Nächtlicher Strand:
Technik im Weg

Peter Sennhauser, 29. Dezember 2008 11:21 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Nachtaufnahmen sind mit digitalen Kameras wesentlich einfacher zu erstellen als mit Film. Dabei wird aber sofort ersichtlich, ob der Fotograf die Technik im Griff hat oder sie ihn.

Kommentar der Fotografin:

Mitternacht am Strand von Bonassola am 16.6.08

Peter Sennhauser meint zum Bild von Irene Buetikofer:

Das ist eine typische Nachtaufnahme, wie sie mit unseren digitalen Kameras heute leicht erstellt werden kann: Mit Matrix-Messung übernimmt die Kamera alle Einstellungen und schiesst ein Bild, das ausgewogen belichtet ist. Und da liegt eines der Probleme dieser Aufnahme.

Leider sagst Du uns nicht, was Du mit dem Bild beabsichtigt hast. Das würde mehr Aufschluss darüber geben, in welche Richtung man die Aufnahmetechnik hätte anpassen müssen, um zu einem gewollten und nicht einem – wie ich vermute – zufälligen Resultat zu kommen:

Wolltest du diesen Effekt eines taghell erleuchteten, menschenleeren Strands mitten in der Nacht erzielen? Dann hättst Du die Überbelichtung links auf den Schirmen verhindern müssen. Oder wolltest Du eher ein klassisches Nachtbild mit klarem Vollmond schiessen? Dann hättest Du auf den Mond belichten müssen. Ging es um ein milchig-verwischtes Meer? dann wäre eine ganz andere Komposition nötig gewesen.

Aus dem Bild geht die Zielaussage leider nicht hervor, weil Technik und Komposition in keinem Fall optimal gewählt sind. Wärst du mit einer klaren Absicht und entsprechendem technischem Verständnis an die Aufgabe gegangen, dann wären die dabei unvermeidbaren Effekte im Bild noch vorhanden, aber sie würden kaum als Mängel der Aufnahme wahrgenommen.

Es gibt viel Unschärfe: Im bewegten Wasser, in den Sonnenschirmen, aber auch der Mond ist in der einen Minute weitergezogen und präsentiert sich deshalb als eigenartiges Ei. Die Belichtung ist weder genau korrekt auf die Schirme noch auf die Lichtquellen am Ufer oder auf den Mond eingestellt. Die durch die Langzeitaufnahme verwischte Brandung – ein spannender Effekt – kommt, weil nur durch die Liegestuhlreihen hindurch vermutbar – überhaupt nicht zur Geltung.

Ich vermute deshalb, Du hast die Kamera machen lassen – woran nichts auszusetzen ist – und warst über das Resultat, das sehr von der Szene abweicht, die Du gesehen hast – überrascht. Das passiert mir jedesmal, wenn ich mich an Nachtaufnahmen wage.

Bloss: Ein technisch überraschendes Resultat ist noch keine gute Fotografie. Um die zu erreichen, müssen wir die Ursachen für die verschiedenen Effekte verstehen – und sie dann bewusst einsetzen, um genau das Bild zu machen, das wir anstreben.

Zunächst: Die Automatik der Kamera ist auf eine durchschnittliche Belichtung geeicht. Das heisst, sie belichtet bei jeder Blende und jeder ISO-Empfindlichkeit (die früher mit der Wahl des Films beeinflusst wurde) so lange, dass ein Tageslichtbild mit durchschnittlichen Helligkeitswerten entsteht.

Das erklärt, warum Nachtaufnahmen häufig wie heller Tag aussehen. Die Kamera kann, anders als unser Auge, ganz einfach das Licht über eine bestimmte Zeit hinweg “kumulieren”. Diesem Effekt entgegenzuwirken, dazu dient die Belichtungskorrektur: Du sagst der Kamera mit +/- – Blendenwerten (EV), ob die Szenerie eher dunkler oder heller als “normal” ist.

