Blumenmakro:
Entdeckung im Gegenlicht

Eins der meistfotografierten Motive – Blumen – verlangt der Fotografin einiges ab, um zum speziellen Bild zu kommen. Eine Makroaufnahme von unten gegen die Sonne ist ein spannender Ansatz.

Kommentar der Fotografin:

Blume von hinten, aufgenommen im August in Bern mit einer Sony Cybershot DSC-P100 (Makro-Einstellung, Autofokus u. s. w., Kontrast etwas erhöht mit Microsoft Picture Manager). Ich mag es, wenn ich mit Makro-Aufnahmen Bilder erhalte, wie mein eigenes Auge sie nicht liefern kann.Hier gefallen mir vor allem die Farben, und wenn ich das Bild anschaue, habe ich das Gefühl, ich blicke direkt in die Sonne. Ich habe an dem Tag versucht, Strukturen zu fotografieren, also die Blumen so zu fotografieren, dass die Form der Blüten in den Hintergrund tritt und etwas anderes zu sehen ist.

Ich bin momentan in einer wilden Knips-Phase, unter der die Festplatte meines Computers ebenso wie meine Familie ein wenig leidet. Dabei bin ich per Zufall auf Eure Site gestossen und möchte Euch sehr herzlich danken für die Bildkritik. Sie ist enorm hilfreich! Seit ich sie lese, versuche ich mir z. B. klar zu machen, was die Aussage meines Bildes sein soll und knipse dann ein paar Bilder mehr auf dem Weg zum Optimum (während mein Jüngster gelangweilt eine Hauptstrasse überquert oder der Regen einsetzt …).

Peter Sennhauser meint zum Bild von Corinne Zalka Schweizer:

Ich mag keine Blumenbilder – meistens. Zu oft sagt sich der Fotograf oder die Fotografin, dass die Blume an sich schon “schön” ist und deshalb ein zusätzlicher Aufwand bei der Aufnahme nur stören könne.

Das Gegenteil ist der Fall. Blumen sind Farbenpracht, Symmetrie, lebendiger Inbegriff von bunter Ästhetik. Und sie sind so alltäglich, dass kaum ein Blumenbild unseren Blick mehr anziehen mag. Es verhält sich dabei nicht anders als mit Landschaften: So atemberaubend sie in Natur auch sein mögen, der Betrachter des Bildes kriegt davon den geringsten Teil mit. Wir setzen ihm einen Ausschnitt vor, einen flachen, tiefenlosen Abklatsch der Realität.

Es sei denn, wir machen uns auf Entdeckungsreise und suchen jenen Aspekt, jenes Licht oder jene Perspektive, welche die Schönheit auf neue, ungewohnte Art zeigt. Das Bild eines Rosenbeets von oben gehört sicher nicht dazu.

Die Gegenlichtaufnahme aus nächster Nähe von unten, die den eigentlich als unattraktiv geltenden Blütenstand und den Stil ins Bild rückt, eine zusätzliche Linienführung erlaubt und dabei die Farben ganz anders zeigt, als man sie im reflektierten Sonnenlicht von oben sieht – das hingegen ist ein toller Effekt, der die Blume in einer anderen, natürlichen Pracht ohne jedes Kitschelement wirken lässt. In einem Fall wie diesem, wahrscheinlich in greller Sonne, welche die dicken Blütenblätter nicht durchdringt, aber leuchten lässt, und mit einer Belichtung, welche die Schatten in den Kelchblättern fast im völligen Schwarz absaufen lässt, erzielst Du damit Leuchtkraft durch Kontrast und Räumlichkeit zugleich.

Ich bin der Meinung, Du hast mit dem Experiment eine Entdeckung gemacht, die sich weiter zu verfolgen lohnt. Grundsätzlich handelt es sich noch immer um ein recht konventionelles Blumenbild: Die Blüte steht im Zentrum, ihre Symmetrie dominiert das Bild und wird angenehm durchbrochen von Stil und grünen Kelchblättchen, deren Farbe fast nahtlos in ein Feuerwerk aus knallbunten Blütenblättern übergeht. Da kennen wir, das sagt sofort laut “Blume”.

Die Verstärkung des Kontrast bringt hier aber eine ganz spezielle Wirkung: Er schafft nicht nur Räumlichkeit und lässt das Motiv in alle Richtungen ins Bild hinein und aus diesem heraus ragen. Durch die verstärkten Schattenwerte entstehen an den Blütenblättern zusätzlich enorme Mengen an Farbvarianten, vom lodernden Gelb über glühendes Rot bis zum pastellfarbenen Lila. Ich könnte schwören, ein Blick auf die Blüte von der anderen, der “üblichen” Seite würde eine durchaus attraktive, aber vornehmlich lilafarbene Blume zeigen.

Die spektakuläre Wirkung hier verdankst Du wahrscheinlich dem Gegenlicht, das Dich zusätzlich unterstützt hat in der Steigerung des Kontrastumfangs. Diesen Aspekt würde ich weiter untersuchen. Ob dazu Makro nötig ist oder ob sich vielleicht sogar mit anderen Brennweiten weitere Effekte erzielt werden können, würde ich ebenso ausprobieren wie sämtliche Variationen von einzelnen Blütenblättern bis zur Gegenlichtaufnahme von unten in einem Blumenbeet. Weitere Abstraktion, das Abrücken vom Blumenbild, ist ebenfalls eine Strategie, die möglicherweise noch spannendere Bilder zu Tage fördert. Das war ja ursprünglich auch Deine Absicht.

Bereits ist es Dir hier gelungen, eine hinreissende Blumenaufnahme zu gestalten, weil Du just nach anderen Aspekten als den üblichen gesucht hast – ich wäre darüber schon recht stolz. Zugleich ist dies aber mehr als nur ein Glückstreffer beim Herumspielen mit dem Makro – auch wenn der Aspekt “Gegenlicht” nicht das war, was Du im Sinn hattest.

Solche Entdeckungen sind es, die uns Amateure und Selfmade-Fotografen neben viel Kopier-und Anschauungsarbeit bei den Profis weiterbringen. Ich würde jedenfalls damit weiterarbeiten und die Technik zu verfeinern suchen. Vielleicht erkennst Du plötzlich Deinen Ansatz in weltberühmten Bildern eines Profis wieder, vielleicht entwickelst Du die Idee von den Blumen langsam weiter auf andere Objekte, vielleicht entpuppt sich das ganze als Sackgasse.

Wichtig ist meiner Ansicht nach auf jeden Fall, dass man solche Bilder und ihre Entstehung nicht einfach mit dem Einkleben ins virtuelle Fotoalbum mit Stolz geschwellter Brust und ohne irgendeine Ahnung über die Gründe für den Erfolg schubladisiert, sondern sie untersucht, analysiert und dann damit versucht weiter zu arbeiten. Deine Familie wird ein Nachsehen haben, wenn Du nach und nach regelmässig solche Aufnahmen vorweisen kannst.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. CorinneZS
    schrieb am 5. Dezember 2008 um 10:07 Uhr (#)

    Lieber Herr Sennhauser
    Vielen herzlichen Dank für die ausführliche und motivierende Bildkritik. Ich glaube, ich werde weiter an der Abstraktion arbeiten – nicht nur, weil zur Zeit bei uns Schnee über allem liegt. Übrigens: Was ich mir bei dem Bild auch noch denke ist, dass es sich erstens um Werbe-Farben handelt (die typischen grellen Farben von Plastik) und es zweitens ein Postkarten-Format hat, sich also besser als Postkarte denn als Wandbild macht. Sozusagen Gebrauchsfotografie. Mit der man auch für Weleda-Produkte werben könnte. Eine Weleda-Postkarte vielleicht? Ich habe es hochgeladen, nachdem ich die Bildkritik zum Blumenbild vom 13. November 2008 gelesen hatte, quasi als Replik. Frage: Wäre das nicht eine Möglichkeit für fokussiert.com – Bildrepliken zuzulassen? Oder bin ich die Einzige, der beim Betrachten eines Bildes gleich ein anderes (manchmal ein eigenes) in den Sinn kommt?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 11. Dezember 2008 um 08:53 Uhr (#)

    Corinne – die Bildreplik ist ein alter Wunsch, den wir zu realisieren versuchen. Braucht aber wohl noch einen Moment.

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