mit dem renommierten Kulturmagazin “Du” (Ausgabe vom 3.12.2008) gibt der Fotograf aus dem mittleren Westen der USA tiefe Einblicke in seine Arbeitsweise.

Zuerst sei seine “Jagd” nicht sonderlich sportlich, gibt Alec Soth zu:

Der Magnum-Fotograf, der mit seinen melancholischen Arbeiten über das Leben am Mississippi und jüngst den Flitterwochen-Ausflugsort Niagara Falls keine Dokumentation, sondern seine eigene Erfahrung dieser Orte in fotografischer Lyrik darstellen will, sagt, dass er zu Beginn dieser Projekte einfach mal auf alles schiesst, was sich bewegt:

“Zunächst erlege ich auf ziemlich idiotische Weise viele kleine
Tiere. Das ist aber noch keine richtige Jagd – der Sportsgeist
schlummert noch. Erst beim Umherstreifen erkenne ich langsam,
wonach ich wirklich suche.”

Soth erzählt vergnügt, dass er zunächst keine Vorstellung dessen hat, was er bildlich umsetzen will, höchstens von der Analogie.

In Niagara Falls beispielsweise ging es ihm um Liebe, um Partnerschaft – was am Grenzort zwischen den USA und Kanada auch im übertragenen Sinne hätte verstanden werden können. Entsprechende Umsetzungsversuche aber hätten nicht funktioniert, sagt Soth.

Der Starfotograf ist nämlich nicht selten frustriert von seinem Medium. Nicht nur, weil ihm mit seiner Technik – Soth arbeitet mit Grossformat – jede Bewegung, und sei es nur die des Lichts durch die wandernde Sonne – in die Quere kommen kann:

“In der Tat ist es gerade dieser Jagdaspekt, der mich immer
wieder zur Fotografie zurückkehren lässt: der Spass beim
Suchen. Denn eigentlich ist das Medium an sich sehr ernüchternd und frustrierend. Die Fotografie eignet sich im Gegensatz zum Film oder Roman nur bedingt, um Geschichten zu
erzählen.”

Seine Serien seien denn auch weder dokumentarisch zu verstehen, noch wolle er eine Geschichte erzählen – es sei viel mehr eine Art Lyrik in Bildform, ein Gedicht oder ein Lied.

Das Gefühl der Jagd selber, das sich beim Lesen eines Buches einstellen könne, sei mit Fotografie nur im Rahmen einer Ausstellung mit grossformatigen Bildern zu erreichen, sagt Soth – und er gibt unverholen zu, dass es bei seiner Arbeit durchaus um Voyeurismus geht, darum, andere Menschen schamlos von oben bis unten mustern zu können – was er bei den Aufnahmesessions ohnehin tun muss, bei denen er den Modellen zwar weder persönlich noch physisch wirklich nahe sei, aber durch das Objektiv jeden Zentimeter betrachten könne.

“Ich glaube, dass wir das Bedürfnis haben, andere Menschen von oben bis unten zu mustern; nach einer Verbindung zu suchen oder festzustellen, dass keine besteht.
Das ist die grundsätzliche Melancholie des Mediums Fotografie. Es ist diejenige des Voyeurs, der nur beobachtet und sich eigentlich wünscht, dabei zu sein.”

Dieses unverschämte Anstarren könne das Publikum nur in einer Ausstellung mit Grossformatbildern selber nachvollziehen. Denn nur hier sei es quasi in der gleichen Position wie der Fotograf.

Soth wird bisweilen angegriffen, weil er die Zufallsbekanntschaften an seinen Arbeitsorten in blossstellender Weise zeige oder ihre Würde verletze. Er selbst ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst und sagt, er könne nur versuchen, alles zu tun, damit die Menschen ihre Würde behalten – echte Nähe oder eine anhaltende Freundschaft verbinde ihn mit den Modellen aber nicht.

Das überrascht dann doch, bis man seine Erklärung hört: Soth sucht das Gefühl, das sich einstelle, wenn man in einer Bar jemanden antreffe, für den man sich aufgrund rein äusserlicher Merkmale interessiere.