Eine alternative Methode, um “korrekt” zu belichten, besteht darin, auf mittenzentrierte oder Spotmessung zu schalten und so eine Stelle im Bildausschnitt anzuvisieren, auf die belichtet werden soll, den Auslöser halb zu drücken und die Belichtungswerte zu speichern – die meisten Kameras verfügen dafür über eine Taste. Danach kannst Du das Bild neu komponieren, auf eine andere Stelle fokussieren und mit den gespeicherten Belichtungswerten auslösen.

Eine kleine Blende (grosse Blendenzahl) dient der erhöhten Schärfentiefe (scharfer Vordergrund, unscharfer Hintergrund) und der generellen Verminderung von Objektiveinflüssen, die sich in Unschärfen am Bildrand auswirken, verlangt aber mit jeder Blende eine doppelt so lange Belichtungszeit.

Die ISO-Empfindlichkeit sorgt für kürzere Belichtungszeiten bei ansonsten gleichbleibenden Werten zum Preis von mehr “Rauschen”: zufällig verfärbten Punkten vor allem in dunklen Bildpartien.

Je nachdem, was Du hier beabsichtigt hast, wären all diese Werte besser einsetzbar gewesen. Die volle Minute Belichtungszeit scheint mir namentlich angesichts des elliptischen Mondes zu lang. Egal, was Deine Absicht war – die Empfindlichkeit hättest Du auf mindestens 200 oder auch 400 ISO (deine Kamera beherrscht bis zu 1600 ISO) hochschrauben und damit die Verschlusszeit deutlich verkürzen können. Zusätzlich hätte eine grössere Blende die Zeit weiter verkürzt – angesichts des Weitwinkels von 35mm (Kleinbild), der Kompaktkamera und dem Abstand zum Motiv hätte das auf die Schärfentiefe wenig Einfluss gehabt.

All diese Korrekturen hätten die gleichen Tonwerte im Bild erlaubt, aber bei einer wesentlich kürzeren Zeit und damit weniger Bewegungsunschärfe.

Ging es Dir hingegen um eine andere, realistischere Lichtstimmung – sagen wir, den Mond – dann hättest Du mit der Spotmessung der Kamera auf das in dieser Stimmung hellste Objekt belichten müssen – also eben den Mond, oder die Sonnenschirme (an der hellsten Stelle – links im Bild).

Ging es schliesslich ganz bewusst um die Langzeitaufnahme – wofür als einziger Grund die milchige Totalverwischung der Brandung in Frage kommt, der Mond aber eigentlich aus der Komposition hätte wegfallen müssen, weil seine Bewegung schon ab einigen Sekunden Belichtungszeit sehr deutlich sichtbar wird – dann hätte das Bild völlig anders komponiert werden, der Standort anders gewählt werden müssen.

Das grossartige an der Digitalfotografie ist, dass all diese Dinge in einer einzigen Übung binnen zehn Minuten am gleichen Standort ausprobiert und verbessert werden können.

Wer das nächste Mal in einer solchen Situation ist, sollte sich die Szenerie anschauen und sich vorzustellen versuchen, welche Art von Bild er machen will. Und sich schrittweise (wichtig!) mit Hilfe der ISO-, Blenden-, Brennweiten-, Belichtungskorrektur- und allen anderen Einstellungen diesem Ziel annähern. Dabei lohnt es sich, alle Bilder zu behalten – ich lösche, wenn ich solche Übungen mache, nichts in der Kamera – und sie zu Hause in einer Software, welche sie mit Kameradaten (Exif-Informationen) anzeigt genau unter die Lupe zu nehmen. Das Verständnis für die Auswirkungen der Technik kann kaum schneller gesteigert werden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. Irene Bütikofer
    schrieb am 5. Januar 2009 um 17:37 Uhr (#)

    Vielen Dank für die Fotokritik!! Sie hilft mir wirklich weiter.

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