HDR Photomatix 3.0 im Test:
Hohe Kontraste reduzieren

Wolf-Dieter Roth, 4. Januar 2009 10:43 Uhr, 9 Kommentare Kommentare

Photomatix, die bekannteste HDR-Software, ist inzwischen in der Version 3.0 verfügbar. Wie schwer ist das Programm ohne große Einarbeitung bedienbar?

HDR-Fotografie wurde 2008 von der Allgemeinheit entdeckt und in der Folge etwas gehypt.

Solange die Kameras diese Funktionen nicht selbst anbieten, dürfte das Verfahren für den Normalfotografen zu kompliziert und unnötig sein.

Doch in bestimmten Situationen kann HDR – oder auch HDRI (High Dynamic Range Imaging) – interessantere und bessere Bilder erzeugen.

Damit das Spaß macht, ist es wichtig, daß eine HDR-Software einfach zu bedienen ist – weil man sie eben nur gelegentlich einsetzt. Kann Photomatix 3.0, eines der bekanntesten speziellen HDR-Programme, dies bieten?

Wir haben die Software ausgiebig getestet und verschiedene Anwendungsmuster untersucht:

Einfache HDR-Funktionen bietet schon Photoshop, und manuell macht mancher Fotoamateur HDR-ähnliche Bilder, indem er unter- und überbelichtete Aufnahmen desselben Motivs übereinanderkopiert und dabei die jeweils unbrauchbaren Teile ausblendet.

In Photomatix heißt diese Funktion “Fusion”. Sie kann nur auf solche echten Belichtungsreihen – oder aus RAW-Dateien unterschiedlich entwickelte Teilbilder – zurückgreifen. Im Test erzeugte Photomatix hierbei jedoch leicht Speicherprobleme, wenn man zuviele Einzelbilder zusammen kopieren will.

Richtiges HDR ist dieses Zusammenkopieren jedoch ohnehin nicht, und wer dazu eine RAW-Datei als Vorlage benutzt, kann eigentlich besser im RAW-Konverter seiner Wahl den Kontrast soweit herunterziehen, bis er die Dynamik seines Motivs auf darstellbare Werte reduziert hat.

Und genau darum geht es bei HDR: Zunächst einen höheren Kontrastbereich aufzunehmen, als ihn konventionelle Verfahren bieten – und dann diese auf heutigen Monitoren und Druckern nicht darstellbare Dynamik soweit zu komprimieren, daß sie wiederegeben werden kann. So, wie es ein Limiter oder Dynamikkompressor in der Audiotechnik tut.

Wer auch nur ein bißchen Ahnung von Audiotechnik hat, wird beim Wort “Dynamikkompression” das Gesicht verziehen und sich an die “Automatik-Aussteuerungen” alter Kassettenrekorder erinnern: Sie verhinderten zwar Verzerrungen oder im Rauschen untergehende Töne, doch angenehm oder natürlich war das Ergebnis oft nicht.

Und genau dasselbe passiert auch bei Experimenten mit HDR-Software sehr leicht: kreischbunte, irreale Bilder, die so beeindruckend sind wie Fisheye-Bilder, doch deren man ebenso schnell überdrüssig wird.

So einfach ist es nämlich gar nicht, die hohe Dynamik echter HDR-Aufnahmen zu komprimieren. Leicht entstehen dabei unnatürlich bunte, doch irgendwie flaue Bilder. Das oben zu sehende Foto der “Print-Academy Heidelberg” ist so ein Fall: Eine HDR-Bearbeitung ergibt zwar ein durchaus interessantes und technisch korrektes, doch in der Praxis untaugliches Bild.

Kein Wunder: Das Original hat ja schon Probleme mit zu geringem Kontrast durch Spiegelungen im Glas. HDR reduziert die Kontraste noch weiter und verschlimmert hier nur die Situation, statt sie zu verbessern. Im Artikel auf medienlese.com wurde stattdessen ein mit einem RAW-Konverter in Farbe, Helligkeit und Kontrast optimiertes und noch um die überflüssige Straße im Vordergrund bereinigtes Bild verwendet.