“Das ist es, was mich reizt: Ich achte ständig darauf, diesen speziellen Moment nicht zu verpassen. In meinen Auftrags- und Magazinarbeiten ist es anders. Da werde ich irgendwohin geschickt, um irgendwen zu fotografieren. Von hundert Menschen interessiert mich in der Regel aber nur einer – die Personen der Auftragsarbeiten gehören selten dazu.”

Zugleich aber will er auch den Menschen, die sich nach langer Erklärung und dem Unterschreiben eines Model-Releases (vor dem Shooting – anders wäre seine Freiheit zu stark beschränkt, sagt Soth) bisweilen nackt fotografiert, gar nicht näher kennenlernen.

“Ich kenne die Menschen nicht, die ich ablichte, ich möchte auch nicht alles über sie herausfinden. Zum einen, weil mir das persönlich unangenehm ist – bei sozialen Kontakten habe ich immer eine gewisse Angst. Andererseits will ich nicht die Person selbst zeigen, sondern lediglich ihre Erscheinung, ihr Äusseres. In so einem Bild steckt also sehr wenig Information, man kann nichts lernen. Trotzdem stellen die Betrachter eine Beziehung zur Person her. Das ist genau wie beim Menschen an der Bar, der Sie anzieht: Sie werden ihn nie wirklich kennenlernen, aber Sie lernen, weshalb Sie sich zu ihm hingezogen fühlen. Und damit lernen Sie etwas über sich selbst. Das interessiert mich: unsere Reaktion auf die fremden Menschen um uns herum.”

Das ausführliche Interview mit Alec Soth ist in der Dezember-Ausgabe der renommierten Kulturzeitschrift “DU” zu finden: “Weihnachten – Wiederkehr einer Sehnsucht”. Das Kulturmagazin erscheint am 3. Dezember am Kiosk und im Buchhandel. Es umfasst 140 Seiten für CHF 20.-/EUR 12.-

Die Arbeiten von Alec Soth sind derzeit im Fotomuseum Winterthur unter dem Titel “Der Raum zwischen uns” zu sehen: Werke aus “Sleeping by The Mississippi” und “Niagara”, aber auch aus “Dog Days. Bogota” und aus der neuen Arbeit “Portraits”. Die Ausstellung dauert noch bis 8. Februar 2009.

Alec Soth präsentiert ausserdem an einer Vernissage bei Haunch of Venison Zurich die Ausstellung “Last Days of W”: Eine “Feier/Requiem für die Bush Ära George W. Bush” in Form von Bildern aus den USA, die während Bushs 8 jähriger Regierungszeit entstanden sind und nicht den amerikanischen Traum, sondern den Niedergang des Imperiums zeigen. Die Bildserie öffne den Blick auf Bushs Vermächtnis: Soziale Krise und urbaner Zerfall, heisst es in der Pressemitteilung. Eine von Soth konzipierte und publizierte Zeitung führt durch die Ausstellung und ergänzt den sozialkritischen Kommentar der Bilder.

(Offenlegung: Ich bin gelegentlicher Mitarbeiter der Zeitschrift “Du”)

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1 Kommentar

  1. Michael K. Trout
    schrieb am 24. November 2008 um 11:35 Uhr (#)

    Alec Soth zählt für mich zu den (heute leider selten gewordenen) Sozialkritikern mit der Kamera. Wo andere Fotografen noch über Technik und Bearbeitung nachdenken, ist Soth längst weiter gezogen, um das nächste Zeitdokument einzufangen.
    Sozialfotografie, Ruhelosigkeit und Blick für Wesentliches sind große Traditionen in der Fotografie, die mit zunehmender Verbreiterung des Mediums in Künstlichkeit ertrinkt, anstatt dem eigenen Aussagethema genügend Raum zu verschaffen. Alec Soth beherrscht das, was anderen Fotografen oft nicht vermögen.

    Sehr guter Vorabbericht!

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