Spiegelsee:
Gib mir eine Mitte

Landschaftsaufnahmen sind prädestiniert für Weitwinkelobjektive. Die sorgen für Weite, aber nicht für Tiefe: Darum muss sich der Fotograf mit der Komposition und entsprechender Schichtung selber kümmern.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Yves Dulex).

Kommentar des Fotografen:

Auf der Fahrt von Zürich nach Murmansk (3000km) fuhren wir plötzlich in Finnland an diesem spiegelglatten See vorbei. Nach einem abrupten Bremsmanöver hielt ich den faszinierenden Anblick mit zwei Fotos fest und erstellte in CS3 dann ein Panorama. Ich habe das Bild unzählige Male betrachtet und mittlerweile auch auf Leinwand aufgehängt, doch frage mich immer, wie dies ein Profi festgehalten hätte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Yves Dulex:

Auf den ersten Blick ist das eine wundervolle Landschaftsaufnahme mit einer schönen Gewichtung nach links. Ich will Dir die Freude an dem Bild keinesfalls vergällen. Allerdings wirkt die Aufnahme in der kleinen Vorschau unseres Auswahl-Tools deutlich besser als in der Vollansicht, wogegen sie in wandfüllendem Grossformat ebenfalls wieder ganz neue Qualität erreichen dürfte. Zweifellos ein gelungenes Panorama – und trotzdem fehlt mir bei genauerer Betrachtung einiges, das es hätte grossartig machen können:

Zunächst stört mich die oben wie unten angeschnittene Wolke. Das mag Geschmackssache sein, aber weil die Wattebäusche hier den wichtigsten Teil des Motivs ausmachen, würde ich die gleichen Regeln gelten lassen wie für Körperteile von Menschen und Tieren: Bitte nichts anschneiden. Entweder hättest Du den Ausschnitt erweitern oder darauf warten müssen, dass die Wolke aus dem Bild gezogen ist und den Nachfolgern Platz gemacht hat.

Aber das ist nur ein Detail. Schwerer fällt ins Gewicht, dass die absolute Ruhe sofort erfasst ist, danach aber nichts mehr mich in die Tiefe des Bildes hineinzieht. Ich rede noch nicht mal vom obligaten Wurzelstock, der ebenso einen typischen Vordergrund ergeben könnte wie der das flache Wasser gleich zu Deinen Füssen durchdringende Blick auf den Kieselgrund des Sees. Mir würde eine Blickführung entlang des Ufers reichen, etwas, das mich in die Hintergründe und die Weite dieser wundervollen Spiegelwelt hineinzieht.

Zum Beispiel die leichte Rundung des Schilfs am rechten Bildrand, die in einem Bogen in die Tiefe nach hinten führt.

Das Problem dabei ist, das ich diesen Bogen nicht wirklich erkenne, weil er fast auf der gleichen Höhe ist wie der ganze Rest der Uferlinie. Natürlich geht es in diesem Bild zum grössten Teil um die perfekte Spiegelung, die Symmetrie von Himmel und Wasseroberfläche, und deshalb hast Du auch entgegen den Regeln des goldenen Schnitts den Horizont in die absolute Mitte der Komposition gelegt. Das bietet sich bei Spiegelungen an, muss aber keineswegs immer die beste Lösung sein. Und wenn, dann wäre wiederum ein Bruch dieser Symmetrie jenes Element, das mich zur weiteren Erforschung bewegen würde.

Ein Ansatz zur Schaffung von Tiefe wäre, einen leicht erhöhten Standort zu finden und stärker von oben herab auf die Spiegelfläche zu blicken. Dabei hätte sich zugleich die Schilf-Uferlinie rechts in der Komposition nach unten bewegt und sich deutlich von der Geraden der entfernten Uferlinie abgehoben. Zusammen mit dem ins Blickfeld rückenden unmittelbaren Vordergrund (eben doch ein Blick auf die Dinge gleich zu Deinen Füssen?) ergäbe sich dadurch eine erkennbare Mitte, welche der Distanz Raum und Tiefe verleihen würde.

Eine andere, möglicherweise reizvolle Art, einen Vordergrund direkt in der Spiegelfläche zu schaffen, hätte darin bestanden, jemanden aus Deiner Begleitung einen kleinen Stein ins Wasser zu deiner Rechten werfen zu lassen und damit die Spiegelung zu brechen. Das hat den Nachteil, dass bei einem misslungenen Versuch eine längere Wartezeit ansteht, bis sich die Wasseroberfläche wieder beruhigt hat. Aber wer genau hinsieht, erkennt unmittelbar in der Spiegelung der grössten Wolke einen kleinen Wellenring, der das ansonsten zum Spiegel „degradierte“ Wasser an einem einzigen Punkt interessanter macht und für ein wenig Tiefenschichtung sorgt.

Nicht einmal ein Grad nach links müsste der Horizont gekippt werden, um in der Waagerechten zu sein.

Was mich auf jeden Fall stört und leider sehr häufig zu sehen ist, ist der minimal gekippte Horizont. Die Neigung ist kaum zu erkennen und trotzdem oder vielleicht grade deswegen so irritierend: Immer, wenn eine eindeutige Horizontlinie in einem Bild vorhanden ist, nehme ich mir die Mühe, mit dem Wasserwaage- Werkzeug (oder einfach einer waagerechten Linie in einem beliebigen Bildbearbeitungsprogramm) sicher zu stellen, dass der Horizont auch einer ist und nicht in eine Richtung abfällt. Hier ist es weniger als ein Grad, um das das Bild nach rechts gekippt ist, und trotzdem ist es mir auf Anhieb aufgefallen.

Ich hoffe, Du reisst jetzt nicht das Grossformat von der Wand und versuchst es neu zu beschneiden. Die Aufnahme verdient auf jeden Fall einen gut sichtbaren Platz.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Antworten
  1. Yves Dulex says:

    Vielen Dank zuerst mal für diese interessante Kritik! Tipps und Tricks, die mir vollkommen einleuchten wenn ich sie lese, vor Ort sollte man sie dann aber auch entsprechend „gespeichert“ und verfügbar haben.
    Vor allem den Tipp mit dem Stein finde ich clever, das wäre toll gewesen! Wer weiss, vielleicht fahre ich ja nächstes Jahr wieder an diesem See auf dem Weg vorbei….

    Was mich übrigens sehr erstaunt hat und mir auch heute noch ein Rätsel ist, dass auf den unbearbeiteten Bildern der See voller kleiner weissen Striche und Punkte war. Ob dies ein Fischschwarm, Spiegelungen oder was auch immer war – ein grosses Fragezeichen.

    Das Bild auf Leinwand hab ich nun 1 Grad auf der einen Seite abgesenkt, nun hängt (der Horizont) gerade an der Wand…. ;-)

    Nochmals Danke und viele Grüsse
    Yves

    Antworten

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