Sinnvoll ist eine HDR-Bearbeitung also nur bei Motiven, deren Kontrast für heutige Bildwiedergabesysteme zu hoch ist. Ein gelungener Fall ist das Buchloer Weihnachtshaus. Eine andere typische Situation sind dunkle Innenräume mit Fenstern wie im Kirchenbild am Anfang oder umgekehrt Außenaufnahmen mit dunklen Innenelementen.

Der Workflow bei der HDR-Bearbeitung ist also zunächst, die Einzelbilder einer Belichtungsreihe zu einem überkontraststarken 32-Bit-Bild zusammenzufügen, und anschließend dieses per Dynamikkompression, “Tone Mapping” genannt, auf etwas Darstellbares herunterzubrechen.

Bei Photomatix 3.0 gibt es hierzu einerseits die einfache Reduktion des Kontrasts, “Tone Compressor” genannt. Andererseits eine Hochpaß-Funktion, die zwar die starken Kontraste reduziert, aber die Mikrokontraste in Details beibehält, damit das Ergebnis nicht flau wirkt. Dies nennt Photomatix “Details Enhancer”; das Verfahren erzeugt die typischen surrealistischen, überscharfen und unwirklichen HDR-Bilder.

Der Detail Enhancer wirkt meist interessant, doch selten natürlich. Und er liefert angesichts seiner technischen Funktion extrem verrauschte Ergebnisse, wenn die Vorlage bereits von Bildrauschen geplagt war. Die oben zu sehenden Kirchenaufnahmen wurden in einer Zürcher Kirche ohne Stativ – da nicht erlaubt – mit einer Kompaktkamera bei dann notgedrungenen ISO 800 gemacht. Das dabei bereits normal auffällige Bildrauschen steigert sich mit dem Detail Enhancer in solch extreme Regionen, daß man sich über die an sich gelungene Darstellung der hellen Glasfenster und der dunklen Wand in einem Bild nicht mehr wirklich freuen kann.

Angenehm an Photomatix 3.0 ist aber, daß es gängige RAW-Formate auch direkt einlesen kann. Damit werden auch HDR-Aufnahen ohne Stativ leicht realisierbar, die natürlich nicht dieselben Kontraste bieten können, aber immer noch besser sind als die normalen JPGs.

Das Menü für diese Funktion ist etwas besser versteckt und wird nicht vom Photomatix-HDR-Assistenten abgedeckt, wie bei der Verwendung von Belichtungsreihen. Doch insgesamt ist Photomatix ohne Anleitung und Einarbeitung von allen Computer-Anwendern verwendbar, die schon zumindest grundlegende Erfahrungen mit Bildbearbeitung haben. Man muß nicht täglich mit HDR-Bildern arbeiten, um das Programm benutzen zu können.

Allerdings garantiert Photomatix angesichts der Problematiken von HDR keine optisch ansprechenden Ergebnisse nach Schema F, sondern man muß auch bei für HDR geeigneten Motiven eine Weile an den verfügbaren Reglern herumdrehen, um akzeptable Ergebnisse zu erhalten.

Photomatix 3.0 für Windows XP, Windows Vista oder Mac OS X, Franzis-Verlag, 98 Euro Box-Version, 89,25 Euro Download-Version, kostenloser Test möglich.

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9 Kommentare

  1. János
    schrieb am 6. Januar 2009 um 02:29 Uhr (#)

    …”HDR ist inzwischen in der Version 3.0 verfügbar”…schreibt der Autor am 4.Januar. Schade, dass Herr Roth nicht über die bereits im Dezember erschienene 3.1 Version dieses Programms schreibt. Da hat sich vor allem beim Bildrauschen und bei der Bedienung der Tonemapping Funktion, zumindest oberflächlich, einiges getan. Ansonsten lesenswerter und anschaulicher Artikel.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 6. Januar 2009 um 11:47 Uhr (#)

    Bei Franzis gibt es bislang keine 3.1.2, nur die 3.0. Wenn ich die FAQ von HDRsoft lese, so könnte es durchaus Probleme mit der Lizenz geben, wenn ich die 3.1.2. direkt von HDRSoft einfach über die 3.0.3. von Franzis installiere. Solange ich da keine Auskunft habe, möchte ich das nicht empfehlen.

