Lachschnappschuss:
Ein Gemetzel

Porträt-Schnappschüsse wirken oft viel natürlicher als von Laien angefertigte „echte“ Porträts. Angeschnittene Menschen allerdings sind immer ein Unglück.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Berenice Fischer).

Kommentar der Fotografin:

Dieses Foto habe ich vor etwa einem Jahr gemacht, als meine Freundin lachen musste, habe ich schnell abgedrückt. Es tut mir leid, dass ich keine genauere Angaben über Belichtung machen kann.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Berenice Fischer:

Zuerst: Glücklicherweise musst Du die technischen Daten des Bildes nicht wissen, Deine Kamera hat sie für Dich notiert (Exif-Daten im Bild).

Manchmal gelingen einem die besten Fotos, wenn man gar nicht darauf gefasst ist. Wir haben in dieser Rubrik schon so manches Porträt behandelt, das in einer ganz anderen Situation als auf einem Barhocker vor einem Endlos-Hintergrund entstanden ist.

Vielfach wirken diese Aufnahmen um Welten lebhafter, echter und die abgebildeten Menschen „schöner“ als im Fall der mit viel Aufwand gestellten Porträts. Ein guter Porträtfotograf schafft es, sein Modell auch in der gestellten Situation spontan und frei wirken zu lassen.

Diese Aufnahme ist nun zwar in keinem Fall ein typisches Porträt, aber es könnte eine sehr erfrischende andere Seite eines Menschen zeigen. Das Bild hat dabei zwei ganz grundlegende Probleme.

Das erste besteht darin, dass uns an anderen Menschen auf jeden Fall die Augen interessieren. Das „Fenster zur Seele“ macht viel davon aus, wie ein Gegenüber auf uns wirkt, und nicht umsonst reicht zur anonymisierung von Menschen in Fotos ein relativ schmaler schwarzer Balken über den Augen: Ohne sie wirkt ein Gesicht so viel anders, dass wir es kaum mehr wiedererkennen.

Schliesslich gibt es in einem Gesicht auch nur einen einzigen Punkt, auf den wir scharf stellen – die Augen oder vielmehr das der Kamera näher liegende Auge, und nicht etwa die Nasenspitze oder der Mund, auch wenn es sich dabei um ein besonders schönes Exemplar handeln sollte.

Viel gravierender allerdings ist hier der angeschnittene Kopf. Eine simple fotografische Grundregel besagt, dass man Menschen (und nach meinem Dafürhalten auch Tieren) mit der Komposition niemals Körperteile abschneiden darf. Nichts wirkt so stümperhaft wie die abgeschnittenen Füsse auf dem Familien-Gruppenbild, eine fehlende Hand oder längs halbierte Menschen am Bildrand. Natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel, und ein Kopf-, Brust- oder Halbtotalen-Porträt schneidet den Menschen ja ganz bewusst entwei – aber das ist das Stichwort: bewusst.

Sobald aber ein wesentlicher Körperteil fehlt oder – noch schlimmer – angeschnitten ist, wird überaus deutlich, dass die Fotografin entweder nicht aufgepasst hat oder die Situation nichts anderes zuliess. Letzteres ist akzeptabel bei Fotos, die einen einmaligen Vorgang dokumentieren. Dass deine Freundin in Gelächter ausbricht, das gehört ja hoffentlich nicht in diese Kategorie – aber ein Porträt mit zwei Dritteln meines Gesichts und angeschnittener Nase fände ich selbst dann nicht schmeichelhaft, wenn auf den Überresten des Gemetzels meine beste Laune in attraktivster Weise sichtbar wäre.

Was also kannst Du tun? Du kannst üben. Denn auch spontane Schnellschüsse müssen nicht Schnappschüsse sein: Du kannst üben, die Kamera schnell zur Hand zu nehmen und selbst ein situationsbedingtes Bild einer Freundin blitzschnell zu komponieren, darauf zu schauen, dass nichts Wesentliches aus dem Bildrahmen fällt, dass die Schärfe am richtigen Ort sitzt – und genau dann abdrücken, vielleicht sogar mehrmals.

Aus der ganzen Serie von Bildern suchst Du dann das heraus, auf der dein Modell am besten aussieht, einen intakten Körper besitzt und die Komik der Situation am besten rüberkommt.

Das ist Fotografie: Malen mit Licht, mit einem maximum an möglicher Kontrolle durch Dich, die Malerin. Dazu gehört auch die Auswahl des Bildes, am besten am PC und nicht auf der Kamera, wo man schnell die Qualität einer Aufnahme übersieht, und die bewusste Entscheidung, ob etwas ein gutes Bild ist, welches aus einer Serie das beste ist – und eben auch mal die, dass das zwar ein gutes Bild hätte werden können, es leider aber – buchstäblich – nur zur Hälfte geworden ist.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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