Touristenmief:
Das Detail macht die Aussage

Wer mit einer Fotografie eine starke Aussage machen will, tut gut daran, den Betrachter leisen Selbstzweifeln zu überlassen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Pascal Reis).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Pascal Reis).


Kommentar des Fotografen:

Ich habe mich gefragt, wie man etwas fotografiert, das schon millionenmal fotografiert worden ist. Heraus gekommen ist diese traurige Szene: Touristen sitzen auch in den Ferien, wie zu Hause am Fernseher, vor diesem mystischen Gebilde und betrachten den Sonnenuntergang beim Essen und einer Dose Bier. Der schwarze Rahmen und das 16:9 Format soll den Fernseheindruck noch verstärken.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Pascal Reis:

Im Rahmen der gesellschaftskritischen Reportagefotografie – derzeit sehr en vogue – finde ich deine Aufnahme bemerkenswert. Von den technischen Mängeln (siehe unten) mal abgesehen, würde sie wohl in ein Australien-Projekt von Alec Soth passen. In Deinem Fall gibts aber noch einen Bonus, weil die Aufnahme nicht gestellt ist und eine äusserst einfache Aussage fotografisch überzeugend rüberbringt: Die Majestät des in der Sonne glühenden Ayers Rock und die Erbärmlichkeit eines Tourismus, der sie buchstäblich “konsumiert”.

Trotz dieser “Faust-aufs-Auge”-Aussage ist das Bild nämlich alles andere als platt. Es gibt seine Geschichte nicht auf den ersten Blick preis und lässt uns stocken und zweifeln – um uns dann erst mit einem Detail im Urteil zu bestätigen:

Nach einem ersten Blick auf den Felsen schweift unser Auge sofort auf die – seien wir höflich – breiten Rücken der Damen im Vordergrund, und wir versuchen zu ergründen, was genau sie da tun. Und während uns die beiden Frauen rechts noch in leisem Zweifel lassen – sie könnten behindert sein oder aus irgendwelchen anderen Gründen ausser Stande, den Monolithen zu erreichen, es wäre demnach eine ganz andere Bildaussage möglich – hilft uns die Touristin ganz links aus der Misere: Mit dem Teller auf den Knien und der Wasserflasche vor sich, stört sie das, was in den beiden anderen Fällen noch als demütige Andacht interpretiert werden könnte, indem sie mit dem Feldstecher zum Ayers Rock hinüberstiert. Als ob sie der offensichtlichen Magie des Felsens auf die Schliche kommen möchte.

Die Aufnahme einem Eingriff in Lightroom.

Die Aufnahme einem Eingriff in Lightroom.

Das macht das Bild für mich. Wären es nur die drei Rücken vor dem Felsen, ich würde es Postkartengag abtun (lustiger Aufdruck darüber: “Hier gibt’s wirklich grosse Brocken!” oder so.)

Ich habe meine Zweifel, ob Dir das im Moment der Aufnahme bewusst war, aber das mindert den Wert des Bildes nicht – denn es ist Dir jedenfalls gelungen, Deine Sicht der Dinge umzusetzen.

Die Lehre daraus kann aber sein: Statt nach der erstbesten Umsetzung der persönlichen Stimmung Ausschau zu halten, sollten wir uns vor dem Auslösen überlegen, was genau denn diese Stimmung ausmacht. Du kritisierst, dass die Touristen hier wie “daheim vor dem Fernseher” und “beim Essen mit einer Dose Bier” das Naturschauspiel betrachten – oder eben, unterschwellig in Deiner Aussage, entwürdigen. Draussen zu sitzen und den Sonnenuntergang zu bewundern allein ist nicht kritikwürdig – es mit Pappteller, Bier und Feldstecher zu tun, das ist es, woran Du Dich stösst.

Sobald dies klar ist, wird auch die Komposition des Bildes einfacher. Denn jetzt weisst Du, dass Feldstecher, Pappteller und Bier aufs Bild müssen – am besten allerdings so, dass sie ihre Botschaft transportieren, ohne im Bildzentrum zu stehen.

Demnach hättest Du versuchen können, Deine Perspektive ein klein wenig anzupassen, um die Dame links noch eindeutiger in ihrer Tätigkeit zu zeigen und vielleicht die Bierdosen der beiden andern ins Bild zu kriegen.

Die Bearbeitungsparameter in Lightroom

Die Bearbeitungsparameter in Lightroom

Technisch gesehen leidet die Aufnahme unter einem zu hohen Kontrast (Sonne und Schatten) und hätte eine sorgfältige Nachbearbeitung verdient. Das ist der Grund, weshalb ich ausschliesslich in RAW fotografiere – solche Bilder lassen sich als JPG kaum mehr wirklich retten, weil der Kontrastumfang bei diesem Format ganz einfach wegkomprimiert wird.