    Da bei Franzis noch alle im Weihnachtsurlaub sind, warte ich noch auf Rückmeldung.

    Die Preise von HDRSoft direkt sind übrigens ähnlich, da HDRSoft Nettopreise angibt.

    http://www.hdrsoft.com/de/order.html

    Update: HDRSoft hat sich gerade gemeldet und bestätigt, daß die 3.1.2. auch mit der Franzis-Lizenz läuft. Download:

    http://www.hdrsoft.com/de/download.html

  3. David
    schrieb am 8. Januar 2009 um 00:14 Uhr (#)

    Wurde eigentlich die automatische Registrierung der Bilder verbessert? Ich habe Photomatix recht schnell verworfen, da in der Version 2 auch die angeblich fortgeschrittene Registrierung bei Belichtungsreihen “aus der Hand” grobe Mängel hatte. Die bessere Alternative war damals, die Bilder in Photoshop zu registrieren (Ebenen ausrichten), auch das HDR im Photoshop zu berechnen und nur noch das Tone Mapping in Photomatix zu machen.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 8. Januar 2009 um 09:38 Uhr (#)

    Da ich nur mit Stativ bzw. RAW gearbeitet habe, kann ich Dir das nicht beantworten. Belichtungsreihen aus der Hand nutze ich nicht, da meine Kamera bei Serienaufnahmen nicht die Schnellste ist (vor allem nicht mit RAW, was ich eigentlich immer an habe) und auch den dafür sinnvollen Bracket-Abstand von 2 Lichtwerten (oder 5 Reihenaufnahmen statt nur 3) nicht bietet.

    Die Belichtungsreihen beim Weihnachtshaus sind ganz normal manuell eingestellt, so wie ich das bei Nachtaufnahmen immer mache. Dort ist allerdings nur der Weihnachtsmann am Strick bewegt, weshalb der auch in den aus Belichtungsreihen erzeugten Aufnahmen mehrfach erscheint – das kann kein Programm ändern.

    Ich würde statt Belichtungsreihen trotz der geringeren Dynamik RAW empfehlen, wenn es HDR ohne Stativ – und gar noch mit bewegten Objekten – sein muß. Beim Weihnachtshaus ist das Titelbild aus einem RAW erzeugt, obwohl ich auch Belichtungsreihen zur Verfügung hatte. Es war qualitativ kein Unterschied sichtbar. Allerdings empfehle ich für diese Technik keine Kompaktkamera in Innenräumen, da ist die Dynamik bei höherer ISO-Einstellung zu schwach und das Rauschen auch mit 3.1.2. noch zu hoch.

  5. David
    schrieb am 9. Januar 2009 um 17:28 Uhr (#)

    Ich stimme Dir zu, wenn RAW die Dynamik noch einfängt, dann sollte man es auf jeden Fall nutzen. Gerade in den Tiefen ist ja oft noch sehr viel zu holen.

    Ansonsten habe ich eigentlich ganz gute Erfahrungen mit HDRs aus Hand gemacht, wobei meine Kamera auch auf RAW tatsächlich recht schnell ist und bis zu 9 Bilder in einem Burst macht. Man kann sich freilich streiten obs für HDR unbedingt RAW sein muss oder obs nicht ein JPG auf einer neutralen Einstellung auch tut. Das Bild muss ja eh nachbearbeitet werden und die Dynamik kommt dann vom HDR. Voraussetzung ist natürlich ein statisches Motiv und die Registrierung der Aufnahmen in Photoshop. Registrierung und HDR-Berechnung (ohne Tonemapping) kann man übrigens seit Version 2 mit einem Mausklick direkt aus Lightroom starten.

    Fürs Tonemapping gibts übrigens auch gute Freeware, wenn man nicht gerade den unsäglichen Photomatix-Look will, mit dem man auch fürs Photo einer Kloschüssel auf Flicker viel Ah und Oh erntet. (Na gut, das ist übertrieben, aber nur leicht…)

  6. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 9. Januar 2009 um 18:08 Uhr (#)

    @David: Photomatix kann nur entweder ein RAW direkt verarbeiten oder mehrere JPGs. Bei Belichtungsreihen müßten es also ohnehin die JPGs sein.

    Ich habe nur gerne von Aufnahmen auch ein RAW, um immer die Option zu haben, noch zu korrigieren.

    Photoshop mag ich einfach nicht besonders, ich arbeite normal nur mit Camera Raw und wenn, dann schlankeren Bildbearbeitungen als PS, auch wenn Adobe das leider sabotiert und Camera Raw künstlich zum Photoshop-Plugin degradiert, obwohl es ein eigenständiges Programm ist. Bei 14-Bit-NEFs muß dann z.B. immer erstmal der fette Photoshop im Hintergrund geladen werden, bevor man sie gnädigerweise in Bridge/CR öffnen darf. Man könnte ja am Ende zuviel RAM zum Arbeiten haben, das darf natürlich nicht passieren…

    Lightroom ist mir als Bildbetrachter und -sortierer auch zu langsam. Ich versuche es gerade wieder, aber immer diese enormen “Denkpausen”…grrr…beim RAW-Verarbeiten ist es natürlich prinzipiell gleichwertig zu CR und im Vergleich zu anderen RAW-Konvertern schnell bedienbar.

    Im Normalfall mache ich aber HDR-ähnliche Dinge bei Bedarf vom RAW direkt mit CR/LR, durch Runterdrehen des Kontrasts und Erhöhen von Sättigung/Lebendigkeit. Erreicht nicht den Kontrastumfang echten HDRs, aber auch nicht die möglichen geschmacklichen Fehltritte oder Übertreibungen, und geht um einiges schneller. Und wenn man was Spezielles will, ist Photomatix schon ok. Kloschüssel…naja, da hat es so manche schon ins Museum geschafft, also warum nicht? :-)))

  7. David
    schrieb am 11. Januar 2009 um 16:59 Uhr (#)

    Ja, Lightroom kann schon eine Qual sein. Sogar auf meinem Schnellen Bürorechner ist es nicht wirklich flüssig.

    Wenn Du Photoshop nicht so magst wurde ich Dir einen Blick auf Capture Nx 2 empfehlen, zumal Du offenbar mit Nikon arbeitest. Das ist mittlerweile meine “Geheimwaffe”. Professioneller als Lightroom (jetzt bitte keinen Flamewar wegen der Bemerkung), nicht so groß wie PS, alles nicht-destruktiv und ein paar wirklich geniale Tools für lokale Manipulation.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 12. Januar 2009 um 20:34 Uhr (#)

    David, nein, Nikon habe ich bislang nur getestet, selbst verwende ich aktuell Olympus (DSLR) und Panasonic (Kompakt). Das ist auch der Grund, kein herstellerspezifisches RAW-Programm zu verwenden.

    Silkypix ist gut bei der Rauscfilterung, aber unelegant in der Bedienung. Daher Camera RAW / Lightroom.

    Photoshop benötige ich zur Bildbearbeitung eigentlich nie, höchstens zum Skalieren, und da ist Paint Shop Pro schneller.

  9. David
    schrieb am 12. Januar 2009 um 23:23 Uhr (#)

    @Wolf-Dieter: Achso, ich kam drauf weil Du was von “14-Bit-NEFs” geschrieben hast, und die RAWs von Nikon enden auf NEF. Capture NX2 kann übrigens auch (16 bit) TIFFs bearbeiten, aber das wäre dann natürlich kein besonders eleganter Workflow mehr.

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