In Lightroom habe ich mit einer Korrektur der Belichtungsspitze, leicht verstärktem Kontrast, der “Klarheit-” Funktion (Kontrastverstärkung an Kanten und Linien), Fillight in den Schatten und gleichzeitig einer leichten Erhöhung der dunkelsten Bildwerte versucht, das Absaufen des eigentlichen Motivs – der drei Frauen – zu korrigieren.

An der Bildkomposition gibt es meiner Ansicht nach nicht viel zu kritisieren, zumal Du ja den Eindruck “Publikum vor dem Fernseher” erwecken wolltest.

Allerdings hätten eine grössere Brennweite und eine grössere Blende bei etwas mehr Abstand den Ayers Rock noch mehr in die Unschärfe fallen lassen, was dem Bild meiner Ansicht nach guttun würde.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare

  1. Hallo Peter

    Herzlichen Dank für die ausführliche Kritik. Selbstverständlich habe ich die Aufnahme im RAW gemacht um mir grösst möglichen Spielraum in der Bearbeitung zu erhalten. Die Frauen sind in Original heller als bei meiner eingesendeten Variante. Grund: Auch beim Fernsehen oder im Kino sitzt der Zuschauer eher im dunkeln. Ich war mir selber aber nicht sicher, welche Variante besser rüber kommt (und wenn man sich nicht sicher ist, schickt man mal eine dem Fokussiert-Team ;)).

    Es gibt auch noch eine ganze Reihe weiterer Aufnahmen auch mit mehreren Leuten die in Reih und Glied dasitzen und konsumieren. Den Uluru etwas mehr in der unschärfe versinken zu lassen müsste ich mal in Photoshop probieren.

    Einziges Detail das mich stört: der Anschnitt unten ist etwas knapp, da wäre dann Bierdose unten wohl etwas eher aufgefallen.

    Danke für die Anregungen, ich werde diese baldmöglichst mal umsetzen und vergleichen!

    Pascal

  2. Pascal, die Sache mit dem Publikum im Dunkeln stimmt zwar, aber erstens spricht das Bild auch so für sich, und zweitens (oder vielmehr umgekehrt) sind die Frauen dein Motiv und das, was mich als Betrachter an dem Bild interessiert.

    Wenn Du sie im Schatten versteckst, frustriert mich das und erweckt den Eindruck einer Fehlbelichtung. Die Qualität der Aufnahme liegt ja grade darin, dass sie genau das sagt, was Du beabsichtigt hast – da braucht sie zur Unterstützung weder das Format noch den Rahmen noch die Vordergrund-Dunkelheit.

    Solche Stützräder sind hier überflüssig. Entweder die Aufnahme stimmt, oder eben nicht (und dann können sie die Stützräder auch nicht retten).

  3. Also ganz so schwarz/weiss darf man die Hilfe von Stützrädern wahrscheinlich nicht sehen aber ich verstehe was du meinst. Vielen dank für das ergänzende Statement :)

  4. Vielleicht bin ich in solchen Dingen zu streng mit mir selbst, aber ich sage mir jeweils, wirklich Radfahren kann ich erst, wenn ich keine Stützräder mehr brauche. Und dann darf ich sie für spezielle Tricks mal gelegentlich wieder hervorkramen…

  5. Liebe Herren Reis und Sennhauser
    Mir ging es wie Ihnen, Herrn Sennhauser – ich hatten den Eindruck, dass die Personen “im Dunkeln” sitzen, sei Zeichen einer Fehlbelichtung. Den gedanklichen Link zum Fernsehen im Dunkeln machte ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich nicht im Dunkeln fernsehe ;-) Vielleicht ist nur Ihnen, Herr Reis, diese Bildaussage bewusst.

    Erstaunt hat mich der Tipp, den Berg unschärfer zu machen. Ja, genau, dachte ich, das ist es! Denn, Sie sagen es ja selber, Herr Reis, dieser Berg wurde schon viel fotografiert und wir verzichten deshalb gerne darauf, ihn im Detail anzuschauen.

    Interessant finde ich übrigens den Zaun, denn er wirft die Frage auf, wer ist drinnen und wer ist draussen. Oder, absurder, wird da ein Berg am flüchten gehindert?

  6. Vielleicht ist die Verknüpfung vom im dunkeln fernsehen wirklich etwas gar subjektiv. Wer so oft im Kino ist und zu Hause auch einen Beamer und Leinwand hat, wird dazu gezwungen :) Und es verleiht eine gewisse Ananymität und man verschmilzt in der Masse.

    Den Zaun verbinde ich mehr mit: “Bis hier hin und nicht weiter. Wenn ihr mich schon anglotzen müsst, macht das aus einem anständigen Abstand” :) Das ist aber mehr so eine nachher Interprätation als bewusste Bildgestaltung.

    Finde es aber interssant, die verschiedenen Interprätationen zu erörtern :)

  7. Das Bild ist auf jeden Fall ein Hingucker. Völlig hin und weg bin ich allerdings von “Lake Matheson” – bitte hochladen, Komplimente abräumen ;-)